Nur ein Oelsnitz im Reiseportal

Wer bei Tripadvisor nach Oelsnitz sucht, reibt sich verwundert die Augen: Drei Sehenswürdigkeiten listet das Portal auf. Doch wer sie alle besuchen will, muss 55 Kilometer Autobahnfahrt einplanen.

Oelsnitz.

Besuchen Sie Oelsnitz! Ob das im Vogtland oder das im Erzgebirge - der weltgrößten Reise-Webseite Tripadvisor war das bisher egal. Sie kannte nur ein Einheits-Oelsnitz. Und niemand hat es bemerkt.

Sich selbst im Internet zu suchen, kann Erstaunliches zutage fördern. Das gilt auch für Städte - zumal die übers Internet Besucher anlocken können. Wichtiges Werkzeug: Online-Reiseportale. Branchenriese ist die amerikanische Webseite Tripadvisor. Wer dort nach Oelsnitz sucht, bekommt drei Sehenswürdigkeiten angezeigt: Am beliebtesten bei den Nutzern ist das Bergbaumuseum, dahinter rangieren Schloss Voigtsberg und die Landesgartenschau. Doch wer sie alle besuchen will, muss 55 Kilometer Autobahnfahrt einplanen - denn das Schloss liegt im Vogtland, die beiden anderen im Erzgebirge. Durcheinander geht's auch bei Restaurants: Fünf der Lokale in den Top 15 liegen im Erzgebirgs-Oelsnitz, der Rest im Vogtland.

Bei Tripadvisor hat niemand die Verwechslung bemerkt. Wie es dazu kam, kann Sprecherin Susanne Nguyen nicht erklären, zumal die Einträge mit korrekten Postleitzahlen geführt sind. Das System hat sich wohl durch den identischen Namen täuschen lassen, vermutet Nguyen - und verspricht, sich darum zu kümmern.

Allerdings: Vor Ort, in den beiden Rathäusern und Tourismusverbänden, wusste man bisher noch gar nichts vom Einheits-Oelsnitz. Wie kann das sein?

Die Anzahl der Einträge und Bewertungen spricht Bände: Die Städte spielen auf der Plattform kaum eine Rolle. Gerade 21 Menschen haben die drei Sehenswürdigkeiten bewertet, bei den Restaurants sieht der Schnitt ähnlich trüb aus. So präsent die Aufkleber mit dem Eulen-Logo im Rest der Welt sind - in weiten Teilen ist Sachsen eine Eulen-Ödnis. Andrea Kis vom Landestourismusverband bestätigt: Auf 31 Portalen, wo Nutzer Ziele in Sachsen bewertet haben, entfallen lediglich fünf Prozent der Beiträge auf Tripadvisor. Den größten Anteil hat Booking.com mit 64 Prozent. "Tripadvisor ist vor allem in Metropolen relevant", sagt Kis. "Auf dem Land eher nicht."

Ein Drama ist das nicht, weder im Erzgebirge noch im Vogtland. "Bewertungsseiten sind nur einer von vielen Kanälen", sagt Doreen Burgold vom Tourismusverband Erzgebirge. Wichtiger für die Vermarktung der Region ist die eigene Verbands-Webseite - und der Auftritt in der analogen Welt: Messen, Kataloge, Broschüren, ganz klassisch. Die Bedeutung der Portale als wichtiges Meinungsbild und Meinungsmacher haben die Touristiker dennoch auf dem Schirm, betont Bärbel Borchert vom Tourismusverband Vogtland. 300 Mitglieder hat der Verband. Denen schärfen Borchert und ihre Kollegen ein, sich regelmäßig selbst im Internet zu suchen und auf Kritik zu reagieren.

Gerade für kleine Hotels, Gaststätten, Museen kann ein Portal wie Tripadvisor eine Chance sein, betont die Touristikerin Andrea Kis: Mit recht geringen Kosten lässt sich große Bekanntheit erzielen. Den Grundstein dafür hat Tripadvisor nun gelegt - und aus einem Oelsnitz zwei gemacht.


Die Welt in fünf Punkten

Tripadvisor ist mit mehr als 661 Millionen Bewertungen und 255 neuen Beiträgen pro Minute nach eigenen Angaben die weltweit größte Reise-Webseite. Sie ist im Jahr 2000 an den Start gegangen, als eine der ersten ihrer Art. Heute ist Tripadvisor in 28 Sprachen verfügbar.

Hotels, Restaurants und Sehenswürdigkeiten gelangen auf zwei Arten auf die Seite: Besucher können sie eintragen lassen - oder die jeweiligen Betreiber selbst.

Grundlage ist die Zuarbeit der Nutzer: Einen bis fünf Punkte können sie an Hotels, Restaurants und

Sehenswürdigkeiten vergeben.

Die Eule mit dem ernsten Blick ist Logo der Plattform. Verbreitet ist sie auf der ganzen Welt: Noch im abgelegensten Andendorf zieren Aufkleber mit dem Tripadvisor-Logo die Schaufenster. Die Eule ist Meinungsbild und -macher: Ein "Certificate of Excellence"-Aufkleber kann einen Ort adeln. Mit einer schlechten Bewertung verschwindet er leicht vom Radar des optimiert Reisenden, der sich nur noch ungern auf seine Intuition oder gar den Zufall verlässt. (ulab)

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