Homeoffice für Schüler: Wie die Kinder jetzt Unterricht machen

Die Schulen sind zwar verwaist, aber von Ferien ist keine Rede. Die Lehrer arbeiten an Aufgaben-Paketen für ihre Klassen. Wie die Kinder an ihren Stoff kommen, regelt jede Schule für sich.

Plauen/Neumark.

Simone Dürbeck benutzt das Wort Geisterschule: "Es ist komisch, außerhalb der Ferien ohne Kinder hier zu sein." Simone Dürbeck ist Direktorin der Oberschule Neumark im Vogtland, und was am Montag in ihrem Haus lief, passierte zeitgleich an den meisten sächsischen Schulen. Die Lehrer haben Pläne entwickelt, wie sie ihre Schüler in den Corona-Wochen unterrichten können.

Das Jahr 2020 soll nicht als verlorenes Jahr in die Bildungsgeschichte eingehen. "Die Lehrer sollen trotzdem Wissen vermitteln. Aber auf eine andere Weise", sagt Arndt Schubert, Sprecher der Bildungsagentur in Zwickau. Die Behörde hatte am Samstag sämtliche Schulleiter aus der Region zu einer spontanen Beratung einberufen. Die Botschaft: Jeder soll für seine Schule einen Weg finden, wie er den Kindern für die nächsten Wochen Aufgaben gibt. "Wir betreuen 187 Schulen. Da entstehen wahrscheinlich 150 Möglichkeiten, wie man das machen kann", sagt Schubert, und: "Wir sind alle Lernende."

In der Oberschule in Neumark begann die Woche mit einer Dienstberatung. Die Lehrer saßen zusammen und haben überlegt, welchen Stoff sie vermitteln können, ohne dass sie vor der Klasse stehen. Und es ging um die Frage, wie die Kinder an ihre Aufgaben kommen. Die Neumarker Lösung sieht so aus, dass alle Mädchen und Jungen am heutigen Dienstag zwischen 11 und 14 Uhr zur Schule kommen sollen. Auf ihrem Platz im Klassenzimmer wird dann ein Stapel Aufgaben liegen. Diesen Stapel sollen sie bis nach den Osterferien abarbeiten. Wer das verpasst, bekommt die Sachen mit der Post nach Hause geschickt. Wie die Klassen untereinander in Kontakt bleiben, das sei verschieden. Manche schicken sich E-Mails, manche verlassen sich auf WhatsApp-Gruppen, die schon bestehen. Vermittler zwischen Familien und Klassenlehrern sollen die Elternsprecher sein.

Die Karl-Marx-Grundschule in Plauen arbeitet ähnlich. Mit 380 Schülern gehört sie zu den größten Grundschulen der Region. Schulleiterin Undine Schneider klagt über einen Rattenschwanz an Falschmeldungen, der sich übers Wochenende per WhatsApp unter den Eltern verbreitet hatte. "Die Eltern dürfen nicht alles glauben, was im Umlauf ist", sagt sie und verweist auf die Internetseite des sächsischen Kultusministeriums. Auch ihre Schüler haben einen Stapel Aufgaben bekommen, der auf ihren Plätzen im Klassenzimmer liegt. Für ihre Klasse 3, die sie in Mathe unterrichtet, hat Undine Schneider zum Beispiel Aufgaben für 18 Schulstunden ausgearbeitet. So viele Mathestunden würden bis Ostern ausfallen. Das Meiste ist Wiederholung, sodass die Kinder weitgehend ohne Hilfe auskommen können. "Wir wissen, dass viele daheim keine Unterstützung bekommen. Das haben wir berücksichtigt", sagt Undine Schneider. Sie hatte sämtliche Lehrer aufgefordert, übers Wochenende Aufgaben zusammenzustellen. Am heutigen Dienstag sollen die Eltern die Arbeitsaufträge für ihre Kinder abholen. Von 6 bis 17 Uhr haben sie Zeit dafür, so lange steht die Grundschule offen. Wer die Sachen nicht abholt, dem telefonieren die Lehrer hinterher.

Zwar existiert in Sachsen eine Internet-Lernplattform namens Lernsax. Lehrer können dort Arbeitsblätter hochladen, ausfüllen lassen und einsammeln, indem die Kinder ihre Zettel abfotografieren. Viele Schulen arbeiten trotzdem analog. "Die Kinder haben keine Erfahrung mit der Lernplattform, sie haben auch keine Passwörter. Wir wollen auf Nummer sicher gehen", sagt Simone Dürbeck. Auch Undine Schneider ist skeptisch: "Ich kann nicht davon ausgehen, dass alle Grundschüler Zugriff auf einen Computer haben und in der Lage sind, allein ins Internet zu gehen." Die Bildungsagentur Zwickau plant, die sogenannten medienpädagogischen Zentren personell aufzustocken, so der Sprecher. Das sind Stützpunkte des Freistaates, die diese Lernsoftware betreuen.

Mirko Pabst, ein technikaffiner Lehrer des Lessing-Gymnasiums in Plauen, ist von den Möglichkeiten begeistert. Pabst arbeitet bereits mit einer Lernplattform namens Ilias. Die werde auch von Universitäten genutzt und ermögliche virtuelle Unterrichtsstunden. Die laufen dann so ab, dass sich Lehrer und Schüler gleichzeitig ins System einloggen. Sie bekommen Aufgaben, antworten, stellen Fragen. Für die Oberstufe nutzt das Gymnasium Ilias, die Schüler bis Klasse 9 bekommen ihre Aufgaben über die Internetseite der Schule. Mirko Pabst hat seine Kollegen eingewiesen, wie sie die Technik benutzen können: "Die Zeit hilft uns vielleicht, neue Tore aufzustoßen." Es gab einen Workshop im Computerraum und Arbeitsgruppen. Jetzt seien die Lehrer soweit, dass sie dorthin abtauchen können, wo ihre Schüler bereits sind: ins Homeoffice.


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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Michael1964
    17.03.2020

    Es wird Zeit, dass mal einige Regelungen kritisch überdacht werden. Ist es sinnvoll, im Falle einer Schulschließung, allen Schülern den Zutritt zu ermöglichen und Materialpakete weiterzureichen?
    Ist es sinnvoll, vor jedem E-Mail oder Social-Media-Kontakt zwischen Schule und Eltern eine neue, jeweils mehrseitige Datenschutzerklärung abzuverlangen? Könnte man vielleicht auch mal die Regelungen des Urheberrechtes lockern, damit Schulen ansprechende und Kinder motivierende Arbeitsblätter auf der Schulhompage zum Download anbieten können?
    Schulwebseiten, die sowohl am PC, als auch am Tablet oder Smartphone zu nutzen sind, gibt es reichlich. Und Familien ohne eines der genannten Geräte sind wohl doch eher selten.