Hebamme greift unter die Arme

Wenn sich junge Mütter alleingelassen fühlen oder überfordert sind, tritt Martina Schulze in Aktion. Sie sieht sich als Lotsin, baut Brücken. Sie schafft es allein kaum.

Plauen.

Von A wie Alkohol, den werdende Mütter tunlichst meiden sollten, bis Z wie Zwillingsgeburt: Martina Schulze kennt sich aus rund ums Baby. Sie ist seit über zehn Jahren Plauens Familienhebamme. Über ihre Arbeit hat sie im Sozialausschuss des Plauener Stadtrates berichtet.

Die Hebamme leistet sich die Stadt freiwillig. Als erste Kommune im Freistaat hatte sie Schulzes Stelle einst ausgeschrieben. Bundesweit gibt es das Modell der Familienhebammen schon länger. Zu tun hat die Geburtshelferin heute mehr denn je. Im Jahr suche sie weit über 700-mal Eltern auf, erzählt sie. Dazu kommen Beratungsgespräche und Büroarbeit. Wird die zu viel, erledigt Schulze den Papierkram auch mal zwischendurch im Auto. Wenn sie Urlaub hat, wird es für die 47-jährige Mutter schwierig, eine Vertretung zu organisieren. Und krank werden? "Das darf ich einfach nicht", lacht Schulze.

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Warum aber wird nicht kurzerhand eine zweite Stelle geschaffen? Oder wenigstens eine halbe? Die Fraktionen der SPD/Grünen und der Linken im Stadtrat hatten dies immer wieder gefordert. Ob der Bedarf vorhanden sei, hakte Stadtrat Thomas Fiedler (SPD) nochmals im Ausschuss nach. Aus Schulzes Reaktion war das deutlich zu erkennen: Sie hätte nichts gegen Unterstützung. Oft müsste ihr Tag mehr als 24 Stunden haben. Ihr Job ist keiner, bei dem man einfach alles stehen und liegen lassen, am nächsten Tag weitermachen kann. Doch es gibt derzeit nur sie in Plauen.

"Für einen Hausbesuch rechne ich ein bis zwei Stunden ein", so Schulze. Die Hebamme sieht sich als Lotsin. Sie analysiert, macht Angebote, ebnet den Weg für andere Helfer. Nicht selten sind große Krisen zu bewältigen. Kinder kündigen sich manchmal an, wenn dafür gerade nicht der rechte Zeitpunkt zu sein scheint. Wenn Schule oder Lehre noch nicht abgeschlossen sind oder sich der Vater aus dem Staub gemacht hat.

Bevor junge Frauen sich oder dem Säugling etwas antun, wenn Drogen oder Ängste im Spiel sind, wenn sie körperlich krank sind oder das Baby mehr anstrengend als süß ist, greift Schulze ein. Schließlich war ihre Stelle einst aus einer Notwendigkeit erwachsen - nachdem es in der Region mehrere Fälle von Kindstötung und -vernachlässigung gegeben hatte. Auch die Babyklappe wurde in Plauen immer wieder in Anspruch genommen.

Häufig vermittelt das Jugendamt Schulzes Angebot. Manchmal klingelt das Telefon in ihrem kleinem Büro im Rathaus aber auch und eine sogenannte Selbstmelderin ist dran. Sie habe von einer Freundin gehört, dass es die Familienhebamme gibt. Das ist Schulzes schönstes Kompliment: Wie eine Freundin will sie wahrgenommen werden, eine, bei der man sich freut, sie nach Jahren ab und zu auf der Straße zu treffen. Bei einigen bleibt es nicht bei einem Kind. Bei einigen muss Schulze wieder ran. Andere finden sich in die Mutterrolle hinein. Schulzes Lotsentätigkeit endet mit dem ersten Geburtstag des Kindes. In dieser Zeit hat sie idealerweise Brücken gebaut. In siebten Klassen ist die Hebamme auch an Schulen unterwegs und spricht zum Thema Verhütung - damit ihre Schützlinge nicht immer jünger werden.

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