Öl-Altlast: Pöhl sucht händeringend Hilfe

Wer zahlt die Zeche für Öl und illegalen Müll im alten Umspannwerk? Es gibt viele offene Fragen und Handlungsbedarf.

Pöhl.

Allmählich zeichnet sich ein Bild zu den Altlasten und zur Umweltverschmutzung im alten Umspannwerk Herlasgrün ab. Aufklärung gab es von unerwarteter Seite am Rande der Pöhler Gemeinderatssitzung, die am Montagabend wegen des Bürgerandrangs kurzerhand in den Beratungsraum der Jocketaer Feuerwehr verlegt werden musste.

Mirko Kutzer, Außendienstler bei Trafohersteller ABB in Halle, gab zumindest zu einem Problem Entwarnung. Das in der Industriebrache in großen Mengen vermutete Öl sei kein mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) belastetes Transformatorenöl. Das zu den gefährlichsten Umweltgiften zählende PCB sei in jenem Öl nur in geringer Konzentration nachgewiesen worden.

Damit sei auch eine Entsorgung größerer Mengen Altöl für gut 100 Euro je Kubikmeter zu stemmen. Er selbst war dabei, berichtete Mirko Kutzer, als das Umweltamt des Vogtlandkreises am 8. September 2017 Proben nahm und von einem Fachlabor untersuchen ließ. "Das war doch im Landratsamt alles bekannt", sagt er. Wieso die Behörde mit der Entsorgung seit Jahren zögert, das sei kaum nachvollziehbar.

Im Gemeinderat herrschte Ratlosigkeit angesichts der ungewissen Situation der jetzt herrenlosen Immobilie. Vize-Bürgermeister Erik Jung (Freie Wähler) verlas eine Erklärung von Bürgermeisterin Daniela Hommel-Kreißl (FDP), die kurzfristig ihre Teilnahme abgesagt hatte. Hommel-Kreißl schilderte darin die inhaltlich und rechtlich unübersichtliche Situation und die bisher dürftigen Aussagen des Kreises.

Pöhls Bauhof hat demnach die einsturzgefährdeten Gebäude und einen davor liegenden Schacht gesichert. Seit einem Großbrand im April 2011 waren dem Kreis die gefüllten Ölgruben bekannt. Ihr Fragenkatalog ans Landratsamt sei noch nicht beantwortet worden.

Was nun den vom Kreis eingeräumten Austritt von Flüssigkeit betrifft, habe sie nach Rücksprache mit dem Wasser- und Abwasserzweckverband Zwav erfahren, dass nichts in die Kanalisation gelangt sei. Allerdings gibt es auch einen Kanal, der nicht dem Zwav gehöre, sondern Privatleuten. Die meisten Informationen habe sie der "Freien Presse" entnommen, so Hommel-Kreißl. Bisher weise die Talsperre Pöhl zum Glück nahezu Trinkwasserqualität auf.

Um Hilfe zu erhalten, hat sich die ehrenamtliche Bürgermeisterin an Präsident Dietrich Gökelmann von der dem Kreis übergeordneten Landesdirektion Sachsen und an den CDU-Landtagsabgeordneten Stefan Hösl gewandt. Von Hösl habe sie erfahren, dass der Freistaat "das Geschenk Altes Umspannwerk bislang nicht angenommen hat".

Zu Hösls Wahlkreis gehört Pöhl, doch von den Konflikten um das Umspannwerk Herlasgrün habe er erst jetzt erfahren, sagte der Reichenbacher. "Ein tief greifendes Problem, ich bin erschrocken", meinte Hösl. "Die Gemeinde bekommt im Moment den Schwarzen Peter zugeschoben." Anfang Februar soll es einen Ortstermin geben, um rasche Lösungen zu erreichen.

Unterdessen hat jetzt auch das Landratsamt umfangreich Stellung genommen. Die bisher bekannten PCB-Belastungen seien gering. Nach dem geplanten Abpumpen von "geschätzt 200 Kubikmeter Öl-/Wassergemisch" in Kreis-Regie seien weitere Untersuchungen des Areals nötig. Bei Begehungen im alten Umspannwerk 1994 und 2000 habe es keine Hinweise auf abgelagerte Abfälle gegeben. Vor 2011 habe man keine Kenntnis von Ölen gehabt.

2011 und 2017 habe die Umweltbehörde Proben genommen, "Austritte konnten zu diesen Zeitpunkten nicht beobachtet werden". Außer einem Großbrand 2011 seien auf dem Areal "keine Havarien im eigentlichen Sinne bekannt". Vorwürfe der Pöhler Bürgermeisterin, nicht umfassend informiert zu haben, weist die Kreisbehörde zurück.

Bei der Bewertung dessen, was sich Anfang 2019 beim Überlaufen von Flüssigkeiten ereignete, äußert sich die Behörde widersprüchlich. In einer ersten Antwort ist von einem "Austritt in die Kanalisation" die Rede, in einer zweiten heißt es, es sei "nichts in die öffentliche Kanalisation gelangt". Auf die Bitte der "Freien Presse", die komplizierte Materie im Gespräch zu erörtern, geht Pressesprecher Uwe Heinl nicht ein. Er antwortet nur schriftlich.

Nach den Grünen fordert jetzt auch die AfD von Landrat Rolf Keil (CDU) Aufklärung und "geeignete Maßnahmen zur Gefahrenabwehr".


Kommentar: UntermTeppich

Priorität hat jetzt im alten Umspannwerk Herlasgrün, oberhalb der Talsperre Pöhl, der Schutz von Mensch und Natur. Ungeachtet aller Zuständigkeiten und der Frage, wann und wie oft was auch immer an Altöl und unbekannten Flüssigkeiten in der völlig maroden Industriebrache übergeschwappt ist: Das Zeug muss dort endlich weg.

Über den Daumen gepeilt, gibt die Kreisbehörde die Menge des dort befindlichen Gemischs aus Wasser und Altöl mit 200 Kubikmeter an. Das wären 200.000 Liter einer brisanten Brühe unweit der Talsperre. Was an anderen Altlasten noch im Boden schlummert, könnten erst weitere Untersuchungen ergeben. Offensichtlich wissen die Behörden nicht oder wollen nicht verraten, was in den Jahrzehnten seit dem Aus fürs Umspannwerk im Jahr 1968 an Problemabfall dort gelandet ist.

Seit 2011, so räumt das Landratsamt ein, habe man Kenntnis von der Existenz von Altöl in riesigen Wannen. Neun Jahre später ist das Problem nicht nur ungelöst, sondern weiter gewachsen. Zwischenzeitig sollen dort dubiose Leute und Autoschrauber Sondermüll abgelagert haben. Der ist auf dem Wege der behördlichen Ersatzvornahme beseitigt worden. Das ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch sehr spät.

Gewiss kostet eine Schadstoffsanierung Geld, doch Zögern und Untätigkeit lösen keine Probleme. So etwas lässt sich nicht auf Dauer unter den Teppich kehren.

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