Gegenwind der Anderen

Viele Wörter, die wir für gute deutsche Begriffe halten, sind in Wirklichkeit gar keine: Sie stammen von indigenen Völkern!

Das Jahr 2019 wurde von der Unesco zum "Internationalen Jahr der indigenen Sprachen" ausgerufen: Auch wenn viele von ihnen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aussterben werden, so dürften doch manche ihrer Wörter in einigen anderen Sprachen überleben. Auch im Deutschen gibt es längst eine ganze Reihe solcher Begriffe indigener Herkunft, die sich so tief in unseren Sprachgebrauch eingeprägt haben, dass wir sie schon gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Zum Beispiel:

Anorak: Das Wort stammt aus dem Kalaallisut, der Sprache der westgrönländischen Inuit, die sich selbst Kalaallit nennen: "Annoraaq" bedeutet so viel wie "etwas gegen den Wind". Die dortigen "Anoraks" wurden ursprünglich aus Robbenfell genäht. Heute werden die Felle durch synthetische Fasern ersetzt. Das indigene Kalaallisut, das auch als Grönländisch bezeichnet wird, ist die Amtssprache Grönlands. Die autonome Insel gehört politisch zu Dänemark, dänisch ist dort aber nur juristische Verkehrssprache. Aktuell wird Kalaallisut, das wörtlich übersetzt: "Wie ein Grönländer" bedeutet, noch von etwa 57.000 Menschen gesprochen. Grönland ist nach der Antarktis das am dünnsten besiedelte Gebiet der Welt.

Hängematte: Das deutsche Wort geht auf die Schlafnetze der indigenen Tainos auf Haiti zurück. In ihrer Sprache Taino nannten sich die Netze, in denen geschlafen wurde, "(h)amaca" - das berichtete schon Christoph Kolumbus im Jahr 1492. In der frühen Neuzeit tauchte das Wort erstmals vereinzelt im Frühneuhochdeutschen als "Hamaco" und als "Hamach" auf. Da sich aber niemand so recht etwas darunter vorstellen konnte, stellte der Volksmund bald seine eigenen Überlegungen an und mutmaßte, was denn mit diesem Wort wohl gemeint sein könnte. Volksetymologie nennen Sprachwissenschaftler so etwas. Auch in den Niederlanden grübelte der Volksmund darüber nach, was es mit diesem ominösen Gegenstand wohl auf sich haben mag. Dort kam man schließlich über "hangmac" zu "hangmat", weiß man beim niederländischen Meertens Instituut für niederländische Sprache und Kultur in Amsterdam, worunter sich nun wiederum die Deutschen schon sehr viel mehr vorstellen konnten und das Wort kurzerhand ins Deutsche als "Hangematte" beziehungsweise eben Hängematte übernahmen. Nachfahren der Tainos gibt es zwar auch heute noch unter anderem in Puerto Rico - die Sprache Taino wird heute aber nicht mehr von Muttersprachlern gesprochen, sie gilt damit als ausgestorben.

Tätowierung: Das Wort kommt aus dem polynesischen Sprachraum. Auf Samoanisch bedeutet "tatau" so viel wie "geschlagenes Zeichen", eigentlich "richtig (einschlagen)". Damit ist gemeint, dass Zeichen oder Muster in die Haut eingebracht werden - und die Farbstoffe wurden dabei nicht nur im übertragenen Sinne in die Haut geschlagen: Das kammartige Tätowierwerkzeug bestand früher aus Dornen oder auch angeschliffenen Knochen und Zähnen, die in ein Gemisch aus Ruß und Wasser getaucht wurden, und mit einem kleinen speziellen Stock tatsächlich vorsichtig und möglichst kunstgerecht in die Haut gehämmert wurden. Derartige Tätowierungen hatten nicht nur schmückende, sondern auch rituelle Funktionen. Diese ursprüngliche Form der Tätowierung gibt es vereinzelt übrigens auch heute noch. Im Deutschen existierten die Begriffe "tatauieren" und "tätowieren" lange Zeit nebeneinander. Im wissenschaftlichen Bereich hat sich das Wort "Tatauieren" als Fachbegriff bis heute erhalten. Übrigens ist lediglich das Wort "Tätowierung" aus der Südsee zu uns gekommen - die Technik als solche war in Europa schon seit Jahrtausenden bekannt. Bereits die alten Kelten hatten Tätowierungen, und auch Gletschermann Ötzi hatte vor über 5000 Jahren schon mehr als 60 Motive in die Haut gestochen, die wohl auch zur Schmerztherapie eingesetzt wurden, wie Forscher vermuten. Von den indigenen polynesischen Sprachen ist das Samoanische heute mit rund 407.000 Sprechern am häufigsten vertreten.

Tomate: Das Nachtschattengewächs stammt ursprünglich aus Südamerika. Die Wildformen sind dort von Venezuela bis Chile beheimatet. Systematisch angebaut wurden die Gemüsepflanzen nachweisbar von den indigenen Völkern Mittelamerikas, unter anderem von den Mayas und den Azteken. Im Klassischen Nahuatl bedeutet "tomatl" so viel wie "dickes Wasser". Die spanischen Eroberer brachten das Wort im 16. Jahrhundert dann zusammen mit den Pflanzen nach Europa.

Kanu: Viele Deutsche haben dieses Boot wohl erst durch die Winnetou-Bücher und später durch die Filme kennengelernt. Bei uns wird "Kanu" vor allem als Oberbegriff für Paddelboote wie Kajak und Kanadier verwendet - Boote also, die mit Hilfe von Paddeln bewegt werden, und in denen man nicht wie in einem Ruderboot mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt und rudert. Das deutsche "Kanu" wurde aus dem englischen "canoe" abgeleitet, das wiederum auf dem spanischen Wort "canoa" fußt. Die Spanier haben es um 1500 in der Karibik aufgeschnappt: Dort bezeichnete man mit "canaoa" einen Kahn aus einem Baumstamm. In anderen indigenen karibischen Sprachen, etwa dem Wayana oder dem Apalai, kennt man noch das Wort "kanawa", was soviel wie "Rindenboot" bedeutet.

Indigene Sprachen

Über 7,5 Milliarden Menschen leben heute auf der Welt, und sie kommunizieren in rund 7100 Muttersprachen miteinander. Weit mehr als die Hälfte dieser Menschen, nämlich über vier Milliarden, unterhalten sich aber in nur zwei Dutzend der meistgesprochenen Sprachen. Dazu zählen unter anderem Englisch, Mandarin-Chinesisch, Spanisch, Hindi, Arabisch, Französisch, Russisch - und Deutsch.

Tausende andere Sprachen sind dagegen zur Zeit vom Aussterben bedroht: Schätzungen von Experten gehen davon aus, dass in den nächsten Jahrzehnten ein Drittel bis die Hälfte dieser Sprachen verschwinden werden. Allein in Papua-Neuguina werden heute noch 841 unterschiedliche Sprachen gesprochen, in Indonesien 710 und in Nigeria kennt man immerhin noch 526 verschiedene Sprachen.

Als indigene Sprachen bezeichnet man Sprachen von Ureinwohnern, die sich unabhängig entwickelt haben. Manche solcher bedrohten Sprachen haben aktuell nur noch einige Dutzend Sprecher, andere sogar noch weniger. So wird das Rapanui auf der Osterinsel von noch etwa 1000 Menschen gesprochen, wohingegen das Yuchi in den USA 2016 noch 16 Sprecher hatte - darunter nur noch vier Muttersprachler. csa

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