Ein Fahrrad voller Hühner

In einem nordafrikanisch geprägten Stadtteil von Nizza kümmert sich Pauline Listner aus Brand-Erbisdorf um Migrantenkinder. Jetzt hat sie sich selbst ein Bild gemacht - und reiste nach Marokko.

Nizza/Brand-Erbisdorf.

Herr Maier kommt von der Urlaubsreise an den Stammtisch zurück. Er berichtet: "Plötzlich wurde ich mitten in der Wüste von Marokkanern eingekreist. Vor mir Marokkaner, neben mir Marokkaner, hinter mir Marokkaner." - "Und, was haste getan?" - "Ich habe den Teppich gekauft!"

Oh ja, so ähnlich geht es in Marokko tatsächlich zu! In dem Viertel von Nizza, in dem ich arbeite, gibt es zwar auch viele Marokkaner, aber auf der zehntägigen Reise durch Marokko, die wir als Mitarbeiterteam in den Herbstferien unternommen haben, durfte ich noch viel mehr über die nordafrikanische Kultur lernen und sie hautnah miterleben. Wir reisten von Marrakesch über Ouarzazate bis nach Fes. Vollbeladene Esel mitten auf der Straße, wunderschön gestaltete Paläste, endlos viele Palmen und Olivenbäume, erstaunlich facettenreiche Landschaften und die trockene Wüste mit faszinierendem Sonnenauf- und -untergang waren zu sehen. Begeistert haben uns die arabischen Märkte, in der Landessprache "Souks" genannt, mit sehr aufdringlichen Händlern und Bergen von Gewürzen, Souvenirs, Kleidung und Teppichen. Wir sind auf Dromedaren geritten, haben Führungen durch Handwerksbetriebe, eine Nacht in der Sahara, lange Fahrten durch Gebirge, egal ob bei Trockenheit oder Regen, und durch Wüsten mit Oasen erlebt, sogar schneebedeckte Gipfel gesehen.

Besonders genossen habe ich den Duft von Gewürzen und Kaktusrosen, frische Granatäpfel und Datteln, die warme Sonne auf der Haut, den typischen Minztee, Couscous und Tajine - ein Gericht in traditionellem Tontopf zubereitet - und natürlich den marokkanischen Whiskey (alkoholfrei, denn es ist Safrantee). Neben diesen schönen Eindrücken gab es auch komische Situationen: Besonders nordafrikanische Kulturen sind dafür bekannt, dass den Einwohnern Beziehungen wichtiger sind als Genauigkeit. So kam es, dass wir nach dem Mietwagenverleih gesucht und einige Männer nach dem Weg gefragt haben, aber jeder hat uns in eine andere Richtung geschickt. Sie wussten den Weg nicht, aber um uns nicht zu enttäuschen, haben sie sich eine Antwort ausgedacht. Oder: Auf einem der Märkte hat mich auf Französisch ein Einheimischer gefragt: "Madame, est-ce que vous avez besoin d'un mari?" ("Brauchen Sie einen Ehemann?") Gut, dass ich mir sicher war, dass ich ihn nicht heiraten will und ihn einfach ignoriert habe. Es ist wirklich so wie in dem Witz: Viele Marokkaner sind aufdringlich, vor allem wenn es ums Geschäft geht.

Was mich sehr fasziniert hat, war, dass noch so viel von Hand hergestellt wird. Der Schmuck, die Tücher und Teppiche, die Lederwaren. Und wie viel einfacher die Menschen leben: Die Toiletten sind oft nur Löcher mit Trittbrett, die Häuser sind klein und haben nur ein Flachdach, Esel sind wahrscheinlich häufiger Transportmittel als Autos, aber trotzdem sind die Marokkaner sehr gastfreundlich und herzlich. Fleisch wird dort immer ganz frisch verwendet. So haben wir einmal ein Fahrrad voll mit lebendigen Hühnern gesehen, die daran gebunden waren!

Mal schauen, ob uns - zurück in Nizza - die neuen Kenntnisse helfen, die Familien besser zu verstehen.

freiepresse.de/aufmission

 

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