Der bescheidene Pionier - Porträt zum Tod von Sigmund Jähn

1978 flog Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All. Er war ein Held und für viele ein Freund. Am Samstag ist er gestorben.

Strausberg/chemnitz.

Es sind knapp acht Tage im Sommer 1978, die das spätere Leben von Sigmund Jähn prägen sollen: Am 26. August startet der DDR-Kosmonaut vom Weltraumbahnhof Baikonur mit der Raumkapsel "Sojus 31" zur Orbitalstation Saljut 6. Gemeinsam mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski, der im März dieses Jahres verstorben ist, verbringt er 7Tage, 20 Stunden und 49 Minuten im All und umkreist die Erde dabei 124 Mal. Nach seiner Rückkehr am 3. September ist der Raumfahrer in der DDR ein gefeierter Held - und der erste Deutsche im All.

Dabei war nicht alles eitel Sonnenschein auf diesem Flug. Weder beim Andockmanöver im Weltall noch bei der Landung auf der Erde. Auch wenn die "Freie Presse", damals noch das Karl-Marx-Städter SED-Bezirksorgan, am 4. September 1978 das Aufsetzen der Raumkapsel am Vortag als "weiche Landung" beschrieb und überschwänglich lobte, Sojus 29 sei "exakt im vorausberechneten Zielgebiet" heruntergekommen - zwei Männer wussten es besser: die beiden Kosmonauten an Bord der Kapsel. Dass sich Sojus 29 beim Landemanöver mehrfach überschlagen hatte und der russische Kommandant und sein deutscher Forschungskosmonaut arg durchgerüttelt worden waren, passte nicht in das Bild, das die DDR vom erfolgreichen deutsch-sowjetischen Heldenmythos zeichnen wollte. Sigmund Jähn selbst schwieg lange über das Rückenleiden, das ihn seit dieser Landung plagte - bis ins hohe Alter.

Auch Tage vor der Landung in Kasachstan, beim Andock-Manöver hoch oben über dem Baikalsee, war alles "pünktlich und präzise" gelaufen - zumindest nach den Korrespondentenberichten, die die DDR-Nachrichtenagentur ADN über die beobachtenden Bodenstationen geliefert hatte. Als die "Freie Presse" 2017 mit Sigmund Jähn in Strausberg bei Berlin, wo er wohnte, spricht, schmunzelt Jähn über die propagandistischen Ungenauigkeiten. Er hat aber "das kleine Problem" keineswegs vergessen, mit dem sie sich nach dem Andocken an der Orbitalstation Saljut 6 konfrontiert sahen. Mit Präzision hatte das weniger zu tun.

"Zuerst ging die Luke nicht auf", verriet Jähn. Sich der von ihm erwarteten Paraderolle bewusst, habe ihn damals kurz ein mulmiges Gefühl beschlichen. "Ich habe gedacht, es wäre eine Schande, wenn wir jetzt unverrichteter Dinge wieder umkehren müssten, nur weil die Tür nicht aufgeht."

Irgendwie haben sie es schließlich doch geschafft, die Luke ließ sich von ihnen öffnen. Der Rest ist Raumfahrtgeschichte. Die Kosmonauten konnten in die Orbitalstation Saljut 6 umsteigen, um mit dem restlichen Team ihr siebentägiges Forschungsprogramm zu absolvieren.

Der am 13. Februar 1937 im vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz geborene Sigmund Werner Paul Jähn hatte ursprünglich Buchdrucker gelernt, ging dann zur Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) und wurde Jagdflieger. Fliegen war seine Leidenschaft. 1976 war er dann von der DDR als einer von anfangs vier Kandidaten für einen sowjetischen Weltraumflug ausgewählt worden.

Nach seiner Rückkehr auf die Erde war für ihn nichts mehr wie zuvor. Der Vogtländer wurde herumgereicht und als Held gefeiert. Sein Konterfei zierte bald eine Briefmarke, kam auf eine Gedenkmünze, Schulen und Kindergärten wurden nach ihm benannt. Immerhin hatte er dem anderen Deutschland jenseits der Mauer den Rang abgelaufen. Mit Ulf Merbold flog der erste westdeutsche, wenngleich gebürtig ebenfalls aus dem Vogtland stammende Astronaut erst 1983, also fünf Jahre später ins All. Jähn selbst blieb bescheiden und sagte dazu: "Ich hatte einfach Glück."

Mochten die Systeme auch konkurrieren, bei den beiden Raumfahrern überwogen später die Gemeinsamkeiten. Die Wende 1989 erlebten Sigmund Jähn und Ulf Merbold gemeinsam bei einer Astronauten-Konferenz in Saudi-Arabien. Und als sich die Bundeswehr nach der Wende zunächst weigerte, NVA-Offiziere zu übernehmen, war es Merbold, der Jähn half, beruflich wieder in Tritt zu kommen. Er führte Jähn beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ein und bei der europäischen Raumfahrtbehörde ESA, die Jähn später bei der Ausbildung beriet.

Auch mit Alexander Gerst, dem jüngsten deutschen Raumfahrer, verband Jähn eine Freundschaft. Als vor einem reichlichen Jahr in Morgenröthe-Rautenkranz der 40. Jahrestag von Jähns Flug gefeiert wurde, war Gerst von der Internationalen Raumstation ISS live zugeschaltet. Sie flog gerade über den Atlantik in Richtung Europa. Zu Gersts Start war Jähn extra noch einmal nach Baikonur gereist. Auf der ISS hat Gerst nun ein Modell von Jähns Raumkapsel dabei, mit dessen Unterschrift und Flugdaten. Gerst sagt, Verwandte aus dem Osten hätten ihm kurz nach dem Flug ein Buch darüber geschickt. "Er war der Held meiner Kindheit - und er ist es immer noch, wenn auch jetzt auf andere Art ... als Freund ... so bescheiden, verschmitzt, liebenswert, wie wir ihn alle kennen."

Nicht nur der spätere ISS-Kommandant Gerst erweist an diesem Tag dem ersten Deutschen im All seine Reverenz. Die Veranstaltung im Vogtland mit dem Titel "Deutsche im All - es begann 1978" hat neben Gersts Live-Zuschaltung aus 400Kilometern Höhe und dem Jubilar selbst weitere neun Raumfahrer versammelt, darunter mit Thomas Reiter, Gerhard Thiele, Klaus-Dietrich Flade, Reinhold Ewald und Hans Schlegel fünf der bisher elf deutschen Astronauten. "Wir alle sind auf seinen Schultern in den Weltraum geflogen", formuliert es Alexander Gerst.

Natürlich gehe ihm "das ganze Abenteuer bis heute im Kopf herum", sagte Jähn 2017 der "Freien Presse". Neben den Repräsentationspflichten nach seiner Rückkehr war es besonders ein Bild, das blieb und ihn zu seinem wohl prophetischsten Satz brachte: Jenes Bild des kleinen, blauen Planeten, den er binnen seiner fast acht Tage im Orbit 124-mal umkreist hatte. "Die dringendste Aufgabe der Menschheit" sei, "für die Erde liebevoll zu sorgen und sie künftigen Generationen zu bewahren", beschwor Jähn einst. Ein Satz, der 2019 nichts von seiner Aktualität verloren hat. Jähn selbst hatte 2017 kurz vor seinem 80. Geburtstag allerdings eingeräumt, er sei mittlerweile etwas pessimistischer geworden. "Leider" sei es "nicht jedem vergönnt", die Erde so zart und verletzlich zu sehen. "Immer wieder treten wir als Räuber und als Eroberer auf. Technisch sind wir zwar fortgeschritten, aber moralisch sind wir noch in der Steinzeit", urteilte er. Als Beispiel nannte er die Atombombe. Während keiner wirklich in der Lage sei, deren zerstörerische Kraft zu kontrollieren, versuche man die Zielgenauigkeit solcher Waffensysteme trotzdem zu verbessern. "Die Menschen sind verrückt."

Angesichts der Weltlage habe er das Gefühl, "dass vielen Leuten die Wertschätzung dafür abhandengekommen ist, was es bedeutet, in Frieden zu leben." Das möge daran liegen, dass nach 70 Jahren Frieden viele den Krieg nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen. "Ich habe als Kind im Vogtland noch Angriffe von Tieffliegern erlebt und die Deutschen davor fliehen sehen. Die ganzen Flüchtlinge, dieses Leid." Den Frieden auf der Erde wertete Sigmund Jähn deshalb als höchstes Gut. Nur im friedlichen Einklang miteinander und mit dem Planeten könne es dem Menschen gelingen, auf Dauer weiter in den Weltraum vorzudringen: "Sonst wäre der Mensch es einfach noch nicht wert, das zu schaffen", mahnte der Pionier der deutschen Raumfahrt.

Noch vor etwas mehr als zehn Jahren hatte Jähn in einem Interview von bevorstehenden weiteren Schritten der Menschen in den Weltraum geschwärmt. Dabei hob er später einmal bemannte Missionen zum Nachbarplaneten Mars hervor. Seine Begeisterung war in den letzten Jahren ein wenig der Ernüchterung gewichen. Natürlich würden die Menschen irgendwann den Mars erreichen. "Aber wichtiger als das Wann wird sein, wie das passiert", betonte Jähn. "Wenn Menschen ohne jede Besitzansprüche da landen, dann ist es gut", sagte der Raumfahrt-Pensionär. Er hatte aber die Befürchtung, dass sie den roten Planeten nur als Ausweichkolonie für eine sterbende Erde sehen könnten. "Wir roden hier unsere Wälder weg. Und wenn wir alles kaputtgemacht haben, gehen wir auf den Mars." Damit werde man nicht weit kommen. Er selbst, sagte Jähn, werden Flug zum Mars aber nicht mehr erleben. Am Samstag ist er in Strausberg im Alter von 82 Jahren gestorben.mit dpa

Sigmund Jähns Sajut-6-Mission

Kristallzucht in der Schwerelosigkeit und Fernfotos vom Blauen Planeten - die Experimente des Forschungsteams der Sajut 6

An mehr als 20 Experimenten war Sigmund Jähn während seines Aufenthalts auf der Salut-6-Orbitalstation beteiligt. Darunter befanden sich Versuchsreihen des sogenannten Berolina-Experiments.

Es umfasste Züchten von Kristallen unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit, was auf der Erde zwangsläufig während der Entstehung kristalliner Strukturen ablaufende Prozesse ausschloss (etwa Sedimentation). In speziellen Schmelzöfen züchteten die Weltraumforscher Kristalle aus Blei-Tellurid und Wismut-Antimon. Die Testreihen sollten die Halbleiterforschung der DDR voranbringen und das Herstellen optisch zu nutzender Hochleistungsgläser erproben.

Auch Versuche zum Zeitempfinden gab es, zur Hör- und Geschmacksempfindlichkeit sowie zum Sprechvermögen in der Schwerelosigkeit, außerdem zum Zellwachstum und zur Verbindung von Mikroorganismen mit anorganischen Stoffen.

Mit der Multispektralkamera MKF 6 M, die im VEB Carl Zeiss Jena hergestellt worden war, begann an Bord von Salut 6 das Zeitalter der Erdfernerkundung. Die Kamerabilder waren zur Suche nach Bodenschätzen, zur Beurteilung land- und forstwirtschaftlicher Kulturen, zur Umweltforschung, Kartografierung, fürs Beurteilen von Wasser- und Bodenqualität sowie für militärische Aufklärung zu nutzen. (eu)

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 26
    1
    2PLUTO6
    23.09.2019

    Guten Morgen ihr Ossis!
    Die DDR hatte weiß Gott, nun wirklich nicht viele Helden, aber Sigmund Jähn, war einer von ihnen. Ich war damals gerade 14 als er ins All flog, und schon ein wenig stolz daß der Erste Deutsche aus der DDR kam.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...