Eine der Ältesten im Vogtland: Anna, 105, genießt das Leben

Anna Seidel aus Bärendorf sieht immer das Positive. Gebrechen sind ihr fremd, Wehklagen genauso. Sie ist jeden Tag auf den Beinen und strengt den Kopf an.

Bärendorf.

"Als ich zur Welt kam, da gab es noch den Kaiser Franz Joseph", sagt Anna Seidel und lächelt. Die Donaumonarchie ging 1918 unter. Da war Anna Seidel fünf. Hundert Jahre später sitzt sie in Bärendorf und nimmt den Trubel, der ihr da zum 105. Geburtstag in Haus schneit, gelassen. "Ich? Aufgeregt? Ne. Bin ich eigentlich nie", sagt sie verschmitzt. Darf man eine 105-Jährige als Frohnatur bezeichnen? Klar, die Anna schon. "Sie sieht immer das Positive", meint Freundin Birgit Sonntag aus Adorf.

"Die ,Freie Presse' ist da? Ach, schön. Die les ich jeden Tag. Schon so lang es die gibt", erzählt die Jubilarin. "Nach dem Krieg sind sie rumgegangen und haben dafür geworben. Der Vater hat gleich unterschrieben", erinnert sie sich und drückt dem Reporter lang die warme Hand. Doch Anna Seidel liest nicht nur. Sie knackt die Kreuzworträtsel. Überhaupt: Die Anna ist ein Phänomen. Sie rollt den rechten Ärmel ihres Pullovers hoch - der Puls, das Herz, genau im Takt, freut sie sich. Ich hab nix, was andere haben, sagt Anna Seidel. Herzschrittmacher, Hörgeräte, Gehstock, künstliche Knie, neue Hüften? Alles Fremdwörter für sie. Die muntere, fitte Jubilarin geht glatt für viele Jahre jünger durch. Bad Brambachs Chronist Erhard Adler kommt seit ihrem 100. an jedem 9. November nach Bärendorf, fotografiert Geburtstagskind und Festgesellschaft. Er sagt: "Die Einzige, die sich nicht verändert hat, ist Anna."

Damit es ihr gut geht, dafür tut sie was. Nur sitzen wäre ein Graus für Anna Seidel. Während viele sich mühsam aus dem Gestühl quälen, steht sie auf, als wäre sie ein junges Mädchen. "Ich bin immer draußen an der Luft und kein Stubenhocker. Ich gehe in die Beeren, in die Pilze - gut, dieses Jahr gab's keine. Preiselbeeren hab ich noch vom vorigen Jahr im Keller." Anna Seidel sammelt Kastanien, mit dem sie Wild im nahen Gehege hilft, geht jeden Montag die Freundin im Dorf besuchen. Sie schwört auf Herzwein nach eigenem Rezept und auf Tee, Dose für Dose säuberlich beschriftet: was drin ist, wann gesammelt, für was es hilft. Die 1o5-Jährige steht selbst am Herd, Sonntag und Montag. Sie kocht Rippele, Klöße und ihr Lieblingsgemüse Brokkoli.

Zur Welt kam Anna Seidel in Österreich. Dazu gehörte 1913 ihr Geburtsort Haslau. Acht Jahre besuchte sie die Volksschule, heiratete 1944 ihren Arthur, zog nach Bärendorf. Sie arbeitete in der Landwirtschaft der Schwiegereltern, bis die LPG kam. Auch wenn die Zeiten nicht immer rosa waren, Anna Seidel machte das Beste daraus.

Ernst-Mosch-Lieder kennt sie auswendig, und als Ehrenbürger Bepp Jobst auf dem Akkordeon "So ein Tag, so wunderschön wie heute" spielt, ist sie absolut textsicher. Einen Super-Merks hat sie, erzählt Birgit Sonntag. Beweis? "In Altenteich, das ist ja nicht weit weg, gab es eine Frau, die war 111", sagt Anna Seidel. Stimmt: Anna Stephan war 111, als die 2003 als älteste Frau Deutschlands starb. 111 - das wär was ... "Ja, ich will schon noch ein wenig leben. Wenn es so weiter geht, dann bin ich tüchtig zufrieden. Dann werde ich noch paar Jahre alt."

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