"Die Talsperre ist Teil meines Lebens"

Eberhard Jüngel über Erinnerungen an den Talsperrenbau in Eibenstock - Autor räumt in neuem Buch auch mit manchem Irrglauben auf

Eibenstock.

Auf dem Eibenstocker Weihnachtsmarkt werden am Wochenende nicht nur Leckereien präsentiert, sondern auch eine literarische Neuerscheinung. In ihrer Reihe "Am Auersberg - Schriften zur Geschichte" präsentiert die Stadt den nunmehr 11.Band. Diesmal geht es um den Bau der Talsperre Eibenstock, des größten Trinkwasserspeichers in Sachsen. Mit Bürgermeister Uwe Staab und dem Autor Eberhard Jüngel - er war vom ersten Spatenstich 1974 bis zur letzten Rechnung 1987 dabei - hat Reporterin Gabi Thieme gesprochen.

"Freie Presse": Wem kam wann die Idee zu diesem Buch?

Eberhard Jüngel: Im Sommer 2018 war ich mit einigen Freizeitradlern auf den Wegen um die Talsperre Eibenstock unterwegs. Bei mehreren Stopps habe ich zur Auflockerung einiges zur Geschichte des Baus und viele kleine Episoden erzählt, die mir als damaligem Bauleiter gut in Erinnerung sind. Wenig später hatte eine Teilnehmerin der Radtour die Idee, ob man nicht aufschreiben könnte, was ich da alles erzählt habe. Beim Bürgermeister rannten wir damit offene Türen ein.

Herr Staab, was hat es mit der Schriften-Reihe "Am Auersberg" auf sich?

Uwe Staab: Das erste Buch gab es 2007 zum 100-jährigen Bestehen des Auersberghauses, daher auch der Name. Es folgte dann eins zum 100-jährigen Bestehen unseres Rathauses. Auch eins über die "Güter von Eibenstock", also zur Besiedlungsgeschichte gibt es. Mit dem Buch über die Talsperre wollen wir aber nicht nur deren Geschichte dokumentieren, sondern ihre Rolle bis in die Gegenwart.

Herr Jüngel, Sie schreiben, das Buch soll keine wissenschaftliche Abhandlung sein, aber letztlich ist es doch ein Fachbuch oder?

Eberhard Jüngel: Nein. Ein Fachbuch schreibt ein Fachmann für Fachleute. Ich würde es Sachbuch nennen. Oder besser: eine reichlich bebilderte und illustrierte Dokumentation der technischen und zeitlichen Abläufe und Gegebenheiten bis in die Gegenwart hinein. Ich selbst habe bei hunderten Führungen und Vorträgen erlebt, dass der Eine technische Details wissen wollte, der Andere nur an den Wanderwegen interessiert war. Deshalb haben wir das Buch auch auf eine breite Leserschaft angelegt.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie auch mit manchem Irrglauben aufräumen wollen, mit welchen denn?

Eberhard Jüngel: Ein Beispiel, dass eine Talsperre immer voll sein muss. Dabei ist das die Ausnahme. Kaum sinkt der Stauspiegel zwei Meter, verbreiten einige Leute Panik. Manche glauben auch, sie bietet Hochwasserschutz bis weit hinunter ins flache Land. Dabei liegt ihr Einfluss zum Beispiel im Raum Rochlitz nur noch bei weniger als zehn Prozent. Ich erkläre auch, warum das so ist.

Wann und unter unter welchen Umständen kamen Sie als Nichterzgebirger auf die Baustelle?

Eberhard Jüngel: Ich stamme aus Merseburg, hatte an der TU Dresden Konstruktiven Wasserbau studiert, danach am Pumpspeicherwerk Markersbach mitgebaut und mich schließlich bei der Wasserwirtschaft der DDR als Bauherr für das Projekt in Eibenstock beworben. Ich bin wohl der Einzige, der vom ersten Spatenstich 1974 bis zur letzten Rechnung 1987 dabei war.

Sie schreiben, dass es schon vor 1900 Überlegungen zum Bau einer Stauanlage im Westerzgebirge gab, vor allem zum Hochwasserschutz. Warum hat es dann noch so lange gedauert?

Eberhard Jüngel: Verkürzt gesagt, gab es drei Gründe: Es fehlte das Geld, dazwischen kamen zwei Weltkriege und man war zu Beginn des 20. Jahrhundert auch nicht bereit, die Bahnstrecke Chemnitz-Adorf als südlichste Verbindung in Sachsen für den Bau zu opfern.

Gab es eigentlich alternative Standorte? Vor allem, weil Sie darauf verweisen, dass die Zwickauer Mulde biologisch tot war. Und dann sollte sie zu einem Trinkwasserspeicher angestaut werden?

Eberhard Jüngel: Talsperren kann man theoretisch überall bauen, aber unseren Vorfahren ging es zunächst um einen Speicher zum Hochwasserschutz für Aue und auch den Zwickauer Raum. Blauenthal war damals wohl mit im Gespräch. Ab Ende der 1960er-Jahre kam dann der rasant steigende Trinkwasserbedarf in Karl-Marx-Stadt und Zwickau durch große Neubaugebiete hinzu. Das zwang zum Handeln.

Sie berichten von vielen vorbereitenden Arbeiten und auch, dass 100 Familien umgesiedelt wurden, die letzte sogar mit Polizeigewalt. Warum kommt nicht wenigstens eine Familie im Buch zu Wort?

Eberhard Jüngel: Das Ganze ist über 50 Jahre her. Ich habe einfach zu niemandem Kontakt und wollte auch nicht auf Spurensuche gehen.

Es gibt ein bedeutsames Foto vom 11. September 1975: von der letzten Schicht in der Papierfabrik Neidhardtsthal, die dann abgerissen werden musste. Woher haben das und auch die vielen anderen historischen Bilder?

Eberhard Jüngel: Von einem heute hochbetagten Mann aus Hundshübel, der damals in der Betriebsleitung tätig war. Viele andere Bilder hat der Eibenstocker Lehrer Peter Müller beigesteuert, der als Hobbyfotograf fast den ganzen Bau begleitet hat. Auch die Landestalsperrenverwaltung hat uns unterstützt.

Sie schreiben, Bauprojekte von diesem Ausmaß beschloss nicht die Regierung der DDR, sondern der 9. Parteitag der SED 1973. Warum sind Ihnen solche Erklärungen wichtig?

Eberhard Jüngel: Heute wäre so ein Irrsinn undenkbar. Da kann eine Partei zwar auch viel beschließen, aber über die Umsetzung entscheiden Bundestag und Regierung. Mir war die Erklärung solcher Sachverhalte wichtig, weil nachfolgende Generationen sie nicht mehr kennen. Dazu gehören auch Begriffe wie Baubilanzierung oder Arbeiterversorgung.

Herr Staab, was haben Sie damals als Sohn der Stadt vom Talsperrenbau mitbekommen?

Uwe Staab: Ich war ab 1975 ziemlich sauer, weil da schon die Teilstrecke der Bahn von Blauenthal nach Eibenstock stillgelegt wurde. Es war übrigens die steilste Normalspurstrecke Europas. Ich besuchte damals die EOS in Aue und musste fortan den Schienenersatzverkehr nehmen, bevor wir in Blauenthal dann in den Zug umsteigen konnten. Später wurde dann ja auch noch dieser Abschnitt bis Aue stillgelegt. Während der Armeezeit und meines Lehrerstudiums in Halle bekam ich vom Bau gar nicht viel mit, und als ich dann zurückkam, war der Stausee fertig. Genau deshalb freue ich mich auch so über das Buch.

Herr Jüngel, Sie und Ihre Mitautoren haben an etlichen Stellen sehr persönliche Erinnerungen eingefügt - für ein Sachbuch eher untypisch.

Eberhard Jüngel: Die Buchreihe heißt ja "Schriften zur Geschichte". Und zur Geschichte gehören für mich auch persönliche Geschichten, Nachdenkliches, kleine Storys zum Schmunzeln. Das Buch soll ja auch unterhalten.

Herr Jüngel, ist die Talsperre Ihr Lebenswerk?

Eberhard Jüngel: Zumindest ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber auch die Sanierung der Talsperren Carlsfeld und Muldenberg gehört dazu. Davon lebe ich heute noch. Und schön ist doch auch, wenn man sagen kann, ich würde beruflich heute den selben Weg wieder gehen.

Herr Staab, gibt es in der Stadt schon Ideen für weitere Auersberg-Bücher?

Uwe Staab: Ja, parallel ist gerade ein Buch über Persönlichkeiten der Stadt erschienen, nach denen Straßen benannt sind. Nun beschäftigen uns zwei weitere Ideen: unsere historischen Wasserkraftanlagen und die städtebauliche Entwicklung von Eibenstock ab 1990 bis zur Gegenwart. Es gab nie zuvor in einem solchen Zeitraum so gravierende Veränderungen. gt

Das Buch "Die Talsperre Eibenstock - Das Wasserwerk Burkersdorf" ist am Stand der Stadt Eibenstock auf dem Weihnachtsmarkt an diesem Wochenende und danach in der Touristinfo erhältlich. Es kostet 19 Euro. Bestellungen sind auch über den Buchhandel möglich: ISBN 978-3-00-064498-6.


Zur Person

Eberhard Jüngel, Autor, wurde 1947 in Merseburg geboren. Nach dem Abitur studierte er Konstruktiven Maschinenbau in Dresden, schloss dort 1971 mit dem Diplom ab. Von 1971 bis 1974 baute er das Pumpspeicherwerk Markersbach mit auf. Ab 1974 war er Oberbauleiter in Eibenstock. Ab 1990 unterstanden ihm als Chef der Talsperrenmeisterei alle Talsperren im Westerzgebirge, ab 1997 auch die im Vogtland - bis zu seinem Renteneintritt im Jahr 2012. (gt)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...