Das jung gebliebene Dorf putzt sich heraus

Der Weischlitzer Ortsteil schmückt sich für die am Montag beginnende Festwoche - Reuther Linde begrüßt am Rand Besucher aus nah und fern - Handwerk, Landwirtschaft und Traditionsunternehmen bereichern das Dorfleben

Reuth.

Reuth gilt mit seinen 600 Jahren, die jetzt gefeiert werden, als junger Ort im Vergleich zu anderen Dörfern im Vogtland. Nicht jeder Ort kann aber auch von sich sagen, eine recht junge Bevölkerung zu haben. Reuth schon. Zum Wohngebiet am Bahnhof - für die Alt-Reuther gilt es immer noch als neu - gehören zahlreiche Einfamilienhäuser.

Unten im Dorf, gegenüber dem alten Gasthof "Zur Linde" und heutigen Pferdehof, haben sich indes Robert und Claudia Sammer ein Zuhause errichtet. "Wir wohnen seit 2014 hier, haben neu gebaut", sagt Robert Sammer, der aus Schönlind stammt. Claudia Sammer kommt ursprünglich aus Demeusel, ebenfalls nicht weit weg. Den jungen Leuten gefällt es in Reuth, sagen sie. Robert Sammer spielt im Reuther Sportverein Fußball, Claudia Sammer geht mittwochs zum Sport. Tochter Emilia ist jetzt drei Jahre alt und besucht die Reuther Kindertagesstätte "Zwergenland". In der Gruppe "Grüne Zwerge" gefällt es ihr. Und sie geht gern mal zur Nachbarin Irmgard Göll, die - selbst Oma - mit ihr auch schon mal spielt. Man kennt sich eben auf dem Dorf. Das genießen schon die Kleinen.

Zu den drei lebensgroßen Strohfiguren der Sammers, die sozusagen die Familie darstellen, kommen weitere dazu, um die Gäste zur 600-Jahr-Feier zu begrüßen. Auch Martina Kaiser bastelt noch zu Hause an ihren Puppen. Bunte Wimpelketten schmücken bereits den Gartenzaun der Familie. Eine Waschfrau mit Zinkwanne, Waschbrett und Bürste bekommen die Leute bei Annemarie Kaiser zu sehen. Der Kopf ist aus Styropor. "Das ist ein alter Perückenkopf", sagt die gebürtige Reutherin. Annemarie Kaiser war Friseurin und Kosmetikerin. Über der Waschfrau flattern ein Spitzenschlüpfer und andere weiße Wäsche. "Der Schlüpfer ist noch von meiner Mutti", sagt sie. Bis 1958 gab es noch die Bäckerei Reuschel im Dorf. "Wir hatten auch Landwirtschaft und einen Tante-Emma-Laden. Früher mussten wir jeden Tag über den Hof ins Haus laufen, weil die Küche in der Bäckerei war." So war das eben. Vor neun Jahren haben die Kaisers die alte Bäckerei abgerissen.

Die Bäckerei Baumann indes ist es, die heute die Reuther und die Einwohner der umliegenden Orte mit frischem Brot und Kuchen versorgt. Bäckermeister Hardy Baumann hat das Geschäft von den Eltern übernommen. Seine Ehefrau wuppt den Laden. Zwei Kinder haben die jungen Leute. Natürlich sind auch Regina und Eberhard Baumann, die Großeltern, noch täglich in der Bäckerei anzutreffen. Hardy Baumann ist außerdem für die Ortsfeuerwehr Reuth verantwortlich. Deren Domizil befindet sich in der einstigen Schule, die in den 1990er Jahren geschlossen wurde. Stolz ist die Reuther Feuerwehr auf ihre Jugendfeuerwehr. Und am Festsamstag wird zum großen Feuerwehrausscheid eingeladen.

Ein Stück weiter von der Bäckerei, vorbei am Gasthaus "Deutscher Hof", dem Agro-Service, der Raiffeisenbank-Filiale und der Zahnarztpraxis kommt man zum Bahnhof. Dieser entstand später, als in den Jahren 1843 bis 1846 die Sächsisch-Bayerische Staatseisenbahn gebaut wurde. Reuth erhielt damals einen Anhaltepunkt. Ringsum kamen Wohnhäuser hinzu. Heute gibt es einige handwerkliche Betriebe im Ortsteil Bahnhof, bekannt ist etwa die Vogtländische Möbelindustrie, ein Traditionsunternehmen, welches auf die Herstellung von Lattenrosten spezialisiert ist. Auch eine Arztpraxis und eine Fleischerei fehlen am Bahnhof nicht. Die alte Post ist heute Wohnhaus und beherbergt eine Physiotherapie. Ins "Dorf", wie die am Bahnhof Wohnenden den anderen Ortsteil nennen, kommt man über den Katzenhübel, der rechts und links von Grün umgeben ist und die Ortsteile verbindet.

Markant im Ort ist die Kirche, wo jedes Jahr der Herbstmarkt stattfindet, auf welchem auch Kartoffeln von der Reuther Agrarproduktion und Honig von Rebecca Münnich angeboten werden. Ein Publikumsmagnet. Am Pfarrhaus sieht man ein Luther-Fenster. "Luther und das Kreuz sind das Einzige, das nachts in Reuth leuchtet", sagt Frank Stepper von der Kirchgemeinde. Ehefrau Sabine Stepper ist die Pfarrerin. Seit zwölf Jahren lebt die Familie in Reuth, fühlt sich wohl hier. Frank Steppers Werk war vor allem die Errichtung des Abenteuerspielplatzes im Pfarrgarten, der allen offen steht und der seinesgleichen sucht. Stepper freut sich jetzt insbesondere auf den Gottesdienst zu Himmelfahrt. "Christian Samraj, der predigen wird, war schon mal bei uns, er predigte zu Himmelfahrt vor zwei Jahren im Pfarrgarten." Ein zweiter Gottesdienst am Sonntag wird im Festzelt auf dem Sportplatz sein. "Die beiden Gottesdienste sind der Beitrag der Kirchgemeinde zum Fest." Früher hatte Reuth nicht nur ein Rittergut, sondern inmitten des Wallgrabens stand bis 1800 auch ein altes Wasserschloss. Am Wall, eine Parkfläche in einer Ebene gelegen, findet man heute Hechlers Heimathaus, ein privat von Klaus Hechler aufgebautes Heimatmuseum.

Linden gibt es so einige im Dorf. Kommt man an der Tankstelle am Ortseingang vorbei, gelangt man schnell zur Dorflinde, an deren Stamm mit Rundbank am Mittwoch der Dorfspaziergang in die Reuther Historie mit Klaus Hechler und Vera Tröger beginnt. Nahe der Kirche wächst die noch schmächtige Linde, die der Heimatverein 2006 zu seiner Gründung pflanzte. Die meisten Leute indes kennen die Reuther Linde, 584 Meter hoch gelegen. Den mächtigen Baum sieht man schon von Weitem, kommt man aus Richtung Thossen oder Tobertitz. Im Herbst lassen die Leute hier die Drachen steigen, im Winter rodeln die Kinder den Hang hinab. Die Linde empfängt jeden, sie ist ein beliebtes Ausflugsziel und hat Reuth bekannt gemacht. Zur Festwoche wird sie als Erstes die Besucher begrüßen.


Programm zur 600-Jahr-Feier

Montag, 7. Mai, 17 Uhr, Tischtennisturnier für jedermann um den Lindenpokal in der Mehrzweckhalle Reuth.

Dienstag, 8. Mai: Marionettentheater Dombrowsky mit "Rumpelstilzchen" für Kinder um 16 Uhr, "Karl Stülpner" für Erwachsene um 20 Uhr, bereits um 17 Uhr Ausstellungseröffnung in Hechlers Heimathaus.

Mittwoch, 9. Mai, 17 Uhr: historischer Dorfrundgang, Treffpunkt an der Dorflinde, Vera Tröger und Klaus Hechler gehen mit den Teilnehmern auf Zeitreise in die Reuther Historie.

Donnerstag, 10. Mai, 10 Uhr: Gottesdienst zur Himmelfahrt im Pfarrgarten mit Predigt von Christian Samray (Indien/Leipzig) sowie dem Projektchor. Anschließend steht der Abenteuerspielplatz offen, es gibt Roster und Getränke.

Freitag, 11. Mai, 19 Uhr: Heimatabend zur Geschichte mit einem Vortrag von Andreas Krone im Festzelt. Den Abend gestalten die Kinder der Reuther Kita "Zwergenland", die Kobolde der Grundschule Burgstein, die Musikschule Fröhlich und die Trachtengruppe des Vogtländischen Kulturvereins Weischlitz.

Samstag, 12. Mai, 10 Uhr: Familienfest anlässlich 60 Jahre Kindergarten in der Kita "Zwergenland"; 13 Uhr: Feuerwehrausscheid um den Vogtlandcup des Kreisfeuerwehrverbandes; ab 20 Uhr Tanz mit "A9 Live" im Festzelt.

Sonntag, 13. Mai, 9.30 Uhr: Gottesdienst im Festzelt, um 10.30 Uhr Frühschoppen mit Musik von Olaf Nagler, ab 14 Uhr Kaffee und Kuchen sowie Musik der Wisentataler Blasmusik. (sim)


Das ist Reuth

Reuth feiert vom 7. bis 13. Mai ein großes Jubiläum: 600 Jahre urkundliche Ersterwähnung des Ortes. Der Ortsname leitet sich von "gerodet" ab und weist auf den Ursprung des Ortes hin. "Reuth ist natürlich viel älter, aber wir haben von der Kreisarchivarin Sigrid Unger einen Auszug aus den Urkundenregesten bekommen, wonach Reuth am 31. Mai 1418 erstmals urkundlich erwähnt wurde", berichtet Martina Kaiser vom Festkomitee. Dieses besteht aus Vertretern des Heimatvereins, der Freiwilligen Feuerwehr, des Sportvereins und des Ortschaftsrates Reuth. Seit über einem Jahr wird die Festwoche vorbereitet.

Reuth ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Weischlitz. Am 1. Januar 2017 wurde der Ort in die Gemeinde Weischlitz eingemeindet. Zur einstigen selbstständigen Gemeinde gehörten die Ortsteile Dehles, Mißlareuth, Reinhardtswalde, Reuth, Schönlind, Thossen und Tobertitz.

Hechlers Heimathaus ist ein privates Museum. Klaus Hechler sammelt seit etwa 30 Jahren Handwerks- und Gebrauchsgegenstände für Haus und Hof aus vergangenen Zeiten. Zudem wird zum Ortsjubiläum eine Ausstellung zum Kunstmaler Paul Rösch zu sehen sein. Ausstellungseröffnung ist am Dienstag, 8. Mai, um 17 Uhr. Bis 19 Uhr kann man zur Besichtigung kommen. Am Freitag, 11. Mai, ist von 15 bis 17 Uhr, am Samstag, 12. Mai, von 13 bis 17 Uhr, am Sonntag, 13. Mai, von 16 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Reuther Kindertagesstätte Zwergenland feiert das Jubiläum "60 Jahre Kindergarten Reuth". Am Samstag, 12. Mai, wird ab 10 Uhr zum großen Familienfest ins Kita-Gelände eingeladen. Eingebettet ist der runde Geburtstag in die Festwoche zum Ortsjubiläum. (sim)


"Zum Glück stehen uns viele Helfer zur Seite, ohne die es gar nicht möglich wäre, so ein Fest durchzuführen"

Friedhold Morgner ist Ortsvorsteher von Reuth. Mit dem Rentner, der einst bei der Plamag

arbeitete, sprach

Simone Zeh über das Ortsjubiläum.

"Freie Presse": 600 Jahre Reuth, woran denken Sie dabei auf Anhieb? Etwa an ein geschichtliches Ereignis, ein Gebäude oder einen Menschen?

Friedhold Morgner: Ich bin seit 1973 in Reuth wohnhaft, seit dieser Zeit mit unserem "Wahrzeichen", der Reuther Linde, irgendwie verbunden. Sie ist für mich wie ein "Aushängeschild", das mit dazu beiträgt, das Gäste unserem Ort einen Besuch abstatten. Und ich denke bei solch einer bevorstehenden Jubiläumsfeier auch an manch kleine und größere Feste in der Vergangenheit, die Reuth bereits ausgerichtet hat. Die Dorfgemeinschaft hat es immer geschafft, dass es am Ende gut gelungen war.

Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. Warum sollen die Leute nach Reuth kommen, was erwartet die Besucher?

Viele Gäste kennen Reuth sicher durch seinen traditionellen Herbstmarkt. Das hohe Niveau dieses alljährlichen Events wollen wir auch in der Festwoche bieten. Wir waren und sind bemüht, für alle Altersgruppen etwas Besonderes zu bieten, vom Puppentheater über die Tanzveranstaltung mit "A9 live" bis hin zum Kaffeenachmittag zum Muttertag mit den Wisentatalern.

Wo trifft man Sie zur 600-Jahr-Feier in Reuth am ehesten an?

Der Ortsvorsteher ist Mitglied in unserem Festkomitee. Erfahrungsgemäß sind bei solchen Dorffesten die Organisatoren überall "mit am Ball", damit alles rund läuft. Zum Glück stehen uns viele Helfer zur Seite, ohne die es gar nicht möglich wäre, so ein Fest durchzuführen. Ich selbst bringe mich aktiv ein, wenn es um die Verpflegung am Grill geht, zudem darf ich am Freitag die Festsitzung moderieren und natürlich lasse ich es mir auch nicht nehmen, am Sonntag alle Mütter im Festzelt mit einer kleinen Überraschung zu begrüßen.

Was ist Ihr persönlicher Höhepunkt in der Festwoche?

Ich freue mich besonders auf den abendlichen historischen Dorfrundgang am Mittwoch, 9. Mai. Und auf einen Höhepunkt unserer Festwoche am Freitag, 11. Mai, wenn wir zum Heimatabend im Festzelt ein anspruchsvolles Programm geplant haben. Hierzu erwarten wir zahlreiche Reuther als Gäste.

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