Corona: Die Hürden bis zur Impfung

Berlin.

Vielversprechende Studienergebnisse für einen Covid-19-Impfstoff und Empfehlungen für einen gerechten Zugang: Die Vorbereitungen für Impfungen gegen das Coronavirus in Deutschland werden konkret. Fachleute empfehlen, angesichts anfangs wohl knapper Dosen bevorzugt Menschen mit besonders erhöhtem Risiko für schwere und tödliche Covid-19-Verläufe zu impfen. Die "Freie Presse" beantwortet die drängendsten Fragen.

Welche Schritte folgen in Deutschland und Europa bis zur Zulassung?

In der Pandemie gibt es in Europa ein beschleunigtes Zulassungsverfahren bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA. Dauern Impfstoffzulassungen sonst mitunter Jahre, können Pharmafirmen ihre Impfstoff-Kandidaten nun in einer Art Vorverfahren zur Zulassung noch während der Phase der klinischen Studien bei der EMA melden. Dazu werden Daten fortlaufend eingereicht und von der EMA bewertet. Im Moment setzt neben Biontech zum Beispiel auch das britisch-schwedische Unternehmen Astrazeneca auf diesen Weg. Dieses Verfahren bedeute aber nicht, dass weniger Daten eingereicht werden müssen, betonte die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx am Montag. In Europa erfolgen keine vorläufige Zulassung. Haben die EMA-Experten Ergebnisse aus allen klinischen Phasen gelesen und bewertet, geben sie ihre Empfehlung an die Europäische Kommission. Sie entscheidet, ob eine Zulassung erfolgt. Im positiven Fall erteilt sie die Zulassung für alle EU-Mitgliedstaaten. Mit ersten Zulassungen wird von Experten noch für dieses Jahr oder Anfang 2021 gerechnet. Schnelligkeit dürfe nicht auf Kosten der Gründlichkeit gehen, heißt es auch beim deutschen Paul-Ehrlich-Institut, das Arzneimittel national zulässt. Denn Impfungen können Nebenwirkungen haben oder Schäden verursachen, wenn sie nicht getestet und bewertet sind.

Wie lange dauert es, bis ein Impfstoff nach einer Zulassung wirklich verfügbar ist?

Um früh mit dem begehrten Mittel versorgt zu sein, schließen die EU und auch andere Länder schon jetzt Lieferverträge mit Pharmakonzernen. Von der EU-Kommission unterzeichnet sind bisher Rahmenverträge mit den Pharmafirmen Johnson&Johnson, Astrazeneca und Sanofi-GSK. Mit Biontech/Pfizer werde über einen solchen Vertrag derzeit noch verhandelt, sagte ein Kommissionssprecher am Montag. Einige Firmen, darunter auch Biontech, gehen bereits vor der Zulassung in die Produktion. Dennoch können diese Mengen den Bedarf am Anfang bei weitem nicht abdecken. In einem Thesenpapier geht Matthias Schrappe, Internist an der Uni Köln, davon aus, dass es vier Jahre dauern würde, 60 Millionen Menschen in Deutschland zu impfen. Und das auch nur, wenn pro Tag 60.000 Impfungen verabreicht werden können. Anfang November haben sich Bund und Länder darauf geeinigt, dass der Bund die Impfstoffe beschafft und finanziert. Die Länder richten eigenverantwortlich Impfzentren ein.

Ist eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) Voraussetzung dafür, dass mit dem Impfen begonnen werden kann?

Nein. Sobald ein Impfstoff in der EU zugelassen ist, kann er in Deutschland verwendet werden, heißt es beim Robert-Koch-Institut (RKI).

Wird es eine generelle Impfempfehlung geben oder eher eine pro zugelassenem Impfstoff?

Wahrscheinlich werden im Laufe des Jahres 2021 mehrere Corona-Impfstoffe zugelassen. Falls es sie mit unterschiedlichem Profil geben sollte, sind spezifische Empfehlungen denkbar. Das lässt sich laut RKI aber noch nicht sagen. Es könnte sein, dass Impfstoffe bei Älteren unterschiedlich gut wirken. Das hätte Konsequenzen für die Impfempfehlung.

Wie kalkulieren Forscher die Wirksamkeit eines Impfstoffs?

Die Wirksamkeit eines Impfstoffs errechnen Experten unter anderem mit zwei Test-Gruppen. Die Wirkstoffgruppe bekommt den Impfstoff, die Kontrollgruppen ein Placebo. "Hat man zum Beispiel nach drei Monaten 100 Covid-19-Fälle in der Kontrollgruppe und 50 Fälle in der Wirkstoffgruppe hat dieser Impfstoff eine Wirksamkeit von 50 Prozent", erläutert Peter Kremsner vom Universitätsklinikum Tübingen. Daneben können die Forscher in den klinischen Studien zahlreiche weitere Parameter erfassen, die eine Beurteilung der Impfstoff-Wirksamkeit ermöglichen. Zum Beispiel, wie schwer eine Erkrankung verläuft, wie viele Todesfälle bei Geimpften und bei Nicht-Geimpften auftreten oder wie lange es in beiden Gruppen bis zur Genesung dauert.

Ist ungewöhnlich, dass vom Biontech-Impfstoff zwei Dosen im Abstand von drei Wochen verabreicht werden?

Viele Experten erwarten, dass für eine wirksame Immunisierung gegen das neue Coronavirus eine Impfdosis nicht ausreicht. Wahrscheinlich werde ein mehrfaches Impfen nötig sein, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing. Wahrscheinlich bräuchten Senioren wegen ihres schwächeren Immunsystems größere Mengen an Impfstoff, ergänzt Sebastian Ulbert, Abteilungsleiter Immunologie am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig. Zudem würden Medikamente erforscht, die das Immunsystem von Senioren stärken, so dass sie auf eine Impfung besser reagieren. Eine unbeantwortete Frage ist, ob Menschen nach einer Impfung das Virus weitertragen können. Dass eine Impf-Immunisierung gegen Corona ein ganzes Leben lang halten wird, scheint unwahrscheinlich. Es könnte sein, das man sie wie bei der Grippe-Schutzimpfung wiederholen muss. Auch eine überstandene Erkrankung schützt womöglich nicht auf Dauer vor einer neuen Infektion.

Gibt es noch weitere vielversprechende Impfstoff-Projekte?

Weltweit gibt es inzwischen 200 Impfstoff-Projekte, zumindest ein Teil davon gilt als vielversprechend und wird bereits in der wichtigen dritten Studienphase an Tausenden Freiwilligen getestet. Alle Impfstoff-Kandidaten basieren laut Robert Koch-Institut auf dem Grundprinzip, dem Immunsystem Teile des Virus zu präsentieren. Der Körper soll so eine Immunität gegenüber dem Erreger aufbauen können.

Ist mit einem Impfstoff die Pandemie bewältigt?

Mit einer ganz schnellen Rückkehr zum Leben wie vor Corona ist nicht zu rechnen: Vor allem in der Anfangszeit nach der Zulassung werden die Impfquoten eher niedrig sein, so dass Maßnahmen wie Hygiene und Kontaktbeschränkungen noch eine Weile an der Tagesordnung sein dürften. (dpa)

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    SzB85
    09.11.2020

    Ich bin nicht neidisch auf die IT-Kollegen der FP.
    Erstens lange Ladezeiten, vor allem am Samstag.
    Zweitens, es ist eine coole Idee mit rot an der Inzidenz-Karte, aber die Farbtöne werden leider bald alle. :(