Lobgesänge auf Rauchamod und Co.

Das Erzgebirge ist einzigartig - auch wegen seiner Sprache. Und die setzt dem regionalen Essen liebevoll noch ein Sahnehäubchen obenauf. Heute zu Gast bei: Liedpostkartensammler Lutz Walther aus Lößnitz

Lößnitz.

Das waren noch Zeiten im Erzgebirge, als Konsumenten ihre Lebensmittel in Gedichtform priesen und sogar Melodien auf die Speisen anstimmten. Daran findet Lutz Walther Geschmack. Denn der Lößnitzer zählt zu den renommierten Sammlern von Liedpostkarten im Erzgebirge und sagt: "Ob Kartoffel und Fisch oder ob Käse und Pilze: Liedpostkarten berichten lebensnah vom Essen und Trinken."

Die betagten Druckerzeugnisse geben heute eine Vorstellung, wie sich die Urgroßelterngeneration einst ernährte, welche lukullischen Freuden den eher kargen Speiseplan des kleinen Mannes aufwerteten. "Mit Grumpele, mit Worscht un Fett, nooch wärscht de sot un stark", heißt eine der von Hans Siegert geschriebenen Textzeilen seines Ardeppel-Liedes. "Die Kartoffel dürfte wohl zu den meistbesungenen Grundnahrungsmitteln der Region gehören, denn da gibt es mehrere Versionen", sagt der 57-Jährige. Der Reiz: "Da geht es um mehr als eine Begriffsbestimmung im Zungenschlag." Denn die Autoren würden ihren Alltag erzählen. Beispiel: "Zr Kirmis, im die Zeit do machen mr naus, do tu mr sich unnere Ardeppeln raus, es gibt for uns alle ka schännera Zeit, do ham mr sich schis ganze Gahr drauf gefreit", heißt es im Ardeppel-Lied von Ernst Geßner aus Aue. Und der schreibt auf, wie die Kartoffel verarbeitet wurde: als Spalten, Kließ, Rauchamod, Brei und Eigeschniedena. Reinhold Illing wiederum zeige sich in seinem Ardeppl-Lied ernährungsbewusst: "War immer Fleisch isst, dar wird kronk, su is ah mit dr Worscht, dos Harichzeig mocht viel Gestonk un ubndrauf grussn Dorscht." Daher rät dieser: "Aus Ardeppln do macht mr Brei un Knödle, och herjeh! Mocht Getzn draus un Buzala un Ardepplsalot. Doch olles schmeckt noch net su gut, ols wie da Rauchamod."

Ein Evergreen dürfte Anton Günthers "s Annl mitn Kannl" sein. Doch nicht nur diese Melodie hat der Sammler mit farbenfroher Karte eingeordnet. "Wer kennt nicht weit verbreitete Weisen zu den Schwarzbeeren oder den Pilzen?" Der Erzgebirger habe die Früchte des Waldes zu schätzen gewusst: "Wächst ah bei uns ka Ziteru, Ka Wei un annr Zeig: Uns machen unnre Schwarzbähr fruh, un viel Ardeppeln reich", heißt es auf einer Künstlerpostkarte aus dem Hause Wilhelm Vogel Schwarzenberg. "Lese ich die Texte, erinnere ich mich an die Redeweise meiner Großmutter, da kommen mir Begriffe wieder in den Sinn, die ich als Kind gehört habe." Als Beispiel nennt Lutz Walther die Liedzeile aus Anton Günthers Großhahnerlied: "Ho ich s Bulla vull Kemml, On a halbs Lawl Brot, a baar Quarkla mit Buttr, do ho ich schtammsoot."

So mancher Berufsstand findet sich auf den Druckerzeugnissen wieder. Seien es Waldarbeiter, Bergmänner oder Kaufleute. "En Sommer gieht mei Hannl ah, mit Grüzeich, Kemml on Meierah. En Wentr bräng ich Eppl on Nüß, on Pflauma, die sei zuckersüß." So Anton Günther in seinem "Dr alta Hannelsmah".

Aber auch Stärken und Schwächen der Akteure werden beschrieben. Etwa "Die Dicke von Zwicke", aus der Feder von Hilmar Mückenberger. "Un mit Käs tut sa haneln. Un mit Bittling nambei. Ka sich noch za sehr waschn Dr Geruch bläbtr treu."

Der geschichtsinteressierte Erzgebirger fragt sich: Würde die Facebook-Generation ein musikalisches Hoch auf Pommes frites, Hamburger oder Pizza als zeitgemäßen Rapsong oder Schlager anstimmen? Gibt es im Zeitalter des Internets überhaupt Gaststätten-Melodien, die dereinst als Volksliedgut eingehen werden?

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