Das Vogtland trägt Trauer

Noch vor zwei Wochen war Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz zu Gast. In der ihm gewidmeten Raumfahrtschau gab er Autogramme. Das letzte ist jetzt im Besitz eines Plaueners.

Plauen/Morgenröthe - Rautenkranz.

Erst vor zwei Wochen war Sigmund Jähn in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz wieder zu Gast gewesen. Niemand ahnte, dass es sein letzter Besuch werden würde. In der Raumfahrtschau hinterließ er dem Plauener Jörg Herbst ein Autogramm auf einem gemeinsamen Foto.

Der Hobby-Modellbauer hatte im August während einer Ausstellung das Bild dort gelassen, mit der Bitte an die Mitarbeiter, es Sigmund Jähn bei seinem nächsten Besuch unterschreiben zu lassen. Die Unterschrift hat für Herbst nun einen besonderen Stellenwert: "Am 11. September hat Sigmund Jähn mir das Bild unterschrieben, zehn Tage später ist er gestorben. Das Autogramm hat dadurch für mich einen noch emotionaleren Hintergrund", sagt der 52-Jährige. Obwohl er ihn persönlich nie näher kennen gelernt hat, hat Herbst die Nachricht vom Tod Jähns getroffen. "Ich bin richtig traurig", sagt der Vogtländer. "Es fühlt sich an, als ob man einen guten Freund verloren hat. Ich denke, dass viele ähnlich fühlen."

Seit Jähns Weltraumflug, der am 26. August 1978 begann, beschäftigt sich der Plauener mit dem Schaffen und Wirken des Kosmonauten. "Ich war bei seinem Weltraumflug zwölf Jahre alt und lebte in Markneukirchen. Als Sigmund Jähn das erste Mal Morgenröthe-Rautenkranz besuchte, fuhr meine Schulklasse mit dem Bus hin. Der Ort war völlig überfüllt, sodass ich ihn damals nicht zu Gesicht bekam. Erst vor einigen Jahren habe ich ihn persönlich getroffen." Jörg Herbst begegnete Jähn bei einer Modellbauausstellung: "Als er vor mir stand, war ich so nervös, dass ich mich versprochen habe und fragte: ,Dürfte ich Ihnen ein Autogramm von mir geben?' Da hat er lachen müssen und mir zur Beruhigung die Hand gereicht."

Die Begegnung sei auch ein Motivationsschub für sein Hobby gewesen, denn seither baue er auch Modelle aus der realen Raumfahrt nach. Das letzte Autogramm auf dem gemeinsamen Foto will er in Ehren halten: "Ich bin den Mitarbeitern der Raumfahrtausstellung dankbar, dass sie die Unterschrift ermöglicht haben", so Jörg Herbst.

Als Sigmund Jähn vor zwei Wochen seinen Geburtsort besuchte, führte er mit Museumsleiterin Romy Mothes Besucher durch die Raumfahrtschau. Laut Mitarbeiterin Sandra Heymann handelte es sich um eine Gruppe aus einem Unternehmen, das persönlich mit Sigmund Jähn in Kontakt stand. Er sei extra dafür in das Vogtland gekommen. "Sigmund war wie immer, hat einen guten und gesunden Eindruck hinterlassen. Es war nicht absehbar, dass er wenige Tage später nicht mehr da ist", so Heymann. Wie es heißt, stand Sigmund Jähn am Samstag zu Hause nicht mehr vom Schreibtisch auf.

Das Raumfahrtmuseum ist seit Montag zur Anlaufstelle für Leute geworden, die des ehemaligen Kosmonauten gedenken wollen. "Wir haben ein Kondolenzbuch ausgelegt, in dem Gäste ihre Gedanken reinschreiben können. Später wollen wir es Sigmunds Familie überreichen", so Heymann. Sigmund Jähn war Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins, der die Ausstellung in seinem Geburtsort betreibt. "Ohne ihn würde es die Ausstellung nicht geben", so Sandra Heymann. Viele Exponate sind Jähns internationalen Verbindungen zu verdanken.


Kommentar: Momentefür immer

Es begann mit einem Ärgernis. Als Sigmund Jähn ins All flog, war ich zehn und verbrachte die Sommerferien bei meinen Großeltern in Schlema. Das war immer schön - mit einer Ausnahme: Zwischen Wismut- Halden empfingen sie damals nur die zwei Fernsehsender der DDR. Als Jähn zu seinem Raumflug gestartet war, änderten die ihr Programm. Und ich erinnere mich, dass mich das ärgerte - vermutlich, weil ich an dem Abend auf einen Film gehofft hatte. Damals kümmerte es mich auch wenig, dass meine Großeltern mir erklärten, dass Morgenröthe-Rautenkranz gar nicht weit entfernt liegt.

Erst viel später habe ich begriffen, dass das die großen Momente der Geschichte ausmacht: Für immer zu wissen, was man getan und gedacht hat, als dieses oder jenes geschehen ist. Als Zehnjähriger habe ich die historische Leistung Jähns nicht überblickt - ebenso wenig, wie Jugendliche in der heute voll digitalisierten Welt vermutlich die technische Leistung der Raumflüge aus jener Zeit ermessen können, in der weder Computer noch Smartphones allgegenwärtig waren. Es ist überliefert, dass Jähn im Alter nicht mehr so gern Grundschulen besuchte, weil die Kinder einen strahlenden Kosmonauten erwarteten, aber stets ein älterer Herr erschien.

Diese bescheidene Selbstreflexion ist Jähn stets zu Eigen gewesen. Es machte ihn sympathisch, wie er still blieb und lächelte, wenn sich andere mit ihm schmücken wollten. Wie es ihm bei Eröffnung der neuen Raumfahrtschau 2007 um deren viele Väter und nicht um sich ging. Dass er Ende der 1980er Jahre als Generalmajor der NVA in Strausberg auf Wunsch von Wehrpflichtigen vor deren Entlassung sogenannte EK-Tücher unterschrieb, obwohl die offiziell nicht gern gesehen waren.

Das ist mit das größte Verdienst dieses fliegenden Vogtländers: Auf dem Boden geblieben zu sein, als er von den Sternen zurück war. Dafür wurde und wird er zurecht von denen verehrt, deren Wege und Erlebnisse sich hierzulande immer wieder mit seinen kreuzten.

Flieger, grüß' uns die Sterne. Das Vogtland verneigt sich.


"Sigmund Jähn war ein bescheidener, sehr intelligenter Mensch, der sich nie in den Vordergrund gedrängt hat"

Jürgen Mann, Bürgermeister von Muldenhammer, über Sigmund Jähn: "Er war immer einer von uns, zurückhaltend und bescheiden." Vom Tod des 82-Jährigen hat Mann erst am Montagmorgen aus der Zeitung erfahren: "Das kam für uns alle plötzlich. Bei seinem letzten Besuch vor nicht einmal zwei Wochen war er augenscheinlich bei bester Gesundheit, wirkte wie immer fit und vital."

Konrad Stahl, Ex-Bürgermeister von Morgenröthe-Rautenkranz (1990-2009) und langjähriger Vorstand des Trägervereins der Raumfahrtausstellung: "Sigmund Jähn war ein bescheidener, sehr intelligenter Mensch, der sich nie in den Vordergrund gedrängt hat. Er war bodenständig und ist immer einer von uns geblieben." Kennengelernt haben sich beide im Männergesangsverein Morgenröthe-Rautenkranz, in dem Sigmund Jähn auch als Sänger aktiv war. "Intensiv geworden ist die Zusammenarbeit, nachdem ich Bürgermeister geworden war. Wir haben damals oft zusammengesessen und beraten, wie es mit der Ausstellung weitergeht." Dabei sei es ihm nicht um seine Person gegangen, sondern darum, dass die Ausstellung eine Zukunft hat, um Besucher weiterhin über die Erforschung des Weltalles informieren zu können. Jähn habe für die Ausstellung dann Kontakte geknüpft zur DLR, zur Esa und zu den Russen.

Romy Mothes, Leiterin der Deutschen Raumfahrtausstellung, informierte, dass seit Montagfrüh ein Kondolenzbuch ausliegt. Ob weitere Gedenkveranstaltungen stattfinden oder ob es eine Ehrung im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Vereins geben wird, steht nach ihren Worten noch nicht fest.

Frieder Spitzner, Vorsitzender der Vogtländischen Literaturgesellschaft Julius Mosen: "Sigmund Jähn, der Sympathieträger aus dem Vogtland, hat seine Mission erfüllt. Seinen Appell sollten wir nicht vergessen: ,Bereits vor meinem Flug wusste ich, dass unser Planet klein und verwundbar ist. Doch erst als ich ihn in seiner unsagbaren Schönheit und Zartheit aus dem Weltraum sah, wurde mir klar, dass der Menschheit wichtigste Aufgabe ist, ihn für zukünftige Generationen zu hüten und zu bewahren.' So ist es in seiner Biografie nachzulesen, die in unserer Vereinsaktion ,Vogtlands Lieblingsbuch 2009' den zweiten Platz belegte.

Jochen Engelmann, langjähriger Leiter der Sternwarte "Sigmund Jähn" in Rodewisch: "Natürlich, einfach, nicht abgehoben", sei der Fliegerkosmonaut stets gewesen. "Meine größte Überraschung und Freude war, dass er im März 2018 zu meiner Verabschiedung in die Sternwarte kam." Kennengelernt habe er ihn direkt nach dem Flug 1978: "Ich war damals Astronomielehrer in Morgenröthe, wir hatten immer wieder Kontakt." Jähn habe regen Anteil genommen an der Entwicklung der Sternwarte, die seit 1979 seinen Namen trägt. (tm/bap/dpa)

www.freiepresse.de/jaehn-vogtland

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