Rotes Hemd vor rotem Hintergrund

War es nun Comedy, was Horst Evers da im Tivoli in Freiberg zelebrierte? War es Kabarett? Poetry-Slam? Oder doch eine Lesung? Egal - lustig war es auf jeden Fall.

Freiberg.

Vier Jahre hat Heike Wenige vom Taschenbuchladen gebohrt und gekämpft, bis sie Horst Evers nach Freiberg lotsen konnte. Und dann war er einfach da. Stahl sich geradezu durch den roten Vorhang. Stand plötzlich auf der Bühne des Freiberger Tivoli. Man sah zunächst nur einen Kopf, zwei Arme, zwei schwarze Hosenbeine. Der Körper im roten Hemd verschmolz mit dem gleichfarbigen Vorhang im Hintergrund, es wirkte wie ein Schwarzlicht-Theater in Rot.

Diesen Eindruck verstärkte der Künstler noch, in dem er bei seiner Show die Gliedmaßen ein Eigenleben spielen ließ. Seine Arme gestikulierten in einem fort, sie wedelten und fuchtelten, sie zappelten und winkten. Und die Beine, sie schlenkerten und traten, sie vollführten Schlängelbewegungen und Ausfallschritte und angedeutete Tritte. Das alles ist deshalb bemerkenswert, da bei Horst Evers ja eigentlich der Text im Mittelpunkt steht. Er ist ein Urgestein der Berliner Lesebühnen-Szene. Bei der es darum geht, kurze Texte unterhaltsam vorzutragen. So ist eine eigene Gattung der Literatur entstanden, die auf der Bühne viel mehr Sogkraft entwickelt als beim Selbst-Lesen. Einem hervorragenden Statement von Horst Evers für das gedruckte Buch ("die Seiten bauen sich sofort auf, der Akku muss nur sehr selten aufgeladen werden") zum Trotz.

Wie kann man das Ergebnis nennen? Lesung, Kabarett (wie Wikipedia), Comedy, Poetry-Slam? Er selbst nennt sich Geschichtenerzähler, und der Erzähler trifft es wohl am besten. Er liest seine Texte nicht vor. Obwohl er sie auf Papier dabei hat. Er erzählt mit vollem Einsatz von Körper und Stimme, und dabei mangelt es ihm lediglich an der Fähigkeit, das Lachen über den eigenen Frohsinn zu unterdrücken. (Oder aber das ist auch ein gut einstudierter Bestandteil der Show.)

In seinem Wechsel zwischen Palaver und Geschichte, bei dem nie klar wurde, wo das eine aufhört und das andere anfängt, langweilte Horst Evers keine Sekunde. Egal, ob bei Philosophie ("Das Nachdenken läuft dir nicht weg"), Kommunikationstheorie ("Wenn ich unterschiedliche Meinungen haben will, kann ich mit mir selber reden"), Selbstreflexion ("Ich möchte mir ja nicht irgendwelche Blödeleien aus den Fingern saugen - das liegt mir nicht").

Dann verließ er die private Ebene für eine aberwitzige Assoziationskette. Er begann bei der Idee, dass Donald Trump bald einen Todesstern à la "Star Wars" baut. Und über die Frage, wie man das sabotieren könne ("Wenn es irgendwie gelänge, den Auftrag nach Berlin und Brandenburg zu holen ..."), landete er beim desaströsen Großflughafen-Projekt.

Für Evers ist klar: Es handelt sich beim Langsamen Bauen ("Das kriegt man mit bloßem Auge gar nicht mit") um eine Superhelden-Kraft, über die Hamburg nicht verfüge ("Für so eine Problembaustelle brauchst du eine ganz andere nervliche Statur") , wie die dann doch zügig fertiggestellte Elbphilharmonie zeige. Allenfalls Stuttgart 21 entwickelte sich für Berlin-Brandenburg zum ernsthaften Gegner: "Drei Kostenexplosionen - und noch nicht ein Eröffnungstermin."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...