Müdisdorf bekommt Glockenklang zurück

Nachdem das Türmchen auf dem Feuerwehrdepot saniert ist, wird nun auch wieder geläutet. Handarbeit ist dafür aber nicht mehr notwendig.

Müdisdorf.

Vorweihnachtliche Stille liegt über Müdisdorf. Eine dünne Schicht Schnee hat sich an diesem Tag wie Zuckerstaub über die Häuser des Ortsteils der Gemeinde Lichtenberg gelegt, deckt seine Felder und Wiesen zu. Nur wenige Autos unterbrechen mit ihren brummenden Motoren die Ruhe, eine Ruhe, welche für viele Müdisdorfer sieben Jahre lang eher beklemmend war. Denn es fehlte ihnen etwas: das Läuten einer Glocke, was bei den meisten Dörfern einfach dazu gehört. Das wird sich schon kommenden Sonntag ändern.

Natürlich hatte Müdisdorf jahrzehntelang eine Glocke. In dem 1856 fertiggestellten Schulgebäude befand sie sich oben in einem Türmchen über der Uhr. "Das Besondere ist nämlich, dass Müdisdorf einst keine Kirche besaß, nicht einmal einen Friedhof", erzählt Samuel Weber, Pfarrer der Kirchgemeinde Lichtenberg. "Zumindest nicht bis in die 1950er-Jahre hinein." Die Einwohner mussten immer über den Hügel ins benachbarte Helbigsdorf in die Kirche gehen, was zu immer größerem Unmut führte.

Also wurden die Müdisdorfer selbst aktiv. Sie sammelten im Laufe der Geschichte zweimal Geld, damit ein Friedhof angelegt werden konnte. Doch der Verfall der Währung nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg machte das Vorhaben zunichte. Und so kam es, dass ausgerechnet ein SED-Bürgermeister dafür sorgte, dass 1953 nicht nur ein Friedhof, sondern auch eine kleine Holzkirche und eine Totenhalle gebaut wurden.

"Wie der damalige Pfarrer Gerhard Schubert war auch dieser Bürgermeister ein Vertriebener", berichtet Samuel Weber. "Das verband die beiden, und sie konnten wohl gut miteinander."

Eine Glocke hatte aber in der Kirche keinen Platz, und so schlug man eben das Schulgeläut, welches nur rund hundert Meter entfernt ist, bei Beerdigungen oder Taufen. Viele Jahre lang übernahm vor allem der Müdisdorfer Hans Hennig diesen Dienst per Hand. 2011, damals 88 Jahre alt, musste er aber aus Altersgründen aufhören.

In der Zwischenzeit war aus der früheren Schule das Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Weigmannsdorf-Müdisdorf geworden. Und nun sollte die Glocke eine Elektrik erhalten, die die Muskelkraft ersetzt. Fachleute kletterten auf den Turm und mussten feststellen, dass die Glocke besser gar nicht mehr geläutet wird. Der gesamte kleine Turm war so marode, dass die Standfestigkeit nicht mehr gegeben war. 2012 wurde die Glocke abgenommen und im Rathaus Lichtenberg eingelagert. Ob sie je in den Turm zurückkehren würde, war lange Zeit fraglich.

Bis vor rund einem Jahr bei der Gemeinde eine anonyme Spende in Höhe von 20.000 Euro einging, die ausdrücklich für die Sanierung des Glockenturmes verwendet werden sollte. Der Müdisdorfer Zimmerer Dietmar Fricke übernahm diese Arbeit und konnte sie vor wenigen Wochen beenden. Inzwischen hängt die Glocke endlich wieder an ihrem Platz. Knapp 30.000 Euro kosteten die Arbeiten. Die fehlenden 10.000 Euro steuerte die Gemeinde dazu.

"Es ist sehr gut angelegt", sagt Lichtenbergs Bürgermeisterin Steffi Schädlich. "Für die Müdisdorfer ist diese Glocke identitätsstiftend, und so etwas muss erhalten bleiben." Mit einem Schmunzeln fügt sie an, dass auch nie die Absicht bestanden habe, die Glocke einzuschmelzen.

Nun steht die Einsegnung der Glocke unmittelbar bevor: Am Gerätehaus am 3. Adventssonntag kurz vor dem 10 Uhr beginnenden Gottesdienst in der Müdisdorfer Kirche. Pfarrer Samuel Weber freut sich, dass die Stille in Müdisdorf durch Glockenklang wieder unterbrochen wird, auch wenn die Glocke, wie er betont, nicht der Kirche gehört. Dank Steuerung durch einen Computer läutet sie nun in der Früh, am Mittag und Abend sowie Silvester um Mitternacht und Ostern um fünf Uhr. Damit ist dann für die Müdisdorfer die beklemmende Ruhe vorbei.

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