"Andrea Chénier": Ersatz glückt im zweiten Anlauf

Der Hauptdarsteller bei "Andrea Chénier" kam diesmal aus Braunschweig. Und es gibt noch mehr Bemerkenswertes.

Große Emotionen, große Chöre und Ensembles - mit "Andrea Chénier" hat das Mittelsächsische Theater eine Oper im Repertoire, die es in sich hat. Das stellt Musikdramaturg Christoph Nieder nicht ohne Stolz fest. Und das Meisterwerk von Umberto Giordano, das von Oberspielleiterin Judica Semler auf die Bühne gebracht wurde, enthalte auch große, anspruchsvolle Partien für die drei Hauptakteure. Und für diese gibt es glücklicherweise am Mittelsächsischen Theater eine Besetzung - und zum Teil sogar mehrfach: Nach der Premiere ging Sopranistin Leonora Weiß-del Rio in den Mutterschutz, und seitdem überzeugt Susann Hagel in der weiblichen Hauptrolle der jungen Gräfin Maddalena, die in der Französischen Revolution alles verliert - und dafür die Liebe gewinnt. Und nach Andrii Chakov in der vergangenen Saison brilliert jetzt Elias Han als Carlo Gérard, der vom Diener zum Revolutionsführer aufsteigt, aber seine Ideale verraten sieht, als im Verlauf der Revolution Gewalt und Willkür zunehmen.

Auch in der Titelrolle agierten in Freiberg/Döbeln schon mehrere Tenöre. Frank Unger war der gefeierte Titelheld, ein Dichter, der aufseiten der Unterdrückten steht und dann selbst ins Visier der immer radikaleren Revolutionäre gerät. Jetzt jedoch ist der Tenor, der seit der vorigen Spielzeit zum Ensemble gehört und zuvor im Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz wirkte, erkrankt. "Da seine Rolle nicht nur sehr anspruchsvoll ist, sondern das Werk auch nur an wenigen Theatern auf dem Spielplan steht, war es äußerst schwierig, einen Ersatz zu finden", erläuterte Theatersprecher Nieder.

Für die Vorstellung am vergangenen Samstagabend gelang das - aber erst im zweiten Anlauf. Nachdem der zunächst gefundene Gast Hector Sandoval, der schon in Wien und Salzburg auf der Bühne stand, aus dringenden privaten Gründen wieder absagen musste, konnte letztlich Arthur Shen gewonnen werden: Der amerikanische Tenor wuchs in Kalifornien auf, und die Musik gehörte - neben dem Sport - seit Kindestagen zu seinem Leben. Dennoch absolvierte Arthur Shen auf Wunsch seiner Eltern zunächst eine "vernünftige Ausbildung", studierte Informatik und arbeitete auch einige Jahre in dieser Branche, bevor sich dann doch die Kunst durchsetzte. Nach ersten Auftritten in den USA und in Italien gehörte er von 2007 bis 2017 fest zum Ensemble des Staatstheaters in Braunschweig und begeisterte dort vor allem in den großen italienischen Tenorpartien: als Herzog in "Rigoletto" und Alfredo in "La Traviata", als Rodolfo in "La Bohème" und Cavaradossi in "Tosca". Gastspiele führten ihn auch an die Komische Oper in Berlin, das Staatstheater Stuttgart und die Dresdner Semperoper. Als Konzertsolist sang Arthur Shen in geistlichen Werken von Händel über Mozart, Mendelssohn-Bartholdy, Verdi bis Puccini sowie in Beethovens 9.Sinfonie.

Nach Proben am Freitag stand Arthur Shen am Samstagabend erstmals auf der Freiberger Bühne - mit Erfolg. Als Andrea Chénier hat er nicht nur mit seiner Stimme überzeugt, sondern war auch ein temperamentvoller Darsteller. Das Publikum dankte ihm ebenso wie Susann Hagel und Elias Han am Ende der Vorstellung mit zahlreichen Bravorufen und rhythmischem Klatschen Am 7. November, 19.30 Uhr steht die Oper "Andrea Chénier" wieder auf dem Spielplan des Freiberger Theater. Bis dahin wünschen wir Tenor Frank Unger gute Besserung.

Gute Nachricht: Der junge Mexikaner José Luis Guitiérrez, der seit der vorigen Spielzeit als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung am Mittelsächsischen Theater engagiert ist, hat sein Dirigierstudium am Tiroler Landeskonservatorium in Innsbruck mit Auszeichnung abgeschlossen. Der 24-Jährige sagte: "Ich danke allen Professoren für die wunderbare Zeit, in erster Linie meinem Mentor Dorian Keilhack." In Innsbruck habe er großartige Menschen kennengelernt, die er für immer in seinem Herzen behalten werde, so Guitiérrez im sozialen Netzwerk Facebook. Am Wochenende war er in Osttirol, wo er mit seiner Studienkollegin Lea Bodner zwei Liederabende gestaltete. Und seine nächsten Pläne? "Das nächste große Highlight kommt dann Ende November, wo ich das Programm ,Solo für Sie' mit Susanne Engelhardt am Flügel begleiten darf. Darauf freue ich mich sehr", sagt Guitiérrez auf Anfrage von "Freie Presse".

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