Vor 30 Jahren: Mit Zeitungen gegen Schlagstöcke

Am Freitag und Samstag hat die Bewegung "Wann wenn nicht jetzt" in Plauen Station gemacht. Auf dem Altmarkt berichteten Akteure der Friedlichen Revolution von ihren Erlebnissen.

Plauen.

Mit einem Appell an die Jugend endete am Samstagmittag auf dem Plauener Altmarkt eine Podiumsdiskussion mit Akteuren der Friedlichen Revolution von 1989 vor etwa 50 Zuhörern. Sie fand statt im Rahmen eines Tour-Stopps der Bewegung "Wann wenn nicht jetzt". Diese ist ein Zusammenschluss von Organisationen und Einzelpersonen, versteht sich als "zivilgesellschaftliche Linke von unten" und setzt sich für eine offene und solidarische Gesellschaft ein.

Es sei jetzt an der jungen Generation, sich für gesellschaftliche Veränderungen einzusetzen, sagte Doritta Korte. Das sei aber nicht alleinige Sache der jungen Leute, erwiderte die Politikerin Judith Braband aus Berlin, die von 1990 bis 1992 auf der Liste der PDS im Bundestag saß. Sie war zu DDR-Zeiten inoffizielle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie selbst gehe jedenfalls auch noch auf die Straße und demonstriere, ergänzte sie.


Zuvor hatten Steffen Kollwitz, Steffen Unglaub, Jürgen Lösche und Doritta Korte von ihren Erlebnissen im Herbst 1989 in der Region berichtet. Das Augenmerk dabei lag vor allem auf der ersten Demonstration in Plauen am 7. Oktober. "Wir hatten dicke Jacken angezogen", erinnerte sich Unglaub. "Wir hatten uns Zeitungen in die Jacken gestopft", erklärte der damals zu einer oppositionellen Gruppe gehörende Plauener. "In Leipzig hatte man ja schon mit Schlagstöcken zu tun", sagte er weiter. Die Zeitungen sollten mögliche Schläge von Polizei und Sicherheitskräften abmildern.

Kollwitz erinnerte an die fast 2000 Teilnehmer der Friedensandacht am 5. Oktober 1989 in der Haselbrunner Markuskirche. Der Goldschmied gehörte der dortigen Kirchgemeinde an. Er und weitere 60 bis 70 Plauener waren bereits im Mai 1989 bei den Volkskammerwahlen in die Wahllokale gegangen, um die Stimmenauszählung zu beobachten. Das gelang nicht in jedem Wahllokal. Sie kamen auf zehn Prozent Gegenstimmen sowie weitere zehn Prozent Nichtwähler. Die offiziellen Ergebnisse waren freilich andere.

"Mit der Maueröffnung hat die Stimmung schlagartig umgeschlagen", wusste noch Lösche, damaliger Betriebsschlosser im Stahlbau und späterer Betriebsrat. Korte arbeitete im Herbst 1989 im Rahmen ihres Studiums als Praktikantin am Theater. Als die wöchentlichen Demonstrationen liefen, untersuchte sie im Auftrag ihres Professors, mit welchen Sprachbildern, Vergleichen und Stilmitteln die Forderungen auf den Plakaten formuliert waren. Ihr Notizbuch von damals hatte sie am Samstag dabei.

Die Ostdeutschen seien keine Deutschen zweiter Klasse, meinte Kollwitz. Im Laufe der 30 Jahre hätten die Menschen hier viel geleistet. Er blicke zuversichtlich auf die kommende Zeit. Man müsse auch mit Leuten reden, die völlig entgegengesetzter Meinung sind, ging Jürgen auf die augenblickliche Spaltung der Gesellschaft in vielen Fragen ein. Nach gut 90 Minuten ging die Diskussion zu Ende.


Veranstalter sind zufrieden

Eine positive Bilanz des "Wann wenn nicht jetzt"-Aktionstages in Plauen zog Lena Kittler vom örtlichen Organisationsteam. Etwa 500 bis 600 Leute hätten die Angebote genutzt: "Wir haben den Altmarkt belebt. Es war ein sehr langer und anstrengender Tag, aber es hat sich gelohnt." Bis zu 20 Leute aus Plauen und Umgebung hätten das Ganze mit Unterstützung aus Leipzig und Berlin auf die Beine gestellt.

Das Publikum sei je nach Art der Veranstaltung verschieden gewesen: "Natürlich kamen zur Podiumsdiskussion über die Wende ein bisschen ältere Leute als zum Bedrucken von T-Shirts mit Kunstmotiven." Insgesamt hätten alle Info-Stände ihre Interessenten gefunden. Auch musikalisch habe man ein breites Spektrum abgedeckt: Sängerin und Song-Writerin Loreen Zacher trat ebenso auf wie ein Jazz-Trio oder die Punkbands Egotronic und Creme Brülle. (bap)

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