Als der Drang nach Freiheit größer wurde als die Angst

Herbst '89 Am Montagabend erinnert Plauen an die erste Demonstration vor 30 Jahren. Protagonisten von damals sind heute stadtbekannt. Unter den tausenden Teilnehmern waren viele junge Leute. Drei davon schildern, wie sie die Demonstration erlebten.

Plauen.

Es war die schiere Masse an Menschen, die am 7. Oktober 1989 in Plauen das Einlenken der DDR-Staatsmacht erzwang. Wenngleich die Angaben über die Zahl der Teilnehmer heute je nach Quelle zwischen 12.000 und 17.500 Menschen schwanken - einig sind sich Chronisten und Historiker darin: "Plauen war die erste ostdeutsche Gemeinde, die einen geeinten Willen zur Wende ausdrückte, sie war die einzige Gemeinde, in der der ostdeutsche Umbruch eine Sache der Massen war." So schreibt es Harvard- Historiker John Connelly im Buch "Bürgermut macht Politik".

Auffallend viele junge Leute waren aufgrund der Perspektivlosigkeit, die das enge DDR-System zunehmend vermittelte, unter den Demonstranten. Die "Freie Presse" hat mit drei von ihnen gesprochen, die damals noch Schüler waren: Wie erinnern sie sich? Wie ging ihr Weg weiter?

Michael Oberdorfer (46) sagt den heute noch besonders klingenden Satz: "Ich war nicht zufällig vor Ort." Als Zeitzeuge einer Veranstaltung des Diesterweg-Gymnasiums hat er das genauer erklärt. Er habe damals durch ein Flugblatt und Mundpropaganda erfahren, dass am Tunnel etwas geplant war: "Das wollte ich nicht verpassen", so Oberdorfer. Allerdings habe sein Vater Geburtstag gehabt, so dass er letztlich nicht die gesamte Zeit über anwesend war. Doch die reichte aus, um die Ereignisse nie zu vergessen: "Der Hubschrauber und der Wasserwerfer, das war alles sehr beklemmend", sagt er. Was für einige Demonstranten nach deren Festnahme Realität war - die eiskalte, verregnete Nacht im Hof des Gefängnisses, deren Angst - sei an ihm glücklicherweise vorbei gegangen: "Es ist schnell bekannt geworden, was das für ein Horror gewesen ist. Viele wollen bis heute nicht darüber reden."

Oberdorfer war 16, ging in die 11.Klasse der Erweiterten Oberschule Erich Weinert (EOS/heute Diesterweg-Gymnasium), wollte Jura studieren. Er habe sich ungern angepasst, sagt er. Besonders die wehrpolitischen Gespräche - ein Überreden, für drei Jahre in der Nationalen Volksarmee zu dienen - hätten ihn genervt. Er trug mühsam selbst zerfetzte Jeanshosen: "Heute wäre das kein Aufreger, damals musste ich mir von manchem Lehrer anhören, dass sich das für einen EOS-Schüler nicht ziemt."

An die Wendezeit erinnert sich Oberdorfer insgesamt als großes Abenteuer. "Am Tag nach der Grenzöffnung, das war ein Freitag, sind wir abends zu zweit auf dem Motorrad ... auf die Autobahn gen Westen", erzählt er, zum Grenzübergang Rudolphstein. Das Ziel: Eine Disco in Naila. Den Stau konnten die jungen Männer mit ihrem Motorrad gut umfahren. 22 Uhr öffneten sie die Tür zur Diskothek. Dort sei es wider Erwarten anders zugegangen als sie sich vorgestellt hatten, schmunzelt er. Heute leitet Oberdorfer eine Versicherungsagentur in Plauen, ist verheiratet, Vater einer Tochter. Hin und wieder wolle sie wissen, wie das damals alles gewesen sei. "Ich habe ihr gesagt, es sei so, als wenn wir nächsten Monat plötzlich nach New York ziehen würden", hat er der 14-Jährigen erklärt.

Monique Dorsch, Jahrgang 1973, war mit ihrer Mutter in der Stadt. Als 15-Jährige habe sie ziemlich schnell Angst bekommen wegen der Menschenmassen und der Konfrontation mit Kräften der Staatsmacht: "Wir wussten nicht, wie es ausgehen würde." Sie habe ihre Mutter also überredet, doch lieber nach Hause zu gehen. "Auf dem Weg kamen wir am Volkspolizeikreisamt vorbei." Überall standen Einsatzfahrzeuge und Uniformierte. Sie sei geschockt gewesen. Im Nachhinein, erinnert sie sich an die folgende Zeit, sei es für sie komisch gewesen, "dass plötzlich alles nichts mehr wert sein sollte - die Schulbücher und unser Unterricht generell". Positiv hat sie bis heute in Erinnerung, dass samstags dann keine Schule mehr stattfand. Als die Grenzen offen waren, erfüllte sich Dorsch im Juli 1990 einen Traum: "Ich wollte schon immer in die Alpen." Bis heute ist Österreich für sie ein persönlicher Hotspot geblieben: 14 Jahre lang hatte sie in der Hauptstadt Wien einen Lehrauftrag, heute ist sie Professorin für Verkehrsbetriebswirtschaftslehre an der Westsächsischen Hochschule in Zwickau. Zuvor studierte sie Betriebswirtschaft unter anderem in Schweden und den Niederlanden - was ohne Mauerfall nie möglich gewesen wäre.

Daniela Düing, geborene Schürer, ist eine Schulkameradin von Monique Dorsch. Die Zeit vor der Wende hatte Konsequenzen für ihr Leben: "Manchmal war ich etwas frech, deshalb durfte ich mein Abitur nicht machen, obwohl ich schon zwei Jahre lang in die Sprachklasse gegangen war." Diese besuchte man ab Klasse 9. "Ich war nicht systemtreu", sagt sie. Die offizielle Begründung dafür, von der Penne zu fliegen, sei eine 3 in Mathe gewesen. Düing ist heute Pharmazeutisch-technische Assistentin, Mutter von drei Kindern und lebt nach wie vor in Plauen. Am Tag der Demo traf sie sich mit ihrem Freund in der Stadt. Alles sei angsteinflößend gewesen: Schäferhunde an Seite der Polizisten, Schlagstöcke und Schutzschilde. Tags drauf wurde in der Schule diskutiert, blickt sie zurück, auch im Fach Staatsbürgerkunde. "Unser Lehrer war sehr besonnen", sagt Düing.


Dietmar Bräunig erinnert sich

Am 5. Oktober 1989 wurden wir Plauener Pfarrer morgens 8 Uhr von unserem damaligen Superintendenten Thomas Küttler zusammengerufen. Ausgangspunkt war das Stadtgespräch, wonach gegen 18Uhr in der Markuskirche das Neue Forum gegründet werden sollte. Um mögliche Gewalt durch die "Staatsorgane" zu verhindern, beschlossen wir, eine Friedensandacht in der Kirche abzuhalten, in der Anliegen der neu entstandenen Opposition zur Sprache kommen könnten.

Ausgangspunkt für die Entwicklung in Plauen waren nicht nur die Polizeieinsätze während der Durchreise der Flüchtlingszüge, sondern auch das mutige Handeln jener Gruppe junger Leute, die die Fälschung der Kommunalwahlen vom Mai öffentlich gemacht hatten. Sie wollten wir in dieser Situation nicht im Stich lassen.

Im Hinterkopf hatten wir alle die Haltung der damaligen Staatsführung, die den blutigen Niederschlag demokratischer Kräfte in China als "Chinesische Lösung" begrüßt hatte. Ähnliches zu verhindern, bewog uns zum Handeln.

Der Platz vor der Kirche füllte sich gegen 17.30 Uhr immer mehr. So musste eine zweite Friedensandacht improvisiert werden, was dann auch gelang. Der gesamte Kirchplatz war umstellt von bewaffneter Polizei und den sogenannten Kampfgruppen.

Mein Kollege Pfarrer Dietrich Greiner, der Arzt Dr. Kunath und ich hatten den Außendienst auf dem Kirchplatz übernommen. Wir schauten direkt in die Gesichter von Polizei und Kampfgruppen. Solche Augenblicke vergisst man ein Leben lang nicht. Später erfuhren wir, dass die gesamten Seitenstraßen mit Mannschaftswagen der Polizei besetzt waren. Damit sollten "Feinde des Sozialismus" abtransportiert werden. Das Pfarrerehepaar Spitzner hatte vorsorglich seine Kinder zu Gemeindegliedern in die Obhut gegeben, weil sie nicht wussten, ob sie wieder nach Hause kommen würden.

Beide Friedensandachten mit fast 2000 Menschen endete dann mit Gottes Hilfe friedlich. Ohne dieses unblutige Ende wäre möglicherweise auch die Demonstration am 7. Oktober in der Innenstadt anders verlaufen. Auch wenn für viele Plauener Bürger und die Medien heute der 7.Oktober 1989 der entscheidende Tag war, sollte man jenen 5. Oktober nicht vergessen - denn mit ihm begann alles Folgende.

Die Markuskirche lädt für den heutigen Samstag, 17 Uhr, zum Autoren- und Zeitzeugengespräch sowie einem ökumenischen Friedensgebet. Pastor Dr. Thomas Roscher stellt ein Buch über die Revolution in Plauen vor, in dem erstmalig die Rolle der Friedensgebete und das kirchliche Handeln im politischen Veränderungsprozess beleuchtet wird. 19.30 Uhr beginnt das ökumenische Friedensgebet. Dabei wird eine Kollekte für das neu entstehende Jugendzentrum der Markuskirche gesammelt. (us)

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