Morden Frauen anders?

Veikko Bartel stand viele Jahre als Strafverteidiger vor Gericht, auch in Sachsen - An das Gute im Menschen glaubt er immer noch

Veikko Bartel hat 30 Mörder verteidigt. Jetzt hat er ein Buch über Frauen als Täterinnen geschrieben. Im Interview mit Christian Mathea erzählt er über die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Tätern, über Anfeindungen und warum er heute etwas ganz anderes macht.

"Freie Presse": Herr Bartel, was hat Sie dazu bewogen, ein Buch über Frauen als Mörderinnen zu schreiben?

Veikko Bartel: Strafverteidigung hat viel mit Neugier und, ja auch, mit Voyeurismus zu tun - mit dem Ergründen des "Warum?". In dem Buch geht es deshalb nicht um den Prozess an sich, nicht darum, wie man die Angeklagten überführt hat oder was ich als Verteidiger getan habe. Es geht um die Biografien der Frauen, um ihre Geschichten. Was musste im Leben meiner Mandantinnen geschehen, dass es für sie an diesem einen Tag nur noch diesen einen Ausweg gab.

Und was waren die Beweggründe Ihrer Mandantinnen?

Mir sind viele Gründe begegnet - angefangen von nicht zu bewältigendem Hass, unbändiger Gier bis hin zu unheilbarer Verletztheit. Für das Buch habe ich vier besondere Fälle ausgewählt. Eine Kindsmörderin, die ihr Neugeborenes auf bestürzend brutale Weise tötet, eine Geschäftsfrau, die ihren Mann in einem regelrechten Blutrausch umbringt. Eine Sadistin, die ihre Opfer mit unglaublicher Grausamkeit quält und eine Giftmörderin, die sich als Meisterin der Manipulation entpuppt.

Warum gehen Sie mit solchen Grausamkeiten an die Öffentlichkeit? Ist es nicht besser, solche Fälle zu vergessen?

Ganz im Gegenteil. Nur aus dem, was passiert ist, können wir für die Zukunft lernen, so schlimm das auch war. Dies wird in meinem Buch über die männlichen Täter, an dem ich gerade arbeite, noch viel deutlicher werden. Nehmen wir beispielsweise Tötungsdelikte mit ausländerfeindlichem Hintergrund. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie die Täter zu Ausländerhassern geworden sind und Lehren daraus ziehen. In Strafprozessen werden in massiver Weise gesellschaftliche und persönliche Fehlentwicklungen aufgearbeitet. Jeder Strafprozess ist ein konkretes Abbild der Welt, in der wir leben. Das darf man nicht vergessen, wir müssen uns damit beschäftigen, das sind wir den Opfern schuldig.

Wer ist eher so verzweifelt, einen anderen Menschen umzubringen: ein Mann oder eine Frau?

Frauen haben eine viel größere Leidensfähigkeit und Selbstbeherrschung als Männer. Wenn dem nicht so wäre, gäbe es genauso viele Morde durch Frauen wie durch Männer.

Ist es schwieriger Frauen einen Mord nachzuweisen als Männern?

Nein, aus kriminalistischer Hinsicht ist das völlig gleich.

Ab wann sollte sich ein Ehemann Sorgen machen?

(Lacht) In jeder Sekunde sollte ein Mann auf der Hut sein.

Im Ernst. Morden Frauen anders als Männer?

Meine ganz persönliche Meinung? Frauen morden gezielter. Wenn Sie so wollen, hinterhältiger, geplanter und begründeter. Die Gründe sitzen sehr viel tiefer.

In Dresden haben Sie einen Mann verteidigt, der im Landgericht die Ägypterin Marwa El-Sherbin erstochen hat. Auch andere Rechtsradikale haben Sie verteidigt, weshalb Sie schon als "Nazianwalt" bezeichnet wurden. Wie gehen Sie damit um?

Viele dieser Täter sind Menschen, denen ich, wären sie nicht meine Mandanten, noch nicht einmal aus Anstand die Hand zur Begrüßung reichen würde. Aber jeder Mensch hat das Recht auf Verteidigung. Dieses Recht aus weltanschaulichen Gründen - egal ob von links oder rechts - einzuschränken, das ging mir schon immer gegen den Strich. Wie auch jede Art von Vorverurteilung. Mich hat das eher herausgefordert. Was ich allerdings nie geduldet habe: Wenn ein Mandant den Gerichtssaal als Bühne für seine von Hass und Neid erfüllte braune Weltanschauung nutzt. Aber ich gestehe als Mensch, dessen Herz sehr weit links schlägt: Als ich das Wort "Nazianwalt" das erste Mal in einer Zeitung las, hat mich das schon ge- troffen.

Wurden Sie in Ihrer langen Zeit als Strafverteidiger oft angefeindet?
Natürlich. Allein in dem Dresdener Verfahren habe ich nicht nur eine Morddrohung erhalten. Damals wurde sogar meine Hotelreservierung storniert. Auch meine Familie wurde bedroht. Meine Kinder wurden auf Medienberichte angesprochen, in denen ich mich schützend vor einen Mandanten gestellt hatte. Aber von Tatopfern und deren Familien gab es niemals Drohungen.

Hatten Sie schon einmal Angst, als Sie mit Ihren Mandanten allein in einer Zelle waren?

Nicht ein einziges Mal. Das sind ja keine Monster, die einem dort gegenüber sitzen. Keine Menschen, die nur darauf warten, das nächste Opfer umzubringen. Die meisten sind über das, was sie getan haben, erschüttert, beschämt, von tiefen Schuldgefühlen geplagt.

Haben Sie schon mal einen Fall zurückgewiesen?

Natürlich. Gerade in der Strafverteidigung kommt es entscheidend auf Vertrauen zwischen Anwalt und Mandant an. Wie überall sonst auch, gibt es Menschen, die nicht miteinander können. Hatte ich genau das Gefühl, dann habe ich die Sache nicht übernommen. Aber wegen einer Tat, die dem Mandanten vorgeworfenen wurde, habe ich niemals einen Fall abgelehnt.

Was sagen Sie zu Angehörigen von Mordopfern im Gerichtssaal, wenn Sie den Täter verteidigt haben?

Der Tod bleibt im Gerichtssaal meistens abstrakt. Bis auf den Täter kannte keiner von den dort sitzenden Richtern oder Staatsanwälten das Opfer. Natürlich hat man Tatort- und die Bilder aus der Gerichtsmedizin in den Akten. Aber in jedem Hollywoodfilm sehen Sie Grausameres. Sehr viel schwieriger ist es, wenn einem die Opfer einer Gewalttat als Nebenkläger gegenüber sitzen. Dann sieht und hört man das Grauen, was der Mandant dem Tatopfer angetan hat. Da überlegt man sich jedes Wort zweimal.

Sie arbeiten heute nicht mehr als Strafverteidiger, sondern als Universitätsdozent für Steuerrecht. Warum?

Die Entscheidung hatte viele perssönliche Gründe und war am Ende unvermeidbar. Sie tat weh. Rückblickend hat sie mir aber meine Familie und vielleicht sogar das Leben gerettet. Strafverteidigung lebt man oder lässt es bleiben. Strafverteidigung ist eine Hure, sie frisst dich mit Haut und Haaren. Und weil du das liebst, was du tust, lässt du dich mit Wonne verschlingen und bemerkst nicht, wie sie dich Stück für Stück verdaut. Strafverteidigung ist permanenter Kampf mit den Strafverfolgungsbehörden, den Gerichten, den Mandanten und vor allem ein Kampf gegen sich selbst.

Nachdem Sie jahrelang mit Mord und Totschlag konfrontiert waren, sehen Sie Menschen jetzt mit anderen Augen?

Es ist nun einmal so, dass auch gute Menschen verdammt böse Dinge tun können. Ich bin von jeher der Meinung, dass man ein guter Strafverteidiger nur dann werden kann, wenn man abgrundtief an das Gute im Menschen glaubt - auch wenn es oft nur rudimentär vorhanden oder verschüttet ist. Für diese Einstellung wurde und werde ich oft belächelt. Ich begegne Menschen nicht anders als in meiner Zeit, bevor ich Strafverteidiger wurde. Mit einer Ausnahme: Ich frage viel öfter nach dem Warum.

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