"Ich hoffe, dass sie einen Bonus hat"

Leiter Ulrich Thiel verlässt das Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg nicht ohne Groll - Nachfolgerin Andrea Riedel: "Feinschliff am Konzept"

Freiberg.

Schwerer Abschied: Ulrich Thiel übergibt in diesem Monat die Leitung des Stadt- und Bergbaumuseums an Andrea Riedel. Fast 30 Jahre lang war er am Museum tätig, fast 29 Jahre hat er es geleitet. Jetzt beginnt eine neue Ära. Darüber sprach Heike Hubricht mit den beiden Historikern.

Freie Presse: Herr Dr. Thiel, Sie gehen auf eigenen Wunsch. Ist es trotzdem schwer?

Ulrich Thiel: Jein. Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das weinende Auge überwiegt. Doch es ist ein für mich persönlich notwendiger Schritt, auch aus gesundheitlichen Gründen.

Warum?

Ulrich Thiel: Es gab unüberbrückbare fachliche Differenzen mit Oberbürgermeister Sven Krüger und Baubürgermeister Holger Reuter. Dabei ging es um die Zukunft des Museums. Ich hatte beispielsweise zum Umbau des Gebäudes und auch zu den Domherrenhäusern Am Dom 2 und 3 eine ganz andere Auffassung.

Die Stadt Freiberg will die beiden Gebäude verkaufen - auch um die Museumserweiterung zu finanzieren. Der Stadtrat beschloss im Juli 2017 einen Lückenschluss zwischen dem Gebäude Am Dom 2 und dem Museum. In dem mit Sandstein verkleideten Neubau soll künftig der Eingangsbereich des Museums etabliert werden. Die Investition wird mit knapp 2 Millionen Euro veranschlagt und soll dem Museum 627 Quadratmeter zusätzliche Fläche bringen. Dafür sind Pläne erarbeitet worden.

Ulrich Thiel: Und mit mir hat dazu im Vorfeld keiner über wichtige Aspekte gesprochen oder sich meine Auffassung zu Eigen gemacht. Die Entscheidung wurde weitgehend über meinen Kopf hinweg getroffen. Ich bin anderer Meinung, so zu dem mir bekannten architektonischen Gesamtbild. Und viele Bürger ebenfalls. Meines Erachtens wäre es wichtiger gewesen, sich zunächst um den Fundus zu kümmern. Denn die Domhäuser 2 und 3, wo dieser lagert, platzen aus den Nähten. Da muss eine Lösung her. Erst als nächsten Schritt wäre ich den Umbau des Museums angegangen. Doch jetzt läuft es genau anders herum. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Und was halten Sie von den Umbauplänen, Frau Riedel?

Andrea Riedel: Abgesehen von der Vorgeschichte, welche mir nicht zusteht zu werten, ist hier etwas entschieden worden, das das "Fundament" des Museums betrifft. Und auf dieses Fundament müssen wir gemeinsam Stützpfeiler aufsetzen. In dieser Phase sind wird jetzt. Und da stehen verschiedene Fragen an. Etwa: Was wird aus der Sammlung? Kommt diese im Neubau unter, der am Herderhaus geplant ist? Was wird mit dem Ergänzungsbau am Museum? Und wie wird die Dauerausstellung umgestaltet? Das sind Dinge, über die man diskutieren muss. Der Besucher sieht immer nur das Schöne, die Dauerausstellung. Aber das Sammeln ist ja die Hauptaufgabe eines Museums. 2020 ist die Landesausstellung in Freiberg, wo die Reiche Zeche und ich hoffe auch wir einbezogen sind. Umbau und Umgestaltung bis dahin zu schaffen, ist ein sehr sportliches Ziel. Ulrich Thiel: Wenn dieses Ziel erreicht werden soll, müssen aber alle Begleitumstände absolut stimmen. Die Zeit ist knapp.

Frau Riedel, Sie gelten als Mensch, der keine Konflikte scheut. Im Chemnitzer Industriemuseum haben Sie in zwei Jahren eine völlig neue Ausstellung konzipiert und gestaltet. Trotzdem trennte sich Chemnitz von Ihnen. Anschießend retteten Sie das Museum Burg Ranis in Thüringen, die nach 60 Jahren vor dem Aus stand. Haben Sie es gelernt, sich durchzubeißen?

Andrea Riedel: Das kann man schon sagen. Und als Frau muss man ohnehin noch etwas mehr Biss haben. Man wird sonst nicht wahrgenommen. Ich bin gewohnt, mit Widerständen umzugehen. Mein Credo lautet: Widerstand erzeugt Reibung. Und Reibung erzeugt Energie.

Sie gelten als Museumschefin, die schon in vielen Regionen, beispielsweise in Thüringen und Niedersachsen, für frischen Wind gesorgt hat. Wird es auch diesmal so sein?

Andrea Riedel: Die Frage ist: Was ist frischer Wind? Auf jeden Fall ist die Basis im Freiberger Museum sehr gut. Die Bestände sind umfangreich und sehr gepflegt. Ansetzen werde ich bei der zukunftsorientierten Präsentation der neuen Dauerausstellung.

Mit 17 zu 14 Stimmen hat sich der Stadtrat für das Konzept des Planungsbüros "Helmstedt Schnirch Rom" ausgesprochen. Die Museumsplaner sollen nun damit beginnen, dem städtischen Museum ein neues, zeitgemäßes Antlitz zu verpassen. Frau Riedel, werden Sie jetzt das Museums-Konzept überarbeiten?

Andrea Riedel: Nein, ein Konzept liegt vor, mit dem man gut arbeiten kann. Aber das Konzept sollte nunmehr im Haus seinen Feinschliff bekommen. Und dazu sind Entscheidungen zu treffen. Welche Themenbereiche werden wie präsentiert. Und wir werden auch an der einen oder anderen Stelle einen Kompromiss machen müssen.

Und werden Sie, Herr Thiel daran mitwirken?

Ulrich Thiel: : Ich habe fast 30 Jahre lang meine Arbeit mit viel Freude gemacht und "mein" Haus geliebt. Es wird mir auch weiter am Herzen liegen. Jetzt ist es aber an der Zeit, den Staffelstab an Frau Riedel zu übergeben und ihr die Verantwortung zu überlassen. Ich verlasse das Haus am 26. Januar und werde natürlich von außen die Entwicklung im Museum beobachten.

Nochmal zur Umgestaltung: Viele Museen setzen auf interaktives Einbeziehen der Besucher. Wird jetzt viel elektronisch?

Andrea Riedel: Nein. Die Technikentwicklung ist so rasant. Was man heute eröffnet hat, ist morgen schon wieder veraltet. Es kommt also auf das richtige Maß an. Und eins ist wichtig: Im Mittelpunkt stehen weiterhin die authentischen Objekte.

Doch heutzutage soll ein Museumsbesuch doch immer ein Erlebnis sein.

Andrea Riedel: Ein Erlebnis ja, aber kein Disneyland. Ein Museum hat einen Bildungsauftrag. Und innerhalb dieses Auftrags soll es durchaus Erlebnisse geben. Doch die "Spielereien" dürfen nicht übertrieben werden. Ich lege besonderen Wert auf haptische Elemente. Ein zukunftsorientiertes Museum ist eine Bildungs- und Erlebniseinrichtung. Ulrich Thiel: Museen gehen längst schon davon ab, alles mit Elektronik vollzustopfen. Bei unserer jüngsten Sonderausstellung "Gewerbe, Schau und königlicher Glanz" zu den beiden großen Gewerbe- und Industrieschauen des Erzgebirges, die 1894 und 1912 in Freiberg stattfanden, haben wir auch ein besonderes Erlebnis geschaffen. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es sogenannte Silhouettentheater. An der Seite ist eine Lichtquelle, die den Maler und sein Modell anstrahlt. Das haben wir in klein nachempfunden. Die Besucher konnten einen Schattenriss von sich oder einer Begleitperson anfertigen. Und das kam super an. Das haptische Erlebnis ist wichtig: Die Besucher - und zwar nicht nur die kleinen - wollen etwas anfassen und mitmachen. Andrea Riedel: Es kann auch etwas Mechanisches sein. Ulrich Thiel: Genau. So haben wir drei Kinderspielbilder aus Holz. Bei einem können die Besucher ein Huthaus öffnen - und das Licht geht an. Die Entschleunigung ist doch das, was wir Museen unseren Besuchern bieten können. Sie kommen aus dem Alltag raus, holten Luft und konzentrieren sich auf etwas. Dafür müssen sie sich aber Zeit nehmen. Nur dann können sie mit den Exponaten in ein Zwiegespräch treten. Wichtig ist die Vermittlungsarbeit. Seit Museumspädagogin Antje Ahlbrecht bei uns ist, gibt es viele museumspädagogische Programme, vor allem für Kinder. Aber nicht nur.

Der Stadtrat hat Frau Riedel unter 68 Bewerbern als neue Museumsleiterin favorisiert. Wie stehen Sie dazu, Herr Thiel?

Ulrich Thiel: Ich kenne Andrea Riedel schon seit 30 Jahren, damals leitete sie das Stadtarchiv in Crimmitschau. Sie ist eine ausgezeichnete Fachfrau auf musealem Gebiet, sie kennt sich aus. Durch verschiedene Arbeitsstellen hat sie viel Wissen und viele Erfahrungen gesammelt, auch negative. Und daraus kann sie ihre Lehren ziehen. OB Krüger war dafür, sie ins Boot zu holen. Also muss er auch ihren Intentionen folgen. Ich hoffe sehr, dass Andrea Riedel nicht das gleiche wie mir passiert und sie einen Bonus hat, der es ihr ermöglicht, die Museumsarbeit zukunftsorientiert voranzutreiben.

Frau Riedel, warum haben Sie sich in Freiberg beworben?

Andrea Riedel: Ich wollte wieder nach Sachsen und zurück zum Thema Bergbau. Und ich bin auch mit meinem Lebensgefährten bewusst nach Freiberg, in die Altstadt, gezogen. Ich fühle mich hier wohl. Mir ist es wichtig, mich einzubringen und mit der Museumsarbeit auf die Menschen hier einzugehen. Und dafür muss man die Mentalität der Menschen kennen.

Und wie sind Sie im Museumsteam aufgenommen worden?

Andrea Riedel: Sehr gut. Ich habe im Dezember schon zwei Tage meine Nase reingehalten. Mein Eindruck ist, dass das Team gut harmoniert und jeder weiß, wo sein Platz ist und was seine Aufgaben sind.

Wie groß ist denn das Team?

Andrea Riedel: Das Museum hat zehn Mitarbeiter, meist auf Teilzeitbasis, und zudem Honorarkräfte.

Herr Dr. Thiel, Sie kehren dem Museum bald den Rücken...

.... und ich betone, dass ich mich in dem Museum immer sehr wohl gefühlt habe. Die Arbeit hat außerordentlichen Spaß gemacht. Das Gebäude wurde während meiner Zeit als Chef saniert und fast alle Dauerausstellungen neu gestaltet. Und durch das Ausstellen von unseren Exponaten, zum Beispiel in Berlin, Augsburg, Dresden und Kopenhagen, ist das Stadt- und Bergbaumuseum weithin bekannt geworden. Das Wichtigste aber ist das wunderbare Team - der Goldschatz des Hauses.

Und was sind Ihre Pläne?

Ulrich Thiel: Ich will wissenschaftlich arbeiten, Geschichtsforschung betreiben. Ich denke da an die Geschichte des Hüttenwesens des Erzgebirges, und ich könnte auch die Historie von Firmen aufarbeiten. Und vielleicht werde ich ein Buch schreiben.


Zur Person

Ulrich Thiel (62), geboren im vogtländischen Schöneck, studierte bis 1981 an der Berliner Humboldt-Universität Geschichte. 1987 promovierte er. Sechs Jahre lang war er Mitarbeiter an der Bergakademie Freiberg, dann folgten zwei Jahre Bezirkskunstzentrum Karl-Marx-Stadt. In jener Zeit wurde mit dem Aufbau des Chemnitzer Industriemuseums begonnen. 1988 wurde Thiel Mitarbeiter am

Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum, 1989 Leiter. In seiner Amtszeit wurde das Hauptgebäude komplett saniert. Thiel ist Vorstandsmitglied

im Freiberger Altertumsverein und im Sächsischen Museumsbund.Er war Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe Museen in der Euroregion, Leiter der Facharbeitsgruppe Museen im Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen und zugleich Mitglied des Kulturbeirates. Als Autor schrieb er beispielsweise 2002 gemeinsam mit Klaus Walther "Freiberg - Begegnung mit einer Stadt", das im Chemnitzer Verlag

erschienen ist. Ulrich Thiel ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und lebt in Bobritzsch.

Andrea Riedel (54) ist in Crimmitschau aufgewachsen und leitete nach dem Geschichtsstudium in Leipzig dort von 1986 bis 1997 das Heimatmuseum und das Stadtarchiv, danach bis 2008 das Bergbaumuseum Oelsnitz im Erzgebirge. Dann ging die gebürtige Zwickauerin für drei Jahre nach Niedersachsen: als Geschäftsführerin der Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg Goslar GmbH. 2011 wurde sie in Chemnitz Geschäftsführerin des Zweckverbandes Sächsisches Industriemuseum und Direktorin des Industriemuseums. 2015 trennte sich Chemnitz von ihr, auch, weil es politisch nicht mehr gewollt war, den Zweckverband in eine Stiftung zu überführen. Riedel rettete anschließend das Museum in der Burg Ranis in Thüringen. Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter. In ihrer Freizeit treibt sie gern Sport und macht Fahrradtouren. Zudem liebt sie das Reisen und liest gern. (hh)

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