Zwickau erlebt das Wunder des Lebens

Ein Puppentheater-Festival zieht seit Donnerstag durch die Stadt. Es lehrt die Kinder stillzusitzen, und die Erwachsenen lehrt es das Fühlen.

Zwickau.

Es hieß, die Vorstellung werde ... nun ja ... speziell. Es hieß, die Künstlerin sei heikel. Es hieß, man dürfe keinen Mucks von sich geben.

Am Ende der Vorstellung will der Applaus nicht abebben. Am Ende lächeln die Menschen im Publikum und wischen sich gleichzeitig ein Tränchen aus dem Auge. Am Ende staunen die Menschen, was Puppentheater alles kann.

Fünf Tage lang -noch bis Montagvormittag - findet zur Eröffnung des sanierten Puppentheaters ein Festival in der Stadt statt. Sächsische, deutsche und internationale Künstler zeigen, was passiert, wenn neben Körper, Stimme und Bühnenbild noch etwas anderes hilft, eine Geschichte zu erzählen: Materie gewordene Fantasie. Oder wie es Monika Gerboc nennt: das Wunder des Lebens. So bezeichnet die Direktorin des Zwickauer Puppentheaters den magischen Moment, wenn die Zuschauer vergessen, dass sich da nur Stoff oder Papier bewegt, dass da auch Menschen mit auf der Bühne stehen. Es ist wunderbare Magie.

Manchmal braucht man gar keine Figuren. Da tun es auch die Finger. Wie beim Puppenspieler Jose Antonio Pucades. In "Nymio" stellt er unter anderem den Break Dancer Punto dar: Zwei coole Schuhe auf dem Zeige- und Mittelfinger - viel mehr braucht der Spanier nicht, um eine fanstatische Figur zu erschaffen, die sich im Übermut den Hals bricht und zu einem Engel wird. Und das ist nur eine der fünf wunderbaren Kurzgeschichten, die der Künstler ganz ohne Worte erzählt. Denn Worte braucht er nicht. Ihm reichen am Freitag im "Brauhaus" seine Ausstrahlung, sein Lächeln, sein Körper und seine Hände, um die ihn seine Kollegen, darunter Monika Gerboc, beneiden.

Jede der Vorstellungen ist voll besetzt. Mit Zwickauern, aber auch mit den Gästen, die zum Spielen angereist sind. Sie möchten sehen, was die Kollegen können - und sie möchten sich vergleichen. Für das Zwickauer Theater gilt: Es muss sich nicht verstecken. Im Gegenteil. Am Eröffnungsabend begeistert es mit dem Stück "Cyberterror", das gemeinsam mit Schülern entstand, das aber auch Erwachsenen zu Herzen geht. Eine Nachbesprechung dazu gibt es als eine von drei Diskussionsrunden, die das Festivalangebot erweitern, indem sie das Publikum mit einbeziehen. Dabei geht es munter zu, etwa als Erzieher und Künstler darüber diskutieren, ob und wie man Theater für Kinder entwickelt, die gerade mal ein Jahr alt sind.

Wie das funktionieren kann, zeigt das italienisch-slowakische Theaters L'Asina sull'sola mit dem Stück "Mit den Augen der Möwen", das Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen zu Herzen geht. Im Gespräch erklärt Katarina Jaoskova später, wie die Künstler mit einfachen Mitteln - selbst mit der Abwesenheit von Dingen oder Geräuschen - die Fantasie der Zuschauer beflügeln. Wie sie zu den Gefühlen sprechen und die Logik, den Verstand dabei links liegen lassen. "Wir spielen für die Kinder, weil sie unsere Zukunft sind und es wichtig ist, sie früh ans Theater heranzuführen, damit sie es auch als Erwachsene lieben", so das Duo, das sein Stück extra für den Festivalauftritt in Zwickau auf Deutsch einstudiert hat.

Auch bei Yael Rasooly aus Israel spielen die Augen eine wichtige Rolle - und zwar ihre eigenen. Das Stück "Paper Cut" fällt etwas aus dem Rahmen, weil die gar keine Puppen benutzt. Nur ausgeschnittenes Papier -Pop-up-Bücher oder ausgeschnittene Fotos, mit denen sich die Protagonistin in eine arg romantische Filmwelt träumt. Im richtigen Leben ist diese Ruth Spencer Sekretärin - und in der Lage, allein mit dem Rollen ihrer Augen äußerstes Missfallen auszudrücken oder mit einem Flattern der Lider höchste Verzückung. Es ist amüsant, wie sich die junge Frau in ihren Träumen verstrickt, der Saal im Puppentheater kichert vor sich hin, manchmal platzt das Lachen auch aus allen heraus. Und als Yael Rasooly einen Beutel Hagebuttentee samt Teeglas nutzt, um eine Ertränkungsszene darzustellen, sind es die Zuschauer, die mit den Wimpern klimpern.

Das Festival hat vieles gezeigt: Welche Vielfalt es auf den Puppenbühnen dieser Welt gibt, welche Nuancen die Zwickauer dem hinzuzufügen haben, aber auch, dass Puppentheater so viel mehr kann als Kinder zu unterhalten. Ein Irrglaube, der bei vielen Erwachsenen verankert ist, und der die Künstler ärgert. Gut möglich aber, dass in Zwickau künftig ganz neue Besuchergruppen in das Haus an der Gewandhausstraße strömen. Jetzt, wo sie wissen, was alles denkbar ist. Schon allein deswegen haben sich die Mühen gelohnt, die Monika Gerboc, die gesamte Theatergruppe, die Kultour Z. und mehr als 50 freiwillige Helfer in das Festival gesteckt haben.

Bei all der Vielfalt sticht im Programm ein Titel dennoch heraus: "Weißt du was? Dann tanze jetzt!" von und mit Ilka Schönbein und den Musikerinnen Alexandra Lupidi und Suska Kanzler. Die Vorstellung, die mit einem gewissen Respekt erwartet worden war. Und dann so so viel herzlichen Applaus bekommt. In 65 Spielminuten erwachen sechs sehr unterschiedliche Wesen in den Händen, aus den Händen der Tänzerin, Spielerin und Puppen-Schafferin zum Leben, verbinden sich mit Musik und Gesang zu einem Gesamtkunstwerk, das Seinesgleichen in der Puppentheaterlandschaft sucht. Mit einem Bibel-Zitat "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde" beginnt eine faszinierende Reise, während der Ilka Schönbein mit ihrem ganzen Körper faszinierende Miniaturen erzählt und die Geschöpfe, denen sie Leben geschenkt hat, um ihr Leben tanzen lässt: so wie die kleine Grille, die der harte Winter beim Singen überrascht hat, nun fleht sie die Ameise um ein Krümlein Brot an, und bekommt als Antwort: "Weißt du was? Dann tanze jetzt!" Alle Figuren bringen das Publikum zum Schweigen oder zum Lachen, und jeder ist sich sicher, dass er gerade ganz große Kunst erlebt.

Nach dem Applaus werden die Künstlerinnen zu ansprechbaren Menschen. Sie schenken Wein und Saft aus und sagen, dass sie sich über so viel Beifall sehr freuen. Suska Kanzler erzählt, dass sie die Instrumente selbst baut, auf denen sie Ilka Schönbein begleitet, und auf denen auch die französische Mezzo-Sopranistin Alexandra Lupidi spielt, die auch singt, spricht und steppt. Das ist also Puppentheater? Wohl schon. Doch es ist noch etwas anderes: Ganz großes Kino.

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