Umwelttechnologe: "Eine Welt ohne Kunststoffe ist nicht realisierbar"

Enorme Mengen von Plastikmüll belasten die Umwelt. Der Chemiker Michael Braungart erklärt, wie man das Problem lösen könnte.

Rotterdam.

Die Menge von Plastikmüll, der die Umwelt verschmutzt, ist katastrophalen Ausmaßes. Doch Kunststoffe sind aus dem Leben nicht wegzudenken. Was die Menschen finden müssen, sei eine Strategie, diese Stoffe in einen technologischen Kreislauf zu führen und solche, die absolut nicht wiederverwertbar sind, ökologisch zu entsorgen, meint der Chemiker und Umwelttechnologe Michael Braungart. Mit dem Professor sprach Elke Bunge.

Freie Presse: Mitte Mai haben 187 Staaten in Genf ein Abkommen zur Reduzierung des Exports giftigen Plastikmülls unterzeichnet. Politiker, Industrie und Handelsketten diskutieren über Plastikvermeidung in der Lebensmittelbranche. Überall sieht man Aktivitäten, dem Plastikmüll-Problem zu begegnen. Sind wir auf dem richtigen Weg?

Michael Braungart: Das sind Nachrichten, die zum Teil ganz gut klingen. In Wirklichkeit aber greifen die Verantwortlichen das längst existierende Problem nicht an. Politik und Wirtschaft begegnen sich auf multilateralen Treffen und erklären: Seht, wir tun etwas. Doch die Realität hat das Bemühen längst überholt - Dutzende von Millionen Tonnen Plastikmüll schwimmen bereits in unseren Seen, Flüssen und den Weltmeeren, täglich kommen neue Mengen hinzu. Jetzt aber dazu aufzurufen, wir müssen Plastik vermeiden und reduzieren, ist ein völlig falscher Ansatz. Denn eine Welt ohne Kunststoffe ist nicht realisierbar, ein solcher Schritt wäre fatal.

Forschungsinstitute wie das Berkeley Lab haben jüngst neu entwickelte Kunststoffe vorgestellt, die sich im Säurebad wieder auf die monomere Ausgangsbasis reduzieren und dann zu neuen Stoffen generieren lassen. Eine Lösung des Problems?

Natürlich wird man sich in Zukunft auch über solche Optionen Gedanken machen. Ansätze dafür gibt es ja schon länger. Dafür stehen zwei Beispiele - die Firma Bellandt Plastik recycelt Kunststoffe im Laugenverfahren und stellt dann Ausgangsstoffe her. Und in Italien produziert Aquafil schon seit langer Zeit Kunststofffasern, die aus alten Nylonfischernetzen gewonnen werden. Der italienische Betrieb im Norden des Landes stellte bereits 1965 Nylon-6-Garne für die Netze her, später entwickelte man ein Verfahren, nach dem die aus dem Meer gezogenen alten Netze wiederaufbereitet und zu neuen Fasern verarbeitet werden konnten. Dies scheint mir ein brauchbarer Ansatz zu sein. Die Frage ist aber nicht: Können wir Plastik recyceln? Die eigentliche Frage ist: Welche Kunststoffe nutzen wir, und was passiert, wenn man diese auflöst oder einschmilzt?

Sie meinen, recycelte Plastik könnte Nebenwirkungen haben, von denen wir heute noch nichts wissen?

So in der Art. Damit Plastikstoffe nutzbar sein sollen, müssen ihnen viele Additive, Weichmacher und Farbstoffe zugegeben werden. Wir wollen ja auch eine gewisse Ästhetik des Produkts erhalten. Nun gibt es aber sowohl giftige Kunststoffe wie PVC, die trotz ihrer Gefährlichkeit immer noch im Einsatz sind. Und es existieren über 400 Additive, von denen wir heute schon wissen, dass sie zum Teil hochgiftig sind. Was passiert mit diesen Stoffen, wenn sie wieder in den Produktions- und Verbrauchskreislauf eingebracht werden? Wenn uns dazu nichts einfällt, wird das Material geschreddert und als "Wertstoff" nach Asien exportiert soll man dort doch sehen, was sie daraus machen. Das funktioniert aber nicht. Hier ist ein wesentlicher Ansatzpunkt für die Politik: Kunststoffe, von denen wir wissen, dass sie giftig und krankheitserregend sind, müssen strikt verboten werden. Solange hier nichts passiert, sind alle anderen Bemühungen eben nur dies: freundliche Bemühungen.

Welche Maßnahmen können ergriffen werden?

Zunächst das Verbot giftiger Kunststoffe wie PVC und giftiger Additive und Farbstoffe. Es ist ein Skandal, dass heute noch 2,8 Prozent der Lebensmittelverpackungen aus PVC bestehen. Danach muss man sich ein intelligentes Wiedergewinnungssystem ausdenken. So könnten zum Beispiel auf Produkte, die aus Polyethylenterephtalat, besser bekannt als PET, bestehen, in jedweder Form Pfand erhoben werden. Das gibt es ja bislang in Deutschland, wo für jede gekaufte Wasserflasche 25 Cent Pfand zu entrichten sind. Der Kunde kann nun selbst entscheiden, ob er das Geld wegwerfen oder die Flasche doch zum Händler zurücktragen will. Dasselbe könnte man auch mit allen PET-Verpackungen machen, einschließlich Folien. Man müsste dann nur andere Rücknahmegeräte bauen, was wohl technisch kein Problem wäre. Wenn man einem Menschen zum Beispiel eine Pfandkarte gibt, auf der 30 Euro gebucht sind, dann könnte sich dieser Kunde eine bestimmte Anzahl von Produkten kaufen - danach wäre der Pfandbonus aufgebraucht und der Kunde hätte Interesse, die Verpackungen zurückzubringen. PET können Sie für Lebensmittel etwa sechsmal wiederverwerten, anschließend könnte aus dem recycelten Material etwas anderes hergestellt werden, zum Beispiel Textilfasern.

Nun sind aber sehr viel verschiedene Kunststoffe auf dem Markt, die gemischt im Plastikabfall landen.

Genau hier wäre ein Ansatzpunkt: Man müsste gesetzlich regeln, dass für Verpackungen sortenreines Plastik verwandt wird, das gilt für PET ebenso wie für Polypropylen oder Nylon 6. Diese Materialien könnten in einen Wertekreislauf fließen, aus denen immer wieder neue Produkte entstehen, ohne dass zusätzliche Ressourcen aufgebraucht würden. Ähnliches gilt im Übrigen auch für biologische Produkte der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Ich habe bereits vor Jahren mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough ein System entwickelt, dass wir Cradle-to-Cradle (von der Wiege zur Wiege) nannten. Nahrungsmittel, die sich nach dem Verbrauch über den Dung wieder als Nährstoffe darbieten, gelangen in einen biologischen Kreislauf. Und technische Produkte, wie Plastik, in einen neuen technologischen. Mit diesem Prinzip würden wir nicht nur sehr viel Müll vermeiden, wir würden auch deutlich weniger neue Rohstoffe verbrauchen müssen. Hier könnte ich einen Ansatzpunkt für die Lösung der vor uns stehenden Probleme sehen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...