Ein Merino-Schaf liefert acht Millionen Meter Wollgarn

Berufsmillionäre Helga Hofmeister aus dem Oederaner Webmuseum über Spinnen, Zwirnen und eine historische Technik

Oederan.

Zahlen bestimmen unseren Alltag. Gewerke und Branchen kennen Kilogramm, Liter oder Stück. Einige Berufsvertreter haben für Freie Presse einmal die Statistik bemüht. Und da wird mancher auf dem Papier sogar zum Berufsmillionär. Christof Heyden hat mit Helga Hofmeister gesprochen. Die Handwebmeisterin ist Mitarbeiterin des Webmuseums Oederan und gibt hier Fachkurse.

Freie Presse: Als Fachfrau für die Textiltechnik verstehen Sie den Faden zu führen. Wann wird eigentlich gesponnen, gewebt oder gezwirnt?

Helga Hofmeister: Alle Tätigkeiten sind von der Herstellung und Verarbeitung von Fäden bestimmt. Beim Handspinnen (auch maschinell) wird aus den verschiedenen losen Fasern, beispielsweise Schafwolle, ein einfaches Garn hergestellt und auf eine Spule aufgewickelt. Beim Zwirnen werden zwei oder mehr Fäden miteinander verdreht, wodurch ein fester, gleichmäßigerer, dickerer Faden entsteht, der verwebt oder verstrickt werden kann. Beim Weben kreuzen Fäden, Kette und Schuss, rechtwinklig, wodurch ein Gewebe, also Stoff, entsteht.

Welches Material wird am Webstuhl in Oederan verarbeitet?

Im Museum geben wir einen Einblick in diese Technologien, insofern ist unsere Tätigkeit abwechslungsreich jedoch nicht von enormen Produktionsmengen bestimmt. Ich webe überwiegend mit Baumwolle oder Leinen. Auch Naturwolle, wie vom Schaf, kommt zum Einsatz. In meinen Arbeitsjahren zu DDR-Zeiten wurde vor allem Wolpryla, heute unter Acryl bekannt, verwendet.

Lässt sich nachvollziehen, wie ergiebig Schafe als Fadenlieferanten sind?

Pro Merino-Schaf kann man mit rund sechs Kilogramm Naturfaser pro Jahr rechnen. Diese aneinandergereiht ergeben eine Faserlänge von 8000 Kilometern, also 8 Millionen Metern. Man hat errechnet, dass ein Schaf in einer Stunde umgerechnet einen Kilometer Faser produziert.

Auf welche Fadenlänge bringen Sie es mit Ihrer Tätigkeit an den Webstühlen vor Ort?

Bevor ich zum Weben komme, muss ich den Webstuhl einrichten, dass heißt, es muss eine Kette angefertigt, geschärt, werden. Schären meint eine Schar Fäden anzuordnen, das können einige wenige, aber auch über Tausend sein, die nebeneinander liegend auf dem Kettbaum aufgewickelt sind. Die Länge der Kette richtet sich nach dem zu webenden Gewebestück. Wenn ich diese Fäden zur Grundlage nehme, habe ich im zurückliegenden Jahr über 6500 Fäden verarbeitet, die eine Gesamtlänge von 160.000 Metern erreichten. 2017 war das Ergebnis noch etwas ergiebiger. Da habe ich für meine Ketten über 10.000 Fäden mit einer Länge von 215.000 Metern verarbeitet. Seitdem ich im Jahr 2000 im Webmuseum begonnen habe, ist also eine beachtliche Meterzahl zusammengekommen.

Und da haben wir noch nicht von den Durchschüssen gesprochen.

Beim Weben wird der in einem Schützen liegende Schussfaden von rechts beziehungsweise links durch das geöffnete Webfach geschossen. Je nach Gewebeart und Arbeitszeit kann ich auf 4500 Durchschüsse am Tag kommen. Also, auch diese summieren sich in den Jahren.

Angenommen, Sie dürften im realen Leben über einen Millionengeldbetrag verfügen, wie würden Sie ihn einsetzen?

Zum einen für den Erhalt der historischen Technik, die ja vom Wirkprinzip noch heute Gültigkeit hat. Aber noch wichtiger wäre es mir, in Ausbildungskurse zu investieren, um interessierten Zeitgenossen, aber vor allem eben jungen Leuten, die Technik des Webens mit allen vorbereitenden Arbeitsschritten näher zu bringen. Ein technisches Museum ist ja für Besucher interessanter, wenn sie die Maschinen und Geräte in Funktion sehen können. hy

Alle Beiträge der Reihe "Berufsmillionäre", die bisher erschienen sind, können Sie im Internet auf der Internetseite der "Freien Presse" noch einmal nachlesen.

freiepresse.de/berufsmillionaere

Dieses Wochenende beginnt auch die Reihe verschiedener Web-Kurse in Oederan für das Jahr 2019. Interessierte können das Einmaleins des Webens erlernen.

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