Der Brexit zeigt hier schon Wirkung

Noch 60 Tage, dann wollen die Briten die EU verlassen. Die IHK schätzt, dass etwa 1000 Unternehmen in der Region davon betroffen sind. Eine Geschäftsfrau aus dem Kreis erzählt.

Freiberg.

Mehr als 1100 Kilometer liegen zwischen Freiberg und London, der Hauptstadt Großbritanniens. Der Brexit scheint weit weg, dabei ist er näher, als man denkt.

Eva-Maria Halang aus Freiberg hat jahrelang sehr intensive Geschäftsbeziehungen nach Großbritannien gepflegt. Mit ihrem Mann führt sie ein Geschäft für Westernbedarf, das sich heute auf die Herstellung von historischen Zelten spezialisiert hat. Ob Römer, Mittelalter, Barock oder Wikinger: Auf Kundenwunsch fertigen sie Zelte und Tipis für verschiedene Anlässe oder Räume. Anfragen kommen aus der ganzen Welt. "In Großbritannien gibt es eine relativ große historische Szene und mehrere große Messen, wo Händler zusammenkommen und historische Sachen wie Stoffe, Sattel, Werkzeuge, Hüte, Schuhe, Nadeln verkaufen", erzählt sie. Geschichte nachstellen und erlebbar machen, dafür arbeitet das Ehepaar mit zwei Näherinnen. Jahrelang fuhren sie zweimal im Jahr zu sogenannten Shows, trafen Bekannte, netzwerkten, machten Geschäfte.

Doch seit sich im Juni 2016 knapp 52 Prozent der Teilnehmer an der Volksbefragung für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU entschieden haben, "ging es rapide abwärts", so Halang. "Die Briten sind vorsichtiger geworden. Statt nach außen zu gehen, bleiben sie nun lieber bei einheimischen Partnern", schildert sie. Der Export von Zelten "made in Freiberg" nach Großbritannien sei kaum noch der Rede wert. Etwa 20 Prozent des Umsatzes seien dadurch weggebrochen.

Die Freiberger Zeltwerkstatt ist nicht das einzige Unternehmen, das neue Wege sucht. Die Industrie- und Handelskammer Chemnitz schätzt, dass im Kammerbezirk Chemnitz (dazu zählt auch Mittelsachsen) etwa 200 bis 300 Unternehmen direkt und 700 bis 800 Unternehmen indirekt vom Brexit betroffen sind. Zudem haben aktuell 15 britische Unternehmen ihren Sitz in Mittelsachsen. Auch für sie werde der Brexit Folgen haben, teilt Annette Schwandtke, Geschäftsführerin der IHK-Regionalkammer Mittelsachsen, mit. Sie erklärt: Die schleppenden Verhandlungen und die fehlende Ratifizierung eines Abkommens mit Großbritannien bringen Planungsunsicherheit für die Unternehmen und verhindern Investitionen. Bei einem ungeordneten Brexit fällt für Unternehmen die Freizügigkeit für den Waren-, Personen- und Dienstleistungsverkehr weg, die durch den Binnenmarkt bislang garantiert werden. Ein No-Deal-Brexit bedeutet Bürokratiebelastung und Mehrkosten für die Unternehmen.

Besonders betroffen sind in Sachsen der Fahrzeugbau und der Maschinenbau, die Zulieferindustrie, Metallbe- und Verarbeitung und Dienstleister. "Wie sich die Betroffenheit der Unternehmen aber genau äußern wird, lässt sich aufgrund der unklaren Situation gar nicht sagen", so Schwandtke.

Frank Dörfelt ist Geschäftsführer der Spedition Steinert in Brand-Erbisdorf. Er spürt den sich anbahnenden Brexit direkt: "Wir fahren jetzt verstärkt in Richtung Großbritannien, weil alle noch mal Waren bestellen, bevor sich dann die Zollbestimmungen ändern", erklärt er. 26 Lastwagen gehören zur Spedition, täglich sind sie unterwegs, auch um Waren aus dem Erzgebirge zu exportieren. "Vorher sind wir selten dorthin gefahren. Nach dem Brexit werden wir noch seltener hinfahren", vermutet Dörfelt.

Einen direkten Draht zu den Briten hat die Freiberger Pama Paper Machinery GmbH: Das schottische Unternehmen Wollard & Henry aus Aberdeen ist mit 50 Prozent an der Pama beteiligt. "Wir machen auch Geschäfte mit Firmen in Großbritannien, aber direkt spüren wir noch keine Auswirkungen. Wir lassen das auf uns zukommen", erklärte Einkaufsleiter Thomas Höhne.

Robert Hegewald, Geschäftsführer zweier Firmen im Bereich Medizintechnik, beobachtet die Entwicklungen in Großbritannien genau. Auch er hat Kunden im Vereinigten Königreich. "Wenn die Handelsbarrieren erhöht werden, wäre das in jedem Fall nachteilig. Aktuell ist aber noch gar nichts klar", sagt er.

Drei Jahre ist das Referendum nun her. Eva-Maria Halang hat nicht aufgehört zu netzwerken. Sie verschickt Zelte innerhalb Deutschlands, aber auch in die Niederlande, nach Mexiko, Portugal, Australien und USA. "Überall muss man die Eigenheiten des Zolls kennen", sagt sie. Zudem hat sie an einem Onlinemarketing-Wettbewerb der Internationalisierungsoffensive Sachsen mitgemacht. Die Idee: Internationale BWL-Studenten von der Uni Leipzig entwickeln gemeinsam mit sächsischen Firmen Marketingstrategien für den ausländischen Markt. Dabei haben sich Studenten aus Südamerika und Südostasien mit ihrer Internetpräsenz beschäftigt. "Der Effekt der Kampagne lässt sich nicht messen. Aber es hat Spaß gemacht, und wir haben danach drei Tipis nach Portugal verkauft", sagt Halang.

Checkliste Die IHK stellt auf ihrer Webseite für Unternehmer eine Brexit-Checkliste bereit: www.ihk.de/brexitcheck

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