Jetzt ist jeder Tag wie Wochenende

Die Wohneinrichtungen der Freiberger Diakonie sind bislang vom Virus verschont geblieben. Dennoch ist manches anders.

Freiberg.

Es herrscht eine Art entspannter Ruhe im Kretzschmarstift an der Hainichener Straße in Freiberg. In der Wohnstätte des Diakonischen Werks leben 60 erwachsene Menschen mit einer geistigen und/oder Mehrfachbehinderung mit unterschiedlichem Hilfebedarf. 44 weitere werden in Außenwohngruppen betreut.

Gleich neben dem Kretzschmar-stift befinden sich die Werkstätten der Diakonie, in denen unter normalen Umständen 320 Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen einer meist handwerklichen Arbeit nachgehen. Auch hier ist es derzeit still, denn die Werkstätten mussten als Maßnahme gegen die Ausweitung der Corona-Pandemie geschlossen werden. Nur einige wenige arbeiten hier noch. Es gebe eine Art Notbetrieb für solche Menschen, die bei Angehörigen leben, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, aber auch für solche, die an der häuslichen Isolation kaputt gehen würden, sagt Sandra Scheich, Wohnleiterin des Diakonischen Werks Freiberg.

Von der momentanen Situation können auch die Wohnstätten nicht unberührt bleiben. Doch gehen vor allem die Bewohner des Kretzschmarstifts recht gelassen damit um. Es sei ein wenig wie zusätzlicher Urlaub für sie, sagt Sandra Scheich. "Sie können wie am Wochenende jeden Tag ausschlafen und es gibt keinen Zeitdruck", schildert sie die derzeitigen Abläufe. Die mehr als 80 Mitarbeiter tun außerdem alles, um hier wie in den Außenwohngruppen für eine gute Atmosphäre zu sorgen - trotz aller Schwierigkeiten.

Doch gibt es unvermeidliche Abänderungen. So sind etwa die Kollegen der Tagesbetreuung jetzt bestimmten Wohngruppen zugeteilt und wechseln nicht mehr. Man geht täglich gemeinsam spazieren, nicht selten durch den angrenzenden "Sinnesgarten", der momentan entsteht und der ein zusätzlicher Ruhepol für die Bewohner werden soll. Da die Wohnungen nun tagsüber seltener leer sind, gibt es deutlich weniger Zeit, um sie zu reinigen und aufzuräumen. Doch wird all das ohne große Aufregungen geschafft. "Ich ziehe den Hut vor den Mitarbeitern, wie die das machen", so Sandra Scheich.

Der Küchenbetrieb in den Werkstätten nebenan läuft indes mit teilweise anderen Aufgaben weiter. "Wir haben einen diakonieinternen Versorgungsdienst eingerichtet", erklärt Scheich. Damit die Bewohner nicht selber einkaufen gehen müssen, wird über die Werkstätten beim Großhandel alles besorgt, was benötigt wird, um dann an die Außenwohnbereiche geliefert zu werden. Dort kommt es öfter als im Kretzschmarstift durchaus zu Unruhe. "Sie reagieren mit Besonderheiten im Verhalten und sie fordern zunehmend Normalität ein", berichtet sie. Die dort lebenden Menschen müssen nicht rund um die Uhr betreut werden, doch fehlt ihnen vor allem die Arbeit.

Sorgen macht der Wohnleiterin vor allem der stark eingeschränkte Kontakt der Bewohner zu ihren Angehörigen. "Es gibt jetzt viel mehr Telefonate als vorher", sagt sie. "Ostergeschenke konnten nur außerhalb der Anlage an die Mitarbeiter übergeben werden." Die Einschränkungen würden zwar akzeptiert, das mache die Situation aber nicht einfacher. Manchmal kommt Abwechslung von ganz anderer Seite. Im März etwa gaben Mitglieder des Freiberger Stadtchores auf dem großen Platz vor dem Kretzschmarstift mit gebührendem Abstand ein kleines Konzert. Die Freude bei den Bewohnern auf dem Balkon und an den Fenstern war riesig.

Bislang, so Sandra Scheich, gibt es in der gesamten Diakonie noch keinen Fall von Corona. Doch gibt man sich deshalb noch lange nicht einer trügerischen Sicherheit hin. "Wir haben die nötigen Quarantäne-Pläne in der Tasche", versichert die Wohnleiterin. An die Bewohner in den Außenbereichen habe man zudem Mundschutz verteilt. Im Kretzschmarstift selbst, wo jetzt jeder Tag wie ein Wochenende ist, genießen alle die aufgenötigte Gelassenheit. Und die Mitarbeiter geben ihr Bestes, damit es auch so bleibt.


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