"Wir müssen uns nicht verstecken"

Thomas Hennig spricht als Vogtland-Chef im sächsischen Städte- und Gemeindetag über Schwächen und Stärken seiner Heimatregion

Als Vorsitzender beim Städte- und Gemeindetag für das Vogtland will Klingenthals Bürgermeister Thomas Hennig (CDU) sich auch für die Kommunen stark machen, wo sich Fuchs und Hase "Gute Nacht" sagen. Warum man gerade Gemeinden in Randlage nicht abschreiben sollte, darüber sprach er mit Nicole Jähn.

Freie Presse: Fühlen Sie sich in Klingenthal abgehängt?

Thomas Hennig: Ich verweise immer auf unsere schöne Landschaft, die für vieles entschädigt, was man vielleicht in einer Stadt in Randlage vermisst. Momentan hat man vielleicht noch den Eindruck von einer Sackgasse. Aber das Blatt wendet sich, auch durch die wachsende Wirtschaftskraft in Tschechien, die dazu führt, dass unsere Freizeitanlagen wie Tierpark oder Freibad wieder mehr Besucher verbuchen. Auch unser Einzelhandel profitiert. Alle suchen nach Fachkräften. Wir haben durch die Grenznähe einen Vorteil im Wettbewerb. Ich kenne keine Firma im Raum Klingenthal, die ohne Mitarbeiter aus Tschechien auskäme. Die Ärzteversorgung in der Stadt ist hervorragend und durch die neue Oberschule entwickeln sich gerade neue Perspektiven.

Ex-Landtagsabgeordnete Andrea Roth von den Linken sah den Amtsberg zuletzt geradezu als Modellprojekt fürs Vogtland zum Thema Gemeinschaftsschule. Teilen Sie den Gedanken?

Wenn alles gut geht, sprechen wir nächstes Jahr mit dem Erweiterungsanbau für die Oberschule über einen Campus Klingenthal, der alles unter einem Dach hält. Das würde auch den künftigen Erhalt der Oberschule im Ort sichern. Denn wenn das Gymnasium mitzählt, erreichen wir in jedem Fall immer die geforderte Dreizügigkeit. Wenn der gesamte Schulkomplex einem Direktor unterstellt ist, kann man vorhandene Kapazitäten ganz anders nutzen. Ein simples Beispiel ist die Turnhallenbelegung. Bislang ist es aber nicht möglich Grundschulen in ein Campusprojekt zu integrieren. Ich hoffe, da finden wir noch eine Möglichkeit. Da könnte entscheidend sein, welche Konstellation sich nach der Wahl ergibt.

Durch Ihre Arbeit beim Städte- und Gemeindetag stehen Sie im Austausch mit Bürgermeistern anderer Regionen. Welche Aha-Effekte brachte ihnen das?

Dass vieles im Vogtland gar nicht so schlecht läuft, etwa beim Thema Breitbandausbau. Es ist ein erheblicher Vorteil, dass nicht jede Kommune allein dafür kämpfen muss, sondern wir bei dem Thema breit über den Kreis aufgestellt sind. Andererseits schaue ich beim Thema Kreisumlage sehr neidisch auf den Erzgebirgskreis, denn die ist dort viel niedriger als unsere.

Macht Geld allein Kommunen glücklich?

Nein. Den Kommunen ist wichtig, dass sie ihre Selbstbestimmung behalten. Das bleibt auch ein wichtiges Thema beim Städte- und Gemeindetag. Die Fördermittelprogramme werden zwar immer mehr, aber auch umständlicher. Der Ansatz des Freistaats ist richtig, Kommunen ein bestimmtes Budget zur Verfügung zu stellen, deren Zweck sie selbst bestimmen können. Das sollte ausgebaut werden.

Welches Thema steht für Sie 2019 noch an?

Der ländliche Raum muss mehr Unterstützung erhalten, die sich nicht allein auf die Einwohnerzahl bezieht. Ich denke da insbesondere an die Flächenkommunen. Weischlitz und Muldenhammer haben riesige Flächen mit denen sich kostspielige Aufgaben verbinden, etwa der Winterdienst. Schlüsselzuweisungen dürfen sich deshalb nicht nur nach der Einwohnerzahl richten, auch die Fläche sollte bedacht werden - zumindest zum Teil. Das ist auch ein Punkt unserer Agenda 2030. Die soll aber erst nach einer Sitzung mit unserem Landesgeschäftsführer Mitte Januar vorgestellt werden.

Viele Menschen sind unzufrieden. Laut einer Studie fühlen sich vor allem die Älteren in Sachsen abgehängt. Wie wollen Sie diese Bürger wieder erreichen?

Man muss ihnen natürlich etwas anbieten, um sie mitzunehmen. Viele erreiche ich über den Bürgerstammtisch, zu dem auch die Jüngeren kommen. Ich merkte schnell, dass das Format der Bürgerfragestunde für die Anliegen der Einwohner nicht ausreicht. Es gibt wirklich viele, die ihre Kraft einbringen. Unsere Gruppen und Vereine stellen viel auf die Beine, aber natürlich fällt unsere Infrastruktur geringer aus als in größeren Städten. Aus einem Stadtentwicklungskonzept wollen wir nächstes Jahr Erkenntnisse ziehen, was den Leuten konkret fehlt. Sind es Einkaufsmöglichkeiten oder ein neuer Spielplatz? Man darf Bürgern auch nicht ständig sagen, es geht alles nicht. Irgendetwas lässt sich immer machen. Was mich aber ärgert ist, wenn wir unsere Region immer wieder schlecht reden. Wir müssen uns nicht verstecken. Wir haben überall neue Spielplätze, die Marktplätze in den Dörfern sind schön hergerichtet, wo andernorts in den alten Bundesländern längst stillstand herrscht.

Viele Kommunen sind heute aber vor allem Schlafstädte. Bürgern fehlt neben dem Job die Zeit für Engagement im Ort. Ist das nicht ein Kernproblem?

Ja, das stimmt. Infrastruktur für die Bürger im Ort zu halten ist eben deshalb ein zentrales Thema. Da muss ich noch einmal auf das Thema Oberschule zurückkommen. Die Kinder in Klingenthal hatten durch die langen Fahrtwege überhaupt keine Zeit für Freizeitbeschäftigungen in einem Verein. Jetzt bleiben ihnen pro Woche mehr als zehn Stunden zusätzlich. Schon nach der kurzen Zeit berichten mir Vereine von spürbar mehr Anmeldungen. Am Ende trägt genau das zu mehr Verwurzelung der Jugend im Ort bei.

Die Verteilung von Flüchtlingen war für den Städte- und Gemeindetag auch ein zentrales Thema. Hätten die Kommunen im Vogtland Plauen nicht mehr abnehmen können, gar müssen?

Die Verteilung im Kreis verlief nach der Möglichkeit der Räumlichkeiten, deshalb konzentrierte sich fast alles in Plauen. Plauen hat dadurch auch die negativen Seiten abbekommen, das ist wohl so. Die Stadt bekommt aber auch viele Bonbons. Da sollten wir als Kommunen aber auch mal einen Schritt zurücktreten und akzeptieren, dass Plauen unser Oberzentrum ist. Heute braucht niemand mehr nach Hof zum Einkaufen fahren. Da ist in Plauen viel mehr los. Und wenn Plauen jetzt das 50-Millionen-Paket erhalten hat, dann sollten wir froh sein. Denn das Geld kommt ins Vogtland.

Glauben Sie, Sie bekommen in Klingenthal einen Happen ab?

Ich sag mal so, wenn Plauen jetzt für das Geld das Hallenbad erweitert, das schon jetzt viele Klingenthaler gern nutzen, dann müssen wir keins vorhalten. Dafür kommen die Plauener zu uns zum Skifahren. Zu dieser Denke müssen wir kommen. Jede Kommune hat ein anderes Pfund. Wir können nicht jeder alles anbieten und wir sollten uns auch nicht gegenseitig Konkurrenz machen.

Nicht wenige trauen Ihnen mehr Verantwortung im Vogtland zu. Sie sich auch?

Ich traue es mir schon zu, aber ich habe es nicht vor. (lächelt) Ich könnte mir vorstellen, im Landesvorstand des Sächsischen Städte- und Gemeindetags künftig mehr Verantwortung zu übernehmen. Aber vor allem erfüllt mich meine Aufgabe in Klingenthal, da ich ein heimatverbundener Mensch bin. Ich denke, dass ich mich dort 2020 auch wieder zur Wahl stellen werde.

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