Arbeiten gegen die Stille

Seit 2016 schweigt die große Glocke der Petrikirche. Warum sie Schaden nahm, ließ Fachleute zweifeln. Nun gibt es eine Lösung.

Freiberg.

Trotz moderner Technik, Wissen und Erfahrung lässt sich heute doch nicht alles ergründen. Das mussten Experten erkennen, als sie vor der 500 Jahre alten Bronzeglocke im Faulen Turm der Freiberger Petrikirche standen. Bis ins letzte sei nicht zu erklären, warum die kunsthistorische Rarität, die 1487 in der berühmten Freiberger Hilliger-Werkstatt gegossen wurde, in jüngster Zeit Schaden genommen hat.

Am gestrigen Donnerstag nun rückten ein Spezialkran und Mitarbeiter der Heidenauer Glockenläute- und Elektroanlagenfirma an, um Material und Werkzeuge in den Turm der am höchsten gelegenen Freiberger Kirche zu bringen. Die große, knapp vier Tonnen schwere, und die mit zwei Tonnen kleinere Hilliger-Glocke werden im Glockenstuhl abgenommen und etwa einen Meter tiefer abgesetzt. Das ist notwendig, weil das Geläut neue Joche - das sind die Holzkonstruktionen zur Befestigung der Glocken - und neue Klöppel erhalten soll, wie Andreas Thumsch, Geschäftsführer der Heidenauer Firma, erklärt.


Und das, obwohl erst vor reichlich 14 Jahren Glockenstuhl, Joche sowie Klöppel erneuert wurden. Alles schien gut danach. Die große und die kleinere Glocke von 1570 erklangen in warmen Tönen. Umso ratloser waren alle Beteiligten, als Experten bei der jährlichen Inspektion 2016 laut Kirchvorsteher Wolfram Thiemer in der großen Glocke eine gerissene Schweißnaht an einem aufgebrachten Metall feststellten - dort, wo der Klöppel anschlägt.

Untersuchungen und Materialanalysen folgten. Eine eindeutige Ursache zu ermitteln, war laut Christian Schumann, Beauftragter für Glocken bei der sächsischen Landeskirche, aber schwer möglich. Eventuell habe der neue Klöppel einen höheren Verschleiß an der großen Glocke verursacht. Möglicherweise hängt sie auch in einem nicht richtig dimensionierten Eichenjoch, mutmaßte der Sachverständige schon 2017. Denn über die Jahre trockne das Holz und verliere an Gewicht. Auch Andreas Thumsch spricht von Rissen im Joch. Sind die Glocken nun abgenommen, soll es kommende Woche alles entscheidende Bemessungen für die neuen Joche geben. Dann werde mit Professor Olaf Kempe von der Dresdner Hochschule für Technik und Wirtschaft ein Experte für Baukonstruktion und Holzbau dabei sein. Nach den Worten von Andreas Thumsch sollen zudem die neuen Klöppel nach mittelalterlichem Vorbild eingebaut werden. Sie seien leichter. Damit würde zwar der Klang etwas leiser, doch schonten sie beim Anschlag die Glocke. Die gerissene Naht an deren Schlagring soll aber nicht ausgebessert werden, denn für Schweißarbeiten müsste das bronzene Stück aus dem Faulen Turm gehoben werden, was nicht geplant ist. Die Sanierung koste circa 50.000Euro, die Kirchgemeinde bringt 5000Euro davon auf, den Löwenanteil finanziert die Landeskirche.

Voraussichtlich im September sollen Joche und Klöppel eingebaut werden. Zum Erntedankfest im Oktober, so hofft die Kirchgemeinde, werde das Glockengeläut der Petrikirche wieder zu hören sein.


Hilliger-Glocken zu Freiberg

Von den 560 aus der Werkstatt der Glockengießerfamilie Hilliger gelisteten Glocken existieren noch 184 Exemplare. Für die Freiberger Kirchen, den Dom, das Rathaus, das Museum und weitere Einrichtungen wurden 26 Glocken gegossen, sieben zwischen 1469 und 1570 allein für Petri.

Die Familie besaß mindestens vier Gießstätten in Freiberg. Von der ersten ist nichts bekannt. Die zweite befand sich am Petriplatz/Ecke Waisenhausstraße, die dritte vor dem Peterstor nahe Albert-Park. Sie bestand von 1537 bis 1643. Die letzte Gießstätte wurde in der Petersstraße 40 errichtet.

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