Humboldt und das Welterbe der Vielen

Tausende haben am Samstag den Unesco-Titel gefeiert - und an den berühmtesten Absolventen der Bergakademie erinnert. Dabei wurde klar: Bergbautradition und -forschung werden bis heute von einem starken Netzwerk getragen.

Freiberg.

Wenn die Silberstadt feiert, ist sogar Alexander von Humboldt dabei - gespielt von Thomas Schmalz, dem Geschäftsführer des Studentenwerks Freiberg. Der Universalgelehrte reihte sich in die Berg-und Hüttenparade ein. Die Zeitreise "Auf Humboldts Spuren" war einer der Höhepunkte des Fests, das mit dem Großen Sächsischen Zapfenstreich samt Überreichung der Welterbe-Urkunde endete. Veranstalterin der Parade war die TU Bergakademie gemeinsam mit der Historischen Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft und der Gottfried-Silbermann-Gesellschaft.

Humboldt begrüßte die Zuschauer vor der "Alten Mensa". Dort hatte der Gelehrte bei seinem letzten Besuch im Juni 1828 übernachtet - damals im "Gasthof zum schwarzen Ross". Er freue sich, wieder hier zu sein "in dieser Stadt, die mir so viel gegeben hat".

Das Universalgenie absolvierte sein Studium 1791/92 in Rekordzeit. Und baute sich ein wertvolles Netzwerk auf. Allen voran Humboldts Lehrer, Gottlob Abraham Werner, der Begründer der wissenschaftlichen Geologie und Mineralogie zählte dazu. Zunächst ließ der Professor - Uwe Nitschke war in die Rolle geschlüpft - seinen Schüler vor dem Hauptgebäude der Bergakademie warten. Er sei oft zu spät gekommen, erzählte Humboldt. Dennoch hat der historische Humboldt Werners "vielumfassenden, ordnenden Geist" gelobt. Die Bergakademie bilde bis heute ihre Studenten aus, die drängenden Fragen der Zeit zu lösen, betonte Werner. In diesem Sinn gelte für den Unesco-Titel: "Das ist Anerkennung und natürlich auch Auftrag zugleich."

Zuletzt schloss sich Humboldts "innigster Freund" der Parade an, der spätere Berghauptmann Johann Carl Freiesleben, den Andreas Linthe verkörperte. Im Haus seiner Eltern in der heutigen Weingasse 2 hatte Humboldt gewohnt. Freiesleben erprobte später dessen Erfindungen, den Atemsack und Leuchter. Mit dem Chemiker Wilhelm August Lampadius zusammen hatte er über die "Mischung unterirdischer Luftgemenge" gearbeitet. Auch mit Ferdinand Reich, Entdecker des Elements Indium, hielt er Kontakt.

Freiberg ist kein Ort für Einzelkämpfer. Das wurde deutlich. Besonders, als Humboldt den versammelten Bergknappen "persönlich" seine Anerkennung für die lebendige Traditionspflege aussprach. Und "Studienfreund" Freiesleben brachte es auf den Punkt: "Nur, wer seine Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft."


Warum der Bergbau noch heute Bedeutung besitzt

Klaus Lehmann (62), Bergmann aus Altenberg in dritter Generation, ist nach dem Ruhestand dem Bergbau treu geblieben und macht im Bergbaumuseum in seiner Heimatstadt Führungen. "Der Welterbetitel bedeutet mir sehr viel." Seit bekannt ist, dass die Region den Titel erhält, stellen die Besucher mehr Fragen, wie er sagt. Die Ursprünge des Bergbaus würden genauso auf Interesse stoßen wie dessen Zukunft. Auch nach dem Beginn des nächsten Berggeschreys in Altenberg, werde gefragt. Im Ort könnte künftig Lithium abgebaut werden. Ein entsprechendes Projekt treibt die Deutsche Lithium GmbH aus Freiberg voran. (acr)
 


Ulla Schlutter (75), Rentnerin aus Freiberg, informierte sich im Zelt auf dem Obermarkt über die deutsch-tschechische Montanregion Erzgebirge. Die Präsentation schätzte die gelernte Bibliothekstechnikerin als ebenso vielseitig wie abwechslungsreich ein. Dass die Region und damit Freiberg zum Weltkulturerbe zählt, empfindet sie als Bereicherung. "Das ist sehr gut für die Region", sagt sie. "Ich finde es schön, dass dies auch grenzübergreifend ist." Vor einiger Zeit hat Ulla Schlutter während des Studium generale Vorlesungen zum Welterbe gehört. Professor Helmuth Albrecht habe damals mit viel Herz und Verstand darüber gesprochen und sich für das Projekt stark gemacht. (acr)


Stefan Nitzsche (32), wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Bergakademie aus Freiberg, findet, dass das Erzgebirge auch "so schon schön" und für Ausflügler und Tagestouristen auf jeden Fall eine Reise wert ist. Mit der Titelverleihung besitzt die Gegend fortan auch international Strahlkraft. Stefan Nitzsche spricht von einem "Aushängeschild". Dadurch dürften mehr Menschen als bisher auf die Montanregion mit ihrer vielseitigen Kultur und ihrer reizenden Landschaft aufmerksam werden und hierherkommen. Und für die Menschen, die hier leben, sei der Titel eine Bestätigung, wie der junge Familienvater bemerkt. (acr)


Heidi Petzold (71), Vorstandsmitglied im Verein IV. Lichtloch des Rothschönberger Stollns mit Sitz in Reinsberg, erklärte im Zelt den Gästen auch die seit Herbst 2017 und bis Frühjahr 2020 andauernden Arbeiten im Schacht. Unter anderem werden laut der Freibergerin alle Fahrten, Ruhebühnen und tragende Unterbauten erneuert. Kosten: rund 1,6 Millionen Euro. "Das Interesse war sehr gut." Die bergbautechnischen Anlagen sind laut Petzold "eine wichtige Nachfolgeeinrichtung" und sollen daher für die Nachwelt erhalten und dieser nahegebracht werden. Der Stolln sei für die Entwässerung der ehemaligen Grubenreviere Brand-Erbisdorf, Freiberg und Halsbrücke auch heute von Bedeutung. (acr)


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