"Es ist ein sehr lebendiges Feld"

Eine Palliativmedizinerin und ein Hospiz-Experte haben das Sachbuch "99 Fragen an den Tod" geschrieben - Ein Gespräch über Kommunikation, Stille und Lebensfragen

Der eigene Tod ist ein Thema, das ausnahmslos jeden Menschen betrifft. Claudia Bausewein, eine der führenden Palliativmedizinerinnen im deutschsprachigen Raum, und Hospiz-Experte Rainer Simader geben dem Leser mit ihrem Sachbuch "99 Fragen an den Tod" einen fachlich fundierten und menschlich geprägten Ratgeber für den Umgang mit dem Tod in die Hand. Das Buch nimmt die Blickwinkel der Sterbenden und Angehörigen ein, setzt sich mit Hoffnungen und Ängsten auseinander, erklärt medizinische Vorgänge und begleitet bei Abschied und Trauer. André Wesche hat mit den Autoren gesprochen.

Freie Presse: Frau Prof. Bausewein, Herr Simader, rennt man mit einem Buchprojekt wie diesem bei Verlagen offene Türen ein?

Rainer Simader: In der Tat gibt es viele Bücher, die über den Tod schreiben und sich aus unterschiedlicher Richtung dem Thema annähern. Was unseren Verlag am Konzept der 99 Fragen letztlich überzeugt hat, war die Unmittelbarkeit und die sehr konkrete und direkte Ansprache der Leser und Leserinnen und die Lösungen, die wir für reale Probleme anbieten.

Claudia Bausewein: Diese Nähe zum Thema Sterben und Tod und damit auch zum Leben, die wir in diesem Buch dem Leser zutrauen, hat auch von den Verlagen Mut erfordert. Wir hatten einige Verlage, die das Buch mit uns machen wollten. Den mutigsten Verlag, Droemer, haben wir schließlich gewählt.

Erinnern Sie sich an den ersten toten Menschen, den Sie gesehen haben und an Ihre Gefühle?

Claudia Bausewein: Den ersten toten Menschen habe ich während meines Sozialen Jahres auf einer internistischen Station gesehen. Es war eine Mischung aus Betroffenheit, da ich den Herrn vorher mitbetreut hatte, und Neugier, da ich noch nie vorher einen toten Menschen gesehen habe.

Rainer Simader: Bei mir war der allererste Verstorbene, den ich je gesehen habe, mein Großvater. Da war ich noch sehr klein. Woran ich mich aber mehr als an meine eigenen Gefühle erinnern kann, ist, dass mich meine Mutter getragen hat und sie mir erklärt hat, was da passiert ist und was es bedeutet, dass mein Großvater nun tot ist. Es hatte für mich - und so geht es vielen Kindern - mehr Faszination als Furcht.

Aus welchen Beweggründen entscheidet man sich für ein so forderndes Berufsfeld?

Rainer Simader: Ob es wirklich fordernd ist, liegt wohl eher an der Sicht des Betrachters. Es ist sehr abwechslungsreich. Ich und viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Hospiz- und Palliativversorgung werden mit vielen Schicksalen, Themen und einem sehr bunten Strauß an Gefühlen konfrontiert - und genau deswegen ist es auch ein sehr lebendiges Feld. Diese Lebendigkeit vor dem Tod ist vermutlich der Grund, warum ich an diesem Thema drangeblieben bin. Begonnen habe ich, weil Bedarf bestand. Bedarf, das Thema Tod und Sterben in das eigene Berufsbild, in meinem Fall die Physiotherapie, zu integrieren und gleichzeitig aufzuzeigen, welch enorme Möglichkeiten die Physiotherapie bietet, dass Menschen noch so aktiv wie möglich leben können.

Claudia Bausewein: Ich habe nicht geplant, in die Palliativversorgung zu gehen. Es ergaben sich immer die nächsten Schritte. In meinem Sozialen Jahr erlebte ich das erste Mal auf sehr unterschiedliche Art die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen. Dann lernte ich den Mitbegründer des Christophorus-Hospiz-Vereins in München, Reinhold Iblacker, kennen und nahm 1987 an der ersten Hospizbegleiter-Ausbildung teil. Es folgten Famulaturen, Doktorarbeit, die erste Tätigkeit in einem englischen Hospiz. Das Thema ließ mich nicht mehr los und faszinierte mich. Auf die vielen Defizite in der Sterbebegleitung, die ich schon in den ersten Berufsjahren erlebte, hatte die Hospiz- und Palliativversorgung eine Antwort. Hier fand ich mich wieder.

Warum raten Sie davon ab, sich im Internet über Sterben und Tod zu informieren?

Claudia Bausewein: Wir raten nicht ab, das Internet gänzlich zu meiden. Wir haben in unserem Buch sogar bewusst diverse, aber in diesem Falle verlässliche Quellen aufgezeigt. Die Gefahr bei weniger zuverlässigen Quellen ist die oft starke Problem- statt Lösungsorientierung und die Meinung, dass individuelle Erfahrungen allgemeingültige Schlüsse zulassen. Der Sterbeprozess ist für alle Beteiligten ein sehr individuelles Erleben und es ist wichtig, gemeinsam mit gut ausgebildeten Menschen individuelle Lösungen zu suchen. Am Lebensende und bei schweren Krankheiten ist das gefühlte Leid oft sehr groß und so neigen Menschen in diesem Falle häufig dazu, auch zu Recht, jeden Strohhalm zu ergreifen. Die Qualität der Informationen ist für den Laien aber oft nicht beurteilbar.

Bleibt Ärzten in unserem System genug Zeit, um ihrer Pflicht nach guter Beratung nachzukommen?

Claudia Bausewein: Im Palliativ- und Hospizbereich meist ja. Eine, und zwar eine sehr zentrale Aufgabe der Ärzte und Ärztinnen ist, wie Sie sagen, die Beratung sowie der Versuch, wirklich zu verstehen, was Patienten brauchen, welche Wünsche und Ziele und Hoffnungen sie haben. Aber Sie haben recht: Hier ist die Palliativmedizin oft eine Insel der Seligen und die Realität in der Akutmedizin lässt Luft nach oben.

Rainer Simader: Das Problem der Zeit ist übrigens keines, das nur die Berufsgruppe der Ärzte betrifft. Pflegende sprinten von einem Patienten zum nächsten. In der Physiotherapie sind mancherorts 20-Minuten-Takte üblich - da muss aber auch noch dokumentiert werden und der eine oder andere Patient braucht Hilfe beim An- und Auskleiden. Die Palliative Care (alle Maßnahmen zur Linderung des Leidens unheilbar Kranker, Anm. d. Red.) folgt hier dem Credo "low tech, high person", also im Vordergrund stehen der Kontakt und das Gespräch - und aus diesem ergeben sich effektive und auch in existenziellen Situationen hilfreiche Therapieangebote. Und viele dieser hilfreichen Möglichkeiten zeigen wir in unserem Buch "99 Fragen an den Tod" auf.

Kann man zusammenfassen, dass der richtigen Kommunikation wie in den meisten Bereichen des Lebens auch beim Sterben eine zentrale Rolle zukommt?

Rainer Simader: Wenn wir uns nicht die Zeit nehmen zu versuchen, unser Gegenüber wirklich zu verstehen, so können wir nicht hilfreich sein. Die Kommunikation ist hierbei wirklich ein zentrales Element. Wobei Kommunikation nicht immer nur das Reden meint.

Claudia Bausewein: Zur Kommunikation gehört auch, und manchmal vor allem, die richtigen Fragen zu stellen und zuzuhören. Und nicht zuletzt das gemeinsame Schweigen und das, was in diesem "Kommunikationsraum" entsteht, auszuhalten. Ich bin mir nicht sicher, ob es die "richtige" Kommunikation an sich gibt. Letztlich zählt nur, ob wir Sterbende sowie An- und Zugehörige so unterstützen können, wie sie es sich wünschen, sei es durch Schmerztherapie oder Gespräche. Dazu gehört es auch, mutig und ehrlich zu sein, dem anderen viel Raum zu geben und ihm viel zuzutrauen und auch anzuerkennen, dass man nicht alles wissen kann.

Rainer Simader: Und dennoch ist es wichtig zu betonen, dass nicht alles Leid und alle Probleme am Lebensende ausschließlich mit guter Kommunikation behoben werden können. Alle Berufsgruppen in der Palliative Care und im Hospizwesen sind echte Spezialisten und verfügen über sehr wirksame, zielgerichtete medikamentöse und auch nicht-medikamentöse Therapieformen. Auch die sehr wichtigen ehrenamtlichen Hospizbegleiter und -begleiterinnen verfügen über viel Wissen und Fertigkeiten, was in spezifischen Situationen am besten zu tun oder auch zu lassen ist.

Gehen Kinder und Jugendliche anders mit der Aussicht auf einen nahen, eigenen Tod um?

Claudia Bausewein: Das hängt vor allem vom Alter des Kindes, aber natürlich von weiteren Umständen wie der Erkrankung ab. Kleine Kinder haben noch nicht das Bewusstsein von Endlichkeit und können demnach auch nicht zur Gänze verstehen, was es bedeutet, dass etwas "für immer zu Ende sein wird", während dies Erwachsene oft sehr ängstigt und die Angst deren Denken und den Umgang mit dem Thema steuert. Diese Angst der Erwachsenen bemerken auch sterbende Kinder. Jugendliche und junge Erwachsene, die sterben werden, blicken im Vergleich zu Erwachsenen auf weniger Lebenszeit zurück, die betrauert werden muss. Anderseits verlieren und betrauern sie oft die Zukunft, die sie nicht mehr erleben werden. Letztlich ist sowohl der Sterbeprozess bei Kindern wie auch bei Erwachsenen immer ein individueller, einzigartiger Verlauf, der durch gute und vor allem früh einsetzende palliative Begleitung zwar nicht verhindert, aber so erträglich wie möglich gestaltet werden kann.

Ist die Politik beim Thema Sterbehilfe auf dem richtigen Weg?

Claudia Bausewein: Das ist eine herausfordernde Frage. Beim Thema Sterbehilfe geht es nicht nur darum, was die Politik und die Verfassungsgerichte entscheiden. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion, wie das Lebensende gestaltet werden soll, aber auch, wie wir mit Krankheit, Gebrechlichkeit und Alter umgehen wollen. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht die Autonomie der Betroffenen durch die Möglichkeit des Suizids mit der Unterstützung durch Dritte gestärkt. Wie dies konkret umgesetzt werden und wer diese Unterstützung anbieten soll, muss durch das Bundesgesundheitsministerium geklärt werden.

Hatten Sie schon einmal ein Erlebnis, das darauf hindeuten könnte, dass der Tod nicht das Ende von allem ist?

Rainer Simader: Ja, fast täglich. Denn üblicherweise ist der Tod, zumindest für die Angehörigen und Freunde, nicht das Ende. Und in der Arbeit in Hospizen und der Palliative Care ist die Begleitung der Trauernden über den Tod des Patienten hinaus eine zentrale Aufgabe. Über die Trauer, darüber, wie es Angehörigen gehen kann und was für sie hilfreich sein mag, haben wir viel geschrieben. Was aber nach dem Sterben selbst sein wird, was tot sein bedeutet, können wir aufgrund unserer eigenen Lebendigkeit nicht sagen. In Gesprächen mit Sterbenden ist dies oft ein Thema. Hier kann sehr hilfreich sein, genau nachzufragen, was der oder die Sterbende selbst glaubt, oder was er oder sie sich wünscht. Letztlich sind dies durchaus interessante Gespräche - und regen auch selbst zum Nachdenken über eigene Vorstellungen, Hoffnungen, Wünsche oder auch Befürchtungen an.

Was halten Sie von Forschungen, die den Alterungsprozess stoppen und den Menschen auf lange Sicht unsterblich machen sollen?

Rainer Simader: Ob dies je gelingen wird, darf bezweifelt werden. Bis dahin kann ich jedenfalls nur empfehlen, dass die Zeit wohl besser genutzt ist, wenn wir uns intensiv an dem Leben bereichern, das wir haben - und dazu gehören auch die Akzeptanz und die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Denn wenn wir uns unserer eigenen Endlichkeit bewusst sind, werden sich die Entscheidungen, die wir treffen, verändern. Zeit ist nicht nur eine Frage der Länge, sondern auch eine Frage der Tiefe.

Wo und wie würden Sie gern sterben, welche Todesursache wäre für Sie die denkbar schlimmste?

Rainer Simader: Wenn Sie mich heute und jetzt fragen, so würde ich gerne in vielen, vielen Jahren auf einer Palliativstation sterben, nachdem ich mich von meinen liebsten Menschen verabschiedet habe, die auch gerne in meinen letzten Stunden dabei sein dürfen. Und ich würde gerne noch in der Lage sein, meinen Lieblingsschokopudding und vor allem diese cremige Sahne obendrauf zu essen. Aber sehr gerne können Sie mich noch einmal fragen, wenn es dann soweit ist. Plötzlich zu sterben, egal woran, würde ich hingegen nicht so gern.

Claudia Bausewein: Ich würde gern, wenn es die Umstände erlauben, zuhause sterben mit der Möglichkeit, mich zu verabschieden und mein Leben abzuschließen. Als schlimmste Todesursache stelle ich mir einen gewaltsamen Tod vor.

Sie räumen ein, dass niemand einen Sterbenden wirklich ganz verstehen kann. Die 100. Frage an den Tod dürfen Sie selbst stellen.

Rainer Simader: Sterben ist ein so komplexes biologisches, psychisches, soziales und spirituell-existenzielles Thema, dass ich es anmaßend fände zu behaupten, wir können das, was ein sterbender Mensch wirklich erlebt, verstehen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir zu viel weniger Einsamkeit und Isolation beitragen könnten, wenn wir es versuchen würden, einen sterbenden Menschen und seine Angehörigen und Freunde wirklich zu verstehen. Insofern wäre meine 100. Frage an den Tod - und somit an das Leben -, was wir tun müssten, dass uns der Tod und das Sterben nicht nur im Hauptabendprogramm faszinieren, sondern dass sie wieder ihren normalen und gesunden Platz in unserem Alltag erhalten. Claudia Bausewein: Für mich wäre die 100. Frage, wie der Tod weiß, wann er kommt und warum immer mehrere Menschen gleichzeitig auf der Palliativstation sterben.


Claudia Bausewein und Rainer Simader 

Professorin Claudia Bausewein ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am Klinikum der Universität München und Lehrstuhlinhaberin für Palliativmedizin.

 

Rainer Simader arbeitet unter anderem als Autor, Seminar- und Workshopleiter und ist Leiter des Bildungswesens des Dachverbandes Hospiz Österreich.kl

 

Das Buch Prof. Dr. Claudia Bausewein, Rainer Simader: "99 Fragen an den Tod - Leitfaden für ein gutes Lebensende", Verlag Droemer HC, 288 Seiten, 20 Euro.

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