Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Mit Psychosen im Allgemeinen und mit der Schizophrenie im Besonderen hat sich am Mittwochabend eine Podiumsdiskussion im Zwickauer Kornhaus beschäftigt. Die Erkrankung ist häufiger als viele denken. Aber es wird wenig darüber gesprochen.

Zwickau.

Am Anfang hat sie es auf die Pubertät geschoben, sagt Carmen Könitzer. Als ihr Sohn sich eigenartig verhielt, als er in der neunten Klasse einen Leistungseinbruch erlebte. Doch das, was sie beunruhigte, wuchs sich nicht aus. Als er 20 Jahre alt war, erhielt der junge Mann seine Diagnose: Schizophrenie. Es war ein Schock, doch ihr Sohn konnte endlich die richtige Hilfe bekommen. Und Carmen Könitzer fand auch jemanden, der sie auffing: eine Selbsthilfegruppe beim Solidar-Sozialring in Zwickau.

Am Mittwoch berichtete die Mutter von ihren Erfahrungen. Rund 130 Menschen waren ins Zwickauer Kornhaus gekommen, um sich näher mit dieser Diagnose zu beschäftigen, über die es einiges an Witzen und vieles an Vorurteilen gibt. Wissen hingegen ist rarer gesät. Zu selten, wenn man bedenkt, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung damit rechnen muss, mindestens einmal im Leben einen schizophrenen Schub zu durchleiden. Ein Prozent - diese Zahl nennt Robert Pusch, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Heinrich-Braun-Klinikum Zwickau. Allein auf die Stadt Zwickau heruntergebrochen sind das ungefähr 900 Menschen. "Die erleben das natürlich nicht gleichzeitig", sagt Pusch. Aber dennoch: So sehr selten ist diese Erkrankung nicht. Kein Grund, sie totzuschweigen. Oder sich darüber lustig zu machen. "Denn theoretisch kann jeder eine Psychose entwickeln", sagt Sven Quilitzsch, in Zwickau niedergelassener Psychotherapeut.

Die Schizophrenie gehört zu den Psychosen. Was passiert, wenn ein Patient einen akuten Schub erlebt, fasst Oberarzt Pusch zusammen: "Dann ist der Wahn Wirklichkeit. Mit Argumenten kommt man nicht dagegen an." Ein Krankenhausaufenthalt und die Suche nach dem richtigen Medikament sind in der Regel die ersten Schritte der Behandlung, ehe Psychologen wie Quilitzsch sich der Patienten annehmen.

Schizophrenie ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern. Eines konnten die rund 130 Gäste der Veranstaltungsreihe "Kamera sensibel" des Landesverbandes Gemeindepsychiatrie und des Sozialrings zuvor auf der Leinwand sehen: im Filmdrama "Hirngespinster", das die Krankheit und deren Auswirkungen auf eine Familie wirklichkeitsnah und unaufgeregt darstellt. Diese Geschichte hilft, die Krankheit ins Gespräch zu bringen. "Was wir brauchen, das ist eine Entstigmatisierung der Krankheit", sagt Quilitzsch. Informationen können dabei helfen. Und Verständnis. Dafür, dass Schizophrenie jeden treffen kann. Und dafür, dass es Hilfe gibt. Für die Betroffenen ebenso wie für die Angehörigen.

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