Die Käfer-Katastrophe in den vogtländischen Wäldern ist da

In noch nie da gewesenem Ausmaß sterben Fichten im Vogtland ab. Riesige kahle Flächen bleiben zurück. Viele Waldbesitzer stehen vor einem Desaster.

Plauen.

Die schlimmsten Prognosen und Befürchtungen sind eingetreten: Forstleute hofften auf einen kühlen und verregneten Sommer. Statt dessen ist er erneut heiß und trocken geworden. Waldbäume leiden darunter und haben Borkenkäfern immer weniger entgegenzusetzen. Die Zahl der Befallsherde in Fichtenbeständen des Vogtlandkreises hat sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verzehnfacht: Gab es im Juni 2018 noch 61 erfasste Schadstellen, wurden in diesem Jahr bisher 696 Befallsherde erfasst, teilt die Forstbehörde des Landratsamtes mit.

Besonders hart betroffen sind unter anderem der Rützengrüner Wald bei Auerbach und der Raum Plauen. In Unterlosa steht eine vom Forstbezirk Plauen überwachte Lockstoff-Falle. Amtsleiter Bert Schmieder erläutert: "3000 gefangene Käfer pro Woche gelten als kritischer Wert. Ab dieser Zahl gehen wir von starkem Befall aus." Ende Mai zählten die Forstmitarbeiter mehr als 14.000 Tiere in einer Woche, also fast das Fünffache.


Auch die Gesamtzahlen schockieren die Forstfachleute: "Im gesamten Vorjahr, das auch schon ein schlimmes Borkenkäferjahr war, hatten wir über die gesamte Saison 32.000 Tiere in dieser Falle. Jetzt haben wir Ende Juli schon über 64.000 Käfer."

Kein einziger Mitarbeiter der Forstwirtschaft hat je eine solche Käferinvasion erlebt. Es gibt keine Vergleichszahlen, anhand derer die Experten die Ausmaße der bevorstehenden Schäden abschätzen könnten. In den Diagrammen der Forstfachleute herrscht die Alarmfarbe Rot vor. Forstamtsleiter Bert Schmieder: "Wir stehen vor einer Jahrhundertkatastrophe."

Auch für Laien ist das Fichtensterben inzwischen sichtbar - und wird bald noch deutlicher zu sehen sein: In den nächsten Wochen sterben von Käfern befallene Bäume ab und werden braun. Schmieder geht davon aus, dass sich das Bild der Wälder drastisch verändert. In welch rasanter Geschwindigkeit das Baumsterben voran schreitet, beschreibt Revierförster Andreas Schlosser, der sein Büro in Rodewisch hat: "Ich kenne einen Wald, da hat sich die Anzahl abgestorbener Bäume an einer Stelle innerhalb von einer Woche von drei auf 30 verzehnfacht." Alles, was vom Käfer angefressen ist, muss so schnell wie möglich raus aus dem Wald, um die noch gesunden Bäume zu schützen. Ein Wettlauf gegen die Zeit, der kaum zu schaffen ist. Schlosser: "Wir laufen den Ereignissen nur hinterher."

Forstbetriebe und Sägewerke arbeiten auf Hochtouren. Lagerplätze quellen über. Was zurück bleibt, sind abgeholzte und kahle Flächen, wo bis vor kurzem noch Wald stand. "Es dauert 30 Jahre, bevor auf solchen Flächen wieder ein Wald steht", sagt Benno von Römer, stellvertretender Vorsitzender des Sächsischen Waldbesitzerverbandes. Der Neumarker kritisiert: "Wir sprechen inzwischen von einer Katastrophe, aber nicht im behördlichen, offiziellen Sinne. Dann würden andere Mechanismen greifen." Der Waldbesitzerverband hat einen Notbrief an Sachsens Ministerpräsident geschrieben, um auf die bedrohliche Situation aufmerksam zu machen. Was fehle, seien vor allem schon im vorigen Jahr geforderte Nasslagerplätze, um geborgenes Holz unterzubringen, beklagt von Römer.

Viele Waldbesitzer stehen vor einem Desaster. Statt stattlicher und gesunder 80-jähriger Fichten ernten sie geschädigtes, oft nicht einmal 30 Jahre altes Holz. Folge: Preise sind im Keller. Nur noch ein Drittel des üblichen Preises erhalten Waldbesitzer derzeit. "Viele fahren Verluste ein. Es fehlt Geld für die Aufforstung", so Schmieder. Seit Jahrhunderten galt die Fichte wegen ihres schnellen Wachstums als Brotbaum des Waldbesitzers. Unter den jetzigen Bedingungen rät Schmieder jedoch davon ab, wieder Fichtenbestände anzupflanzen. "Das ist nur für Höhenlagen ab 700 Meter ratsam", so der Forstamtsleiter.

Inzwischen leiden nicht nur die Fichten unter Trockenheitsstress. "Selbst bei Birken, Eichen und Buchen sind vorzeitiger Laubfall und Absterben zu verzeichnen. Lärchen und Kiefern werden ebenfalls immer anfälliger für Käferbefall", teilt die Forstbehörde des Landratsamtes mit. Sie empfiehlt Waldbesitzern, die wöchentliche Kontrolle ihrer Fichtenbestände auf keinen Fall zu vernachlässigen: "Neben bekannten Befallsherden können Neubefälle besonders im Bestandsinneren auftreten."


Buchdrucker und Kupferstecher

Borkenkäfer - das ist ein Oberbegriff für verschiedene Arten. Am häufigsten schädigt der Buchdrucker die vogtländischen Wälder. Es gibt noch eine weitere bedeutsame Art, den kleineren Kupferstecher. Ein Weibchen davon ist in der Lage, in einem Jahr bis zu 100.000 Nachkommen in die Welt zu setzen. Bei warmer und trockener Witterung sind bis zu drei Generationen je Saison möglich.

Die Käfer bohren sich durch die Baumrinden (Borke) ins Holz und legen Gänge an, in denen sie Eier ablegen. Larven ernähren sich unter der Rinde. In der Folge sterben die Bäume ab. Bohrmehl und Löcher in der Rinde zeugen vom Befall. Gesunde Bäume wehren sich durch Harzfluss, in dem die Tiere verkleben. Durch Trockenheit sind die Bäume jedoch geschwächt. (sia)

Bewertung des Artikels: Ø 4.8 Sterne bei 5 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 7
    1
    Malleo
    05.08.2019

    DrHDL
    Schöne Beispiele wie die Diskrepanz zwischen Gelabere und Handeln von Verantwortlichen nicht besser beschrieben werden kann.
    Vorschlag.
    Locken Sie mal paar FFF Schüler vors Landratsamt.
    Schild mit Namen drauf, wer für diesen Bockmist zuständig ist.

  • 5
    3
    DrHDL
    05.08.2019

    Die Gesellschaft ist eigentlich so pervers, dass sie ihren Untergang verdient hat

    In meinem Grundstück stehen an 40 erwachsene Bäume, zwei davon sind Nadelbäume. Der Bestand gilt übrigens als Wald und verbraucht vor allem mit seinen ca. 5 Millionen Blättern jährlich ziemlich viel CO2.

    Episode 1: Im privaten Nachbargrundstück gab (!) es dies Jahr eine vom Borkenkäfer (Diagnose einer Försterin) befallene Fichtengruppe, die nur 20 m von meinen Nadelbäumen entfernt ist. Ich forderte das Landratsamt (LRA) auf zu handeln, denn es gibt in der näheren Umgebung (bis ca. 150 m) noch zahlreiche weitere, das Dorf prägende Fichten, und der mir leider unbekannte Eigentümer kümmert sich nicht: Das LRA hat nichts unternommen.

    Episode 2: Oberhalb (also am Berg) wirtschaftet ein Nachbar, der schon jahrelang sein Abwasser, einschließlich WC (!!!), in eine Sickergrube einleitet. In einem Sektor wenige Meter unterhalb dieser Grube gingen merkwürdigerweise bereits zwei meiner Bäume im Alter von 70 und von 130 Jahren ein, und nun folgten ihnen noch weiter unten sieben Laubbäume im Alter bis zu 20 Jahren. Ob sie den Genuss der der sich hangabwärts unterirdisch ausbreitenden Jauche dieses uneinsichtigen Kulturbanausen satt haben? Ich bat das LRA um Hilfe, weil ja jetzt weniger CO2 im Dorf verbraucht wird: Das LRA hat nichts unternommen.

    Der FP empfehle ich, den Beitrag in den Blog einzutragen, dessen Lektüre sie heute vorschlägt. Vielleicht lesen das dann Kinder und andere die freitags immer für ihre CO2freie Zukunft auf die Straße gehen und nicht bedenken, dass dann die Bäume aussterben würden.



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