Den Sportunterricht gab es im Tanzsaal

Elf ehemalige Schüler aus Weischlitz haben Jubiläum gefeiert. Sie waren vor 70Jahren eingeschult worden.

Pirk.

Einer der Teilnehmer beim Klassentreffen heißt Eberhard Vogel. Er ist zwar nicht der legendäre Fußballer und Nationalspieler aus Chemnitz. Aber der vogtländische Vogel kennt den, weil er selbst auch Fußball spielte und an der Kinder- und Jugendsportschule im ehemaligen Karl-Marx-Stadt studierte. Diese und weitere Geschichten konnte man beim jüngsten Klassentreffen ehemaliger Weischlitzer Schüler erfahren, die vor 70 Jahren eingeschult worden waren.

1948 war das, drei Jahre nach Kriegsende. Damals saßen 48 Mädchen und Jungen in der Oberweischlitzer Klasse. "Bei uns waren alle Altersgruppen vertreten", erinnerte sich Frieder Strobel. "In der zweiten Klasse hatten wir Mitschüler, die eigentlich in die achte Klasse gehörten. Aber in den Kriegswirren konnten sie keine Schule besuchen, also mussten sie praktisch bei Null anfangen."

Wie überall, klemmte es zu der Zeit in den Schulen. "Mit Schiefertafel und einem Schwamm, der am Ranzen hing, sind wir zur Schule gegangen", berichtete Sigrid Baumann. "Oft brauchten wir den Schwamm nicht zum Abwischen, weil unsere Hausaufgaben beim Transport schon gelöscht waren." Die Schultoilette war über den Hof und an Schulessen nicht zu denken. Zum Sportunterricht ging es in den Tanzsaal einer nahen Gaststätte, denn eine Turnhalle gab es damals nicht.

"Das Abc brachte uns Fräulein Otto bei", erinnerte sich Sigrid Baumann. "Ich weiß noch genau, wie wir das A lernten. Die Lehrerin drehte eine Zuckertüte um und deutete mit dem Finger die halbe Höhe an. Das war der Querstrich beim A."

Dann gab es noch einen Lehrer namens Spörl: "Der ließ uns öfter nachsitzen, wenn er mit unserer Schrift nicht zufrieden war. Dann wurde aus dem Spiel- ein Schönschreibe-Nachmittag." Einer der Lehrer, den sie als größere Schüler hatten, war Rudolf Jagotzky. Der heute 90-Jährige war auch eingeladen. Doch er war leider verhindert, bedauerten die Jungen von einst.

Zwei Schüler besuchten nach der 10. Klasse die sogenannte Erweiterte Oberschule und machten dort das Abitur. Bernd Lachmann wurde Arzt, Gunther Dreikorn Physiker. Die anderen ergriffen verschiedene Berufe. Rosemarie Werner blieb im Bauernhof ihrer Pflegeeltern: "Ich musste Kühe melken, Rüben hacken und Heu wenden", erzählte sie. Später hatte sie fünf Kinder und übernahm den Hof. "Aus gesundheitlichen Tiefs hat mich immer mein ehemaliger Klassenkamerad Bernd Lachmann herausgeholt", sagt sie dankbar.

Ein besonders buntes Leben hatte der sportbegeisterte Eberhard Vogel. In der Weischlitzer Schule liebte er das Gerätturnen und besonders das Reck. Dann ging er zur Sportschule nach Chemnitz. Dort wurden alle Sportarten gepflegt. Man schickte ihn schließlich zur Technischen Hochschule, wo es eine Sektion Pädagogik gab. So wurde er Lehrer, erst in Adorf und Triebel, dann schließlich Direktor der Polytechnischen Oberschule Adorf. Von dort rief man ihn 1979 zum Rat des Kreises Oelsnitz. Nach der Wende war er zunächst arbeitslos und besuchte dann zwei Umschulungen zum Finanzkaufmann. Weil er auch danach keine Arbeit bekam, heuerte er schließlich in einer Selber Porzellanfabrik als Nachtwächter an und blieb dort neun Jahre bis zu seiner Rente.

Ihr Wiedersehen feierten die verbliebenen elf mit einer kleinen Zuckertüte auf jedem Platz. Jeder Teilnehmer trug zudem eine Jubiläumskette mit einer 70 als Amulett. Die hatte Dieter Kolb mitgebracht, der heute in Schwedt wohnt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...