Kasim, 25, Zukunft ungewiss

Kasim Atris, Rettungsschwimmer in den Plauener Bädern, hat sich in seiner Botschaft in Berlin Papiere abgeholt. Wie lange er in Deutschland bleiben darf, weiß er nicht. Warum er nicht zurück in den Libanon will.

Plauen.

Das Laub färbt sich, und das Wasser im Freibad Haselbrunn ist kalt geworden. Höchstens 18 Grad Celsius, sagt Bademeister Steffen Köhler. Aber die Saison ist sowieso vorbei. Es war seine dritte Saison mit einem Kollegen aus dem Ausland, denn Rettungsschwimmer sind knapp geworden. Steffen Köhler weiß nicht, ob er nächstes Jahr wieder mit Kasim Atris am Beckenrand stehen wird. Die Zukunft des jungen Libanesen ist ungewiss.

Am Dienstag war Kasim Atris mit dem Zug in Berlin. Morgens halb zehn hatte er einen Termin in der libanesischen Botschaft, um einen Reisepass zu beantragen. Er gab Zeugnisse ab und alte Schülerausweise, auf denen steht, dass er Kasim Atris heißt und aus Beirut stammt. Die Mitarbeiter der Botschaft druckten ihm ein Dokument aus, das seine Herkunft belegt. Das soll er jetzt in die Plauener Ausländerbehörde bringen. Der erste Schritt, um nicht abgeschoben zu werden. Sein Asylantrag ist abgelehnt worden. Dass er in Vollzeit bei der städtischen Bädergesellschaft beschäftigt ist und keine Sozialleistungen bezieht, spielt keine Rolle. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat eine Abschiebeandrohung erlassen.


Seine Duldung läuft bis Ende November. Für Kasim Atris ein Countdown im Kampf darum, bleiben zu dürfen. Sein Chef unterstützt ihn, begleitet ihn bei Behördenterminen. Den jungen Libanesen beschreibt er als fleißig und zuverlässig. Würde er gehen, hätte er eine Lücke im Dienstplan des Plauener Stadtbades, wo Kasim im Winterhalbjahr arbeitet. Andere Unternehmen aus Sachsen beschreiben die Lage ähnlich. Florian Rothweiler aus der Geschäftsleitung der Firma Turbinenkomponenten Görlitz schreibt von "kafkaesken Vorgängen". Die Firma beschäftigt unter anderem einen Metallbauer aus Afghanistan, den sie eingearbeitet hat und um dessen Abschiebung sie fürchtet.

"Wenn es nicht klappt, gehe ich allein, ohne Stress", sagt Kasim. Er will sich nicht von der Polizei abholen lassen, das sei demütigend. Nach Recherchen der "Freien Presse" hat die Ausländerbehörde aktuell keine Abschiebung geplant. Zu seinem Fall gibt der Landkreis keine Auskunft und verweist an das Bundesamt für Migration. Die Pressestelle des Landratsamts räumt jedoch ein, dass der Kreis ein Aufenthaltsrecht gewähren kann. Zu den Voraussetzungen dafür äußert sich die Ausländerbehörde des Landkreises aber nicht. Sie verweist nur auf Einzelfallentscheidungen. Jeder Fall werde individuell geprüft.

Kasim Atris ist 25 und lebt in einer kleinen Zweiraumwohnung, die fast steril wirkt. Neben das Sofa hat er einen Tisch gestellt, auf dem Pokale und Medaillen glänzen. Meistens holt er Gold oder Silber, beim Freiwasserschwimmen an der Pöhl, bei den Lebensretter-Stadtmeisterschaften in Leipzig. Gerade ist er bei der praktischen Prüfung für die Auto-Fahrerlaubnis durchgefallen.

Vor vier Jahren kam er nach Deutschland. Seine Chancen auf Asyl waren niemals gut, egal, wie fleißig er ist. "Die Leute hier wissen nicht, was in unserem Land los ist", sagt Kasim. Es gebe keine Arbeit, aber dafür die Angst vor dem IS und der Hisbollah. Kasim erzählt von Strandpartys, die von der Hisbollah-Miliz abgebrochen wurden, von Menschen, die mit Sprengstoff herumlaufen, von Kranken, die keine Hilfe bekommen, von vermüllten Straßenzügen. "Die Jungs wandern aus nach Brasilien, Kanada und Deutschland, um ihre Familien im Libanon zu unterstützen", sagt er. Einen Teil seines Monatsgehalts überweist er seiner Mutter.

Die nächsten Wochen werden über seine Zukunft entscheiden. Er hofft auf einen neuen Beschluss, der ab Januar greift und mit dem die Behörden über Menschen wie Kasim Atris entscheiden dürfen, die weder Sozialleistungen beziehen noch straffällig waren.

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