Geniales Bauwerk mit super Ausblick

Stünde die Frage nach dem schönsten Aussichtsturm in Sachsen, hätte Nossen gute Chancen auf einen vorderen Platz. Auf dem Hausberg der Muldestadt kann man jetzt mühelos einen Baum besteigen - bis in die Krone in 24 Metern Höhe.

Nossen.

Etwas irritiert stehen Radfahrer auf dem Mulderadweg in Nossen genau an der Stelle, wo die B 101 und damit auch der Radweg Richtung Meißen abzweigt. Ihre Blicke richten sich suchend nach oben. "Hier soll es einen neuen Aussichtsturm geben, aber wir sehen ihn nirgends?", fragt einer der Radfahrer. Die Gruppe ist aus Freiberg immer der Beschilderung entlang der Freiberger Mulde stromabwärts gerollt. Hätten die Radler kurz vor Nossen, am Sportplatz oder an der anschließenden Gartenanlage gestoppt, hätten sie linker Hand hoch oben zumindest die Aussichtsplattform des Turms ausmachen können.

Für Radfahrer auf dem Mulderadweg liegt der Turm alles andere als ideal, beschildert ist der Weg von hier aus auch nicht. Vielleicht, weil die fast 100 Höhenmeter von der Mulde hoch durch die Innenstadt nur E-Bike-Fahrern oder Mountainbikern zuzumuten sind. Erst am oberen Ende des Marktes weist ein Schild den Weg zum "Parkplatz am Rodigtturm". Da der nur fünf Fahrzeugen Platz bietet, ist es ohnehin ratsam, das Ausflugsziel besser zu Fuß anzusteuern und auch das Rad zum Beispiel am Markt oder unten an der Mulde abzuschließen. Gut kommt man per pedes auch von Siebenlehn auf dem Siebenlehner Weg dorthin, vorausgesetzt, man findet in der Nähe des Romanusbades die kleine Unterführung durch die A4. Auf diesem Höhenwanderweg liegt das Ziel fast immer vor Augen.

Sachsen und seine Mittelgebirge warten mit vielen schönen Aussichtstürmen auf - alten wie neuen. Der Rodigtturm von Nossen dürfte wegen seiner Lage in nur 304 Metern Höhe seinen großen Brüdern auf dem Erzgebirgskamm nie den Rang streitig machen. Was aber seine Optik angeht, hätte er gute Chancen auf einen Titel wie "Mister Turm". Nicht nur die Farben überraschen. Noch mehr aus der Reihe fällt die Form. Der 30 Meter hohe Turm wurde in Anlehnung an einen Laubbaum gestaltet, in dessen Geländer aus gelaserten Lochblechen sich die Walnussblätter aus dem Stadtwappen von Nossen wiederfinden. 135 Stufen führen über 14 Zwischenpodeste bis in 24 Meter Höhe, wo sich die Aussichtsplattform quasi in der Baumkrone befindet. Sie ist so groß, dass man selbst in Coronazeiten den Mindestabstand zu anderen Schaulustigen problemlos einhalten kann. Und sie bietet einen grandiosen Rundblick über weite Teile Mittelsachsens, obwohl der Turm selbst im Landkreis Meißen liegt. Treppe, Zwischenpodeste und Aussichtsterrasse ruhen auf dem braunen Baumstamm und seinen Ästen.

"Man muss den Stadträten danken, dass sie sich bei der Abstimmung für diese Turmvariante entschieden haben. Damit besitzen wir etwas Einzigartiges", schwärmt ein Einheimischer, für den der Turm Teil seiner wöchentlichen Fitnessrunde ist. Zwei Varianten hätten 2018 zur Diskussion gestanden. Diese moderne, innovative sowie eine klassische, die sich an das historische Vorbild anlehnte.

Denn Nossen besaß schon zweimal einen Aussichtsturm auf dem Rodigtberg. 1869 hatten naturverbundene Bürger einen "Verschönerungsverein" gegründet, der unter anderem Wanderwege anlegen und Bäume pflanzen sollte. In den 1870er-Jahren errichten sie auf dem Rodigt einen kleinen hölzernen Turm, der aber schon nach wenigen Jahren Wind und Wetter zum Opfer fiel. Anfangs wurde er noch ständig repariert, dann vollständig abgerissen. Doch damit hatte sich das Thema Turm für die Nossener nicht etwa erledigt. Die Heimatfreunde sammelten auf Benefizveranstaltungen Geld. 1200 Goldmark kamen für einen neuen, nunmehr eisernen Turm zusammen. Er wurde im Hammerwerk Obergruna konstruiert und gebaut. Im Frühjahr 1884 erfolgte auf dem Gelände der Firma an der Freiberger Mulde ein Probeaufbau. Wenige Wochen später wurde der Turm auf dem Rodigt eingeweiht.

Etwa 100 Jahre war er beliebtes Ausflugsziel, das in dieser Gegend keine Konkurrenz hatte. Da nach beiden Weltkriegen kaum Geld für die Werterhaltung floss, verfiel der Turm langsam. Kleine Sicherungsarbeiten konnten ihn nicht retten, sodass er in den 1970er-Jahren zunächst wegen Baufälligkeit gesperrt wurde. Auch nach 1990 scheiterten Pläne zum Neubau eines Turmes, obwohl es sogar Spendengelder gab. Ein Teil davon floss 1995 in den Marktbrunnen am Rathaus. Mittel, die aber ausdrücklich für den Turm bestimmt waren, wurden wohl verwahrt. Darunter auch 2000 Dollar eines ehemaligen Nossener Bürgers, der in den USA lebte.

Wegen völliger Durchrostung wurde der alte Turm schließlich 2006 abgerissen. 2013 scheiterte ein weiterer Versuch für einen Neubau. Erst als Nossen 2018 dem Klosterbezirk Altzella - mit insgesamt neun Ortschaften beitrat -, taten sich neue Fördermöglichkeiten aus dem Leader-Programm der EU auf. 80 Prozent der Kosten in sechsstelliger Höhe wurden aus diesem Topf finanziert. Der Rest wurde durch große Spendenbereitschaft von Firmen und Privatpersonen sowie aus dem Eigenanteil der Stadt gestemmt. Die Namen aller Spender kann man übrigens beim Aufstieg auf den Turm lesen. Ebenso eine Kurzfassung der spannenden Geschichte des Turms auf dem Rastplatz zu seinen Füßen.


Der Turm in Zahlen

Gesamthöhe: 29,9 Meter

Höhe der Aussicht: 24,3 Meter

Anzahl der Stufen: 135

Zwischenpodeste: 14

Material: Stahl verzinkt, Geländer aus Aluminium

Farben: Braun für Stamm und Äste, sechs Grüntöne für die "Blätter"

Verankerung: 12 Bohrpfähle in Stahlbetonfundamenten

Höhenlage: 304 Meter ü.NN

Baubeginn: 29. Juli 2019

Eröffnung: 25. April 2020. (gt)

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