Benjamin bringt Erzgebirgern kein Glück

Die ersten Januartage scheinen ein Garant für das erste Schneechaos der Saison zu sein. Nachdem in den vergangenen Jahren die Sturmtiefs Axel und Egon über das Erzgebirge fegten, legte gestern Tief Benjamin das Leben nicht nur auf den Straßen weitgehend lahm.

Marienberg.

Hatte im vergangenen Jahr am Freitag, dem 13. Januar, noch Sturmtief Egon mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 135 Kilometern pro Stunde Autofahrer im Erzgebirge vor Herausforderungen gestellt, bereitet seit gestern Tief Benjamin den Verkehrsteilnehmern alles andere als Freude. Obwohl der aus dem Hebräischen stammende Name "der Glückliche" bedeutet. Stattdessen meldete die Polizeidirektion Chemnitz, zu deren Bereich das Erzgebirge gehört, am Abend 200 Verkehrsunfälle. Freuen dürften sich hingegen zumindest die Kinder.

Wetter: 32 Zentimeter Schnee sind in Olbernhau zwischen Dienstag, 23 Uhr, und gestern, 17 Uhr, gefallen. Das hat Dirk Christoph gemessen. "Für einen einzigen Tag ist das eine ungewöhnlich große Menge", wertete der Hobbymeteorologe. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gab schon am Dienstag eine Unwetterwarnung heraus. Diese gilt noch bis heute Abend. Laut DWD sind im Landkreis Schneehöhen zwischen 30 und 50 Zentimeter möglich.

Verkehr: Entlang der B 174 hatten sich gestern schon am frühen Morgen zahlreiche Lkw aneinandergereiht, die auf rutschigem Untergrund nicht mehr vorankamen. Allein rund um Zschopau waren es weit über 100. Der zweispurige Abschnitt nach Hohndorf hinauf war gegen Mittag blockiert, sodass es für Autofahrer kein Vorbeikommen gab. Mitarbeiter der Straßenmeistereien des Kreises sind laut Landratsamtssprecher André Beuthner seit Dienstag rund um die Uhr im Einsatz. "Dienstpläne wurden erweitert, der Schichtdienst ausgeweitet. Die Mitarbeiter sind für das Räumen von 1254 Kilometern Straße verantwortlich. Dafür stehen 58 Räum- und Streufahrzeuge sowie elf Fräsen bereit", so Beuthner. Aktuell würden täglich rund 400 Tonnen Salz gestreut. Bei der Erzgebirgsbahn kam es gestern zu erheblichen Einschränkungen. Zahlreiche, aufgrund der Schneelast umgestürzte Bäume verursachten Probleme, teilte Sprecher Lutz Mehlhorn mit. Auf der Linie zwischen Chemnitz und Pockau waren Mitarbeiter stundenlang im Einsatz. Seit Mittag fuhr dort kein Zug mehr. Der weitere Verkehr zwischen Pockau und Olbernhau wurde 16 Uhr aus Sicherheitsgründen eingestellt. Beim Busverkehr war die Lage sehr angespannt, sagte Roland Richter, Geschäftsführer der Regionalverkehr Erzgebirge GmbH (RVE). Wegen Glätte und Straßensperrungen kam es zu Verspätungen und Fahrtausfällen im Kreis. Unfälle habe es aber nicht gegeben, ergänzte Richter. Ob und wo es heute zu Verzögerungen kommt, konnte er noch nicht sagen.

Einsatzkräfte: Bei den Feuerwehren war die Lage verhältnismäßig entspannt, sagte Paul Schaarschmidt vom Kreisfeuerwehrverband. Die Kameraden rückten zu Unfällen mit Blechschäden aus. Sie halfen bei festgefahrenen Fahrzeugen, beseitigten umsturzgefährdete Bäume. Auf vielen Straßen mussten sie wegen Schneebruchs eingreifen. Einen größeren Einsatz gab es zwischen Mildenau und Streckewalde. Ein tonnenschweres Winterdienstfahrzeug war seitlich in den Graben gerutscht und drohte umzukippen, berichtete Schaarschmidt. Die Feuerwehren Rübenau und Reitzenhain mussten schon in der Nacht zu Mittwoch umgestürzte Bäume wegräumen.

In den Krankenhäusern Zschopau und Olbernhau war es ruhig, sagte Verwaltungsleiterin Anna-Maria Hausotte: "Es gab keinen besonders hohen Patientenzulauf in den Notaufnahmen." Wahrscheinlich habe das daran gelegen, dass viele Menschen zuhause geblieben waren. Gleichwohl hatten sich die Häuser nach Angaben der Leiterin gut vorbereitet. Einzig: Die Zufahrt in Zschopau sei teilweise beeinträchtigt gewesen, da Lkw die Straßen als Ausweichstrecke genutzt hätten.

Schulen: Schulfrei heißt es heute für viele Kinder im Erzgebirge. "Es findet kein Unterricht statt, nur die Betreuung wird gewährleistet", sagte Marienbergs Oberbürgermeister André Heinrich über die Einrichtungen im Stadtgebiet. Enrico Huth, amtierender Schulleiter am Gymnasium: "Wir können nicht gewährleisten, dass Kinder und Lehrer sicher zur Schule und wieder nach Hause kommen." An seiner Einrichtung und an der Trebra-Oberschule wurde - wie andernorts auch - schon gestern der Unterricht verkürzt. "Busse von Katzenstein-Reisen und RVE hatten die Kinder vorzeitig direkt vor der Schule abgeholt", lobte Olaf Schaarschmidt, geschäftsführender stellvertretender Leiter an der Trebra-Oberschule.

Auch in Großrückerswalde haben die Schüler sowohl der Grundschule als auch der Evangelischen Oberschule heute unterrichtsfrei; in Seiffen ebenso. Für Verwirrung sorgte gestern das Landesamt für Schule und Bildung. Am Mittag teilte Sprecher Ralf Berger mit, jede Schule könne selbst entscheiden, ob Unterricht stattfinde. Am Nach- mittag folgte jedoch eine Empfehlung, die Schulen heute nicht zu öffnen.

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Kurz vor dem Ziel ist erst einmal Schluss

Zu den zahlreichen Lkw-Fahrern, die gestern auf der B 174 kurz nach der Abfahrt Amtsberg notgedrungen eine Pause einlegten, gehörte Volker Wölfel. Die Sperrung der B 174 zwischen Zschopau und Hohndorf ließ ihn gegen 9 Uhr am Straßenrand halten. Während einige andere die Gelegenheit nutzten, um Schneeketten zu montieren, beschränkte sich der 44-jährige Kronacher aufs Warten.

Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm. War er doch fast schon am Ende seiner rund 600 Kilometer langen Reise. "Dienstagmittag habe ich in Düsseldorf geladen", berichtet Wölfel, der schon mehrfach Schulmöbel ins Erzgebirge transportiert hat. Auch diesmal lautete sein Ziel Marienberg. Doch kurz davor war erst einmal Schluss. "So schlimm war das Wetter hier noch nie. Hätte ich das gewusst, wäre ich heute Nacht durchgefahren", meinte der Fernfahrer nachdenklich. Stattdessen legte er eine Pause bei Weimar ein.

Im Radio sei bei der Wetterprognose nur von mäßigem Schneefall die Rede gewesen, auch ein Blick ins Internet kurz vor der Abfahrt brachte keine anderen Erkenntnisse. Nun wurde Wölfel vom heftigen Wintereinbruch überrascht.

Auf Wartezeiten ist er vorbereitet. "Den Kaffeekocher und eine Notration habe ich immer dabei", sagt der Bayer, der ab und zu mit finsterer Miene aus dem Fenster blickte: "Es reicht nicht, wenn der Schneepflug nur einmal pro Stunde kommt." Auch die Laster, die noch weiter Richtung Zschopau fuhren, ärgerten ihn: "Das bringt doch nix." Wölfels nächste Ladung, Matratzen, die von Burkhardtsdorf nach Köln gebracht werden sollten, mussten vorerst warten. (anr)

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