"Rettet die Spinnen!"

Bislang sind keine Initiativen zur Rettung der Achtbeiner bekannt. Dabei sind sie in der Natur mindestens so wichtig wie die auf sechs Beinen stehenden Bienen. Und sie sind mittlerweile ebenso gefährdet.

Ein Volksbegehren zur Rettung der Spinnen gibt es noch nicht. Diese Insekten lösen bei vielen Menschen eher Angst aus und es sinkt eben die Bereitschaft, ein solches Volksbegehren zu unterstützen, wenn plötzlich eine kräftige Hauswinkelspinne aus einer dunklen Kellerecke läuft. Und das auf Beinen, mit denen sie ein sieben Zentimeter breites Handy locker umspannen kann.

"Diese Tiere leben oft in Haus und Garten, im Herbst streifen die Männchen zum Schrecken aller Spinnen-Phobiker auf der Suche nach Beute oft eifrig durchs Haus", erklärt Klaus Birkhofer von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. "Finden die Spinnen genug zu fressen, richten sie sich in dunklen Ecken ein, in denen sie ungestört bleiben", berichtet der Spinnenforscher aus dem Alltag dieser "Schrecken der Hausfrauen". Ihr Netz ähnelt einem Trichter und ist gleichzeitig ihre Wohnung. Berührt eine mögliche Beute die vor ihrem Heim ausgespannte Spinnseide, werden diese Opfer festgehalten, mit den Kieferklauen gebissen, mit Magensäften verflüssigt und anschließend aufgesaugt.

Oft erwischen die Hauswinkelspinnen dabei Spinnen, Fliegen, Mücken und andere Mini-Plagegeister, die in der Wohnung ebenfalls nicht allzu beliebt sind. Da der "Schrecken der Hausfrau" meist nur im Dunkeln unterwegs ist, entpuppt er sich als nützlicher Mitbewohner, der eigentlich kaum stört. Nur tröstet dieses Argument einen Spinnen-Phobiker kaum, der nächtens im Bad das Licht anknipst und dabei eine kräftige Spinne beim Beutefang ertappt. Dabei erschrickt der Achtbeiner anscheinend genauso wie der Zweibeiner und versucht, ins schützende Dunkel zu fliehen. Oft ist das aber der Schatten des Menschen, der entsetzt eine Spinne mit schnellen Schritten auf sich zueilen sieht. Wer Angst vor Spinnen hat, vermutet bei dieser Reaktion leicht einen Angriff. "In solchen Fällen sollte man keineswegs zum Staubsauger greifen, sondern die Spinne mit einem umgestülpten Glas fangen, ein Blatt unterschieben und sie so außer Haus bringen", erklärt Klaus Birkhofer.

Für einen Spinnen-Phobiker ist das allerdings viel leichter gesagt als getan. Aber vielleicht übernimmt ja ein zweibeiniger Mitbewohner diesen Job, der beim Anblick der Tiere keine Panik-Attacke bekommt. Er kann das Tier dann in den Garten tragen oder notfalls über die Brüstung des Balkons in die Tiefe fallen lassen. "Vom zweiten oder dritten Stock aus überleben die Spinnen einen solchen Sturz problemlos", meint Klaus Birkhofer. Besser ist es allerdings, die Tiere wenige hundert Meter weit weg zu tragen und vielleicht in einem Park auszusetzen. Sonst könnten sie vielleicht zurückkommen, um ihr angestammtes Revier wieder zu besetzen. Unterwegs entdecken sie dabei oft auch einen anderen Unterschlupf. Aber vielleicht geschieht das ja bei einem Nachbarn, der keine Phobie vor den Tieren hat.

Daneben gibt es auch die biologische Spinnen-Entfernung in Form von Zitterspinnen. "Die hängen normalerweise tagsüber faul in einer Zimmerecke", berichtet der BTU-Forscher. Auf nächtlichen Wanderungen beißen diese Tiere ihr Opfer mit ihren Kieferzangen und injizieren ihm dabei ein tödliches Gift. Dabei überwältigen die Zitterspinnen auch viel größere und stärkere Beute wie Hauswinkelspinnen und ersetzen so das große Glas zum Abtransport. Zumindest, wenn die Menschen im Haus dieses Glas nicht vorher zum Fangen und Wegbringen der Zitterspinnen genutzt haben.

Andere Gruppen der nach Angaben der Arachnologischen Gesellschaft weltweit rund 48.000 und in Mitteleuropa rund tausend Spinnen-Arten verirren sich in Mitteleuropa dagegen eher selten in Häuser und Wohnungen, sondern gehen lieber im Freien auf die Jagd. "Dort spannen die Radnetzspinnen ihre Netze auf, in denen sich dann Insekten verheddern", berichtet Peter Michalik, der an der Universität Greifswald ebenfalls über Spinnen forscht. Die Vogelspinnenverwandten bauen dagegen Röhren, von denen aus sie Beute machen.

Die meisten Spinnen aber scheuen das Rampenlicht und werden leicht übersehen. Als BTU-Forscher Klaus Birkhofer im US-Bundesstaat Kentucky auf einem Luzernefeld genau nachzählte, fand er auf einem einzigen Quadratmeter bis zu 250 Spinnen. "Alle Spinnen der Welt könnten zusammen 25 Tonnen auf die Waage bringen", rechnet der Wissenschaftler aus. Diese Tiere töten so jedes Jahr 400 bis 800 Millionen Tonnen Beute, wobei die allermeisten Opfer Insekten sein dürften. "Damit könnten Spinnen sogar die gesamte Menschheit übertreffen, die jährlich etwa 400 Millionen Tonnen Fleisch und Fisch verspeist", erklärt Klaus Birkhofer.

In der Natur spielen Spinnen daher ähnlich wie Löwen, Wölfe und Co. bei größeren Arten eine entscheidende Rolle als Top-Jäger von kleinen, wirbellosen Tieren. "Diese Funktion aber stört der Mensch an entscheidender Stelle", meint der BTU-Forscher. Behandeln Bauern ihre Felder mit chemischen Insekten- oder Pflanzen-vernichtenden Mitteln, finden die Spinnen kaum noch Beute und keine Acker-Wildkräuter mehr, in denen sie sich vor Feinden verstecken oder an denen sie ihre Netze befestigen können. "Im ökologischen Landbau, der auf solche Mittel verzichtet, leben daher oft mehr Spinnen auf den Feldern", berichtet Klaus Birkhofer.

Diese höhere Vielfalt aber vertilgt auch viele Schädlinge und schützt so die Ernte. Da gleichzeitig der Klimawandel die Vielfalt der Spinnen ähnlich wie bei den Insekten kräftig durcheinander bringt und manche Arten verschwinden lässt, blinken also auch bei diesen für einen großen Teil der Natur entscheidenden Schlüsseltieren längst die Warnlampen auf.


Die Spinnen, ihre Netze und ihre Fangmethoden 

Zentraler Faden: "Die ersten Spinnen dürften schon vor rund 380 Millionen Jahren ihre Fäden gesponnen haben", fasst Peter Michalik von der Universität Greifswald das Ergebnis einer Kombination aus Erbgut-Analysen und vor Urzeiten versteinerten Spinnen zusammen. Seither pressen die Tiere aus winzigen Drüsen im Hinterleib ein flüssiges Protein, das an der Luft zu einer Seidenfaser erstarrt, von denen sich etliche zu einem Faden zusammentun, der dünner als das Haar eines Menschen ist. Dieser Faden ist äußerst elastisch, aber fast so fest wie Stahl. Im Labor lässt sich ein solcher Spinnenfaden bereits herstellen.

Vernetzt: Als immer mehr Insekten auftauchten, entwickelten die Spinnen vor 200 bis 300 Millionen Jahren eine Jagdstrategie, der viele Arten bis heute treu geblieben sind: Sie spannen mit ihrem Faden ihre Netze und machen damit ihre Beute.

Gezielt: Bei der Konstruktion ihrer Netze zeigen die Achtbeiner eine Meisterleistung der Logistik. Weht der Wind günstig, heben die Tiere ihren Hintern in die Höhe. Die Brise trägt den wachsenden Faden mit ein wenig Glück zum nächsten Ast. Von diesem ersten Brückenschlag aus konstruieren die Spinnen dann ihr Netz. Bei Flaute ist bei den Netzwerkern Bein-Arbeit gefragt: Dann hebt die Spinne den gut verankerten Faden mit einem Bein in die Höhe und läuft auf den restlichen sieben Beinen durchs Geäst, bis sie einen geeigneten Ast für das andere Ende des Ankerfadens gefunden hat.

Lauerjäger: Ihre Fäden setzen Spinnen auch zu völlig anderen Jagdmethoden ein: Auf der Insel Rügen könne man zum Beispiel Tapezierspinnen beobachten, die in einer Wohnröhre unter der Erde leben, erklärt Peter Michalik. An der Oberfläche spinnen sie eine schlauchförmige Verlängerung der Röhre. Läuft über diese Röhre Beute, schießt die Spinne an diese Stelle und beißt durch den Seidenschlauch in das Opfer, das sie dann in ihre Behausung schleppt. Andere Spinnen-Arten versuchen, eine potenzielle Beute im Rennen oder mit einem Sprung zu erwischen. Oder sie lauern in einem Versteck, in dem sie ein Opfer an den minimalen Erschütterungen erkennen, die es im Boden auslöst, und erwischen die Beute mit blitzschneller Attacke.

Segelflug: Kleine Spinnen-Arten und Jungtiere können ihre Fäden auch als Mini-Segel nutzen, das sie ähnlich wie ein Gleitschirm durch die Lüfte trägt. Dazu produzieren die Tiere sehr dünne Fäden. Fährt ein Windhauch in einen Fächer aus zehn oder 20 solcher Fäden, trägt die Luft das Gebilde mit daran hängender Spinne davon.

Lasso-Jagd: Die Jagd-Methode der Bola-Spinnen in Australien, Afrika und Nord-Amerika gehört zu den raffiniertesten Beute-Strategien: Statt ein Netz auszuspannen, produzieren sie nur einen Faden. An dessen Ende sitzt eine klebrige Kugel, die mit einem Sexual-Lockstoff einer bestimmten Beutetier-Art getränkt ist. Fliegt ein solches Opfer angelockt von dem Duft in die Nähe, schleudert die Spinne ihr Lasso nach ihm, die Beute bleibt an der Kugel kleben und die Spinne spinnt ihre Mahlzeit ein. (rolk)

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