Bildung brennt Bürgern auf den Nägeln

Wahlen 2019 Wer soll Stimme der Stadt Plauen im Landtag sein? Direktkandidaten für den Wahlkreis haben sich vorgestellt und diskutiert. Es gab Kontroversen, Konsens und ein Rededuell.

Plauen.

Sieben Kandidaten bewerben sich am 1. September um das Direktmandat der Stadt Plauen für den Landtag. Sechs von ihnen stellte die Landeszentrale für politische Bildung in einem Forum vor. "Freie Presse"-Regionalleiterin Nancy Dietrich und Redakteur Ulrich Riedel moderierten die zweistündige Veranstaltung am Mittwochabend in der Galerie Forum K. Mit rund 70 Gästen war sie gut besucht. Einige Zuhörer nahmen Stehplätze in Kauf.

Thema des Abends ist die Bildung - von der Misere um fehlende fünfte Klassen für die Dittes-Oberschule über den Lehrermangel bis zum Modell der Gemeinschaftsschulen, die längeres gemeinsames Lernen möglich machen sollen. Diesen Schwerpunkt haben die Gäste in einer Vorab-Befragung gewählt, gefolgt vom Komplex Wirtschaft und Arbeit. Während die Landtagsabgeordneten Frank Heidan (CDU), Inhaber des Direktmandats, und Juliane Pfeil-Zabel (SPD) das Drama um die Dittes-Schule der Stadt Plauen als Schulträger zuschieben, sagt Sven Gerbeth (FDP): "Wenn die Landtagsabgeordneten der gesetzlichen Regelung, dass Oberschulen an Oberzentren zweizügig sein müssen, nicht zugestimmt hätten, gäbe es das Problem nicht." Frank Schaufel (AfD): "Der Fehler liegt in Dresden." Auch Gerhard Liebscher (Grüne) lässt keinen Zweifel: "Die Regeln hat der Landtag festgelegt - dort ist der Hebel anzusetzen."


Die Kontroverse des Abends löst das Thema Gemeinschaftsschule aus. Während Pfeil-Zabel, Maik Schwarz (Linke) und Liebscher für Gemeinschaftsschulen sind, verweist Heidan auf Modellversuche in Baden-Württemberg, deren Ergebnisse nicht positiv ausgefallen seien. Schaufel sagt, dass auch Gemeinschaftsschulen das grundlegende Problem des Lehrermangels nicht lösen. Gerbeth kann sich Grundschulen bis Klasse 6 wie in Berlin vorstellen, Gemeinschaftsschulen aber "wenig abgewinnen". Grundsätzlich wird betont, dass das Schulsystem durchlässig sein müsse, um auch Spätstartern die Chance auf höhere Abschlüsse zu ermöglichen. Während Heidan das mit dem Fachabitur erfüllt sieht, sagt Liebscher: "Chancengleichheit beginnt nicht mit der Schule. Sie hat auch zu tun mit ganz anderen Betreuungsschlüsseln im Erzieher-Kind-Verhältnis. Dafür wollen wir uns als Grüne einsetzen, wenn wir die Chance dazu bekommen."

Der Konsens des Abends kommt in der Frage zustande, ob die Berufsakademien in Sachsen zur Dualen Hochschule umgewandelt werden sollten. Alle Bewerber sprechen sich in einer der Schnellfragerunden dafür aus. Hier dürfen die Kandidaten nicht reden, sondern nur mit Ja, Nein oder Enthaltung stimmen (siehe Grafik).

Den ersten Applaus des Abends erntet Gerhard Liebscher, der beim Thema Wirtschaftsentwicklung für einen Strategiewechsel plädiert: "Wir werden in den nächsten Jahren zehntausende Arbeitskräfte nicht mehr zur Verfügung haben, einfach weil sie in Rente gehen." Ansiedlungen von Industrie seien nicht die Zukunft: "Ich empfehle, die Brachen herzurichten, damit wir Hightech-Unternehmen herbekommen." Dafür erhält er Applaus. Frank Heidan hält entgegen, dass auch Hightech-Unternehmen Platz brauchen und verweist auf Hetzner Online und den Campus der GK Software in Schöneck. Zudem habe Plauen vor Jahren Unternehmen wie Allgaier ziehen lassen müssen, weil keine geeigneten Flächen vorhanden waren. Maik Schwarz kontert: "Die Leuchtturmpolitik in Sachsen ist ein Irrweg gewesen. Leipzig, sein Speckgürtel und Dresden glänzen, andere Regionen aber wurden abgehängt." Pfeil-Zabel erinnert an Forschungseinrichtungen, die innovativen Firmen in der Region zur Verfügung stehen müssen. Der AfD schwebt laut Schaufel eine Sonderwirtschaftszone fürs Vogtland vor.

Den Schlagabtausch des Abends liefert sich Frank Schaufel (AfD) mit Gerhard Liebscher (Grüne). Schaufel fragt provokativ, wo die Brachen seien, die Liebscher vor der Versiegelung weiterer Flächen wie in Oberlosa revitalisiert sehen würde. Der Tirpersdorfer kontert: "Brachen gibt es neben der Vosla, auch in der Elsteraue. Dass Sie als Plauener mich das fragen, wundert mich."

Die Attacke des Abends kommt von einem Zuhörer, der meint, die Politiker sollten jetzt mal mehr über Innere Sicherheit und Probleme der Migration sprechen. Sonst brauche man sich über die nächsten Wahlergebnisse nicht wundern. Gemessen an der Reaktion des Publikums steht er mit dieser Meinung weitgehend allein. Die Gäste hatten zuvor mehrheitlich entschieden, über welche Themen gesprochen werden sollte.

Erkenntnis des Abends ist, dass die vielen und komplexen Themen der Landespolitik kaum tiefgründig, erst recht nicht vollständig in einem zweistündigen Forum zu behandeln sind. Vom Veranstalter nicht eingeladen war der Kandidat der Freien Wähler, Daniel van Heiden. Dessen Bewerbung wurde erst kürzlich mit Zulassung durch den Kreiswahlausschuss bekannt. Die "Freie Presse" wird ihn noch vorstellen.

Das letzte Forum der Landeszentrale für politische Bildung zur Landtagswahl im Vogtland findet mit den Direktkandidaten für den Wahlkreis 3 (u. a. Gemeinde Neuensalz) am Dienstag, 20. August, in Auerbach statt. Beginn ist 19 Uhr in der "Awoteria" an der Eisenbahnstraße 5.

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