Muss der Edelmetall-Dieb hinter Gitter?

Das Landgericht hat den Prozess gegen einen 29-Jährigen fortgesetzt. Er hat Material für nahezu 470.000 Euro verhökert.

Freiberg/Chemnitz.

Es wird eng für den jungen Mann aus dem Freiberger Umland, der sich gegenwärtig vor dem Landgericht Chemnitz wegen Edelmetalldiebstahls verantworten muss. Was er denn glaube, wollte der Vorsitzende Richter Bernd Bräunlich am Montag zum Schluss des zweiten Verhandlungstages von dem Angeklagten wissen, wie der Prozess für ihn ausgehen werde: "Haben Sie sich schon mal gedanklich damit befasst, dass Ihnen hier Strafvollzug droht?"

Der 29-Jährige hatte zugegeben, seinem Arbeitgeber rund 22,6 Kilogramm Platin und Rhodium gestohlen und an Edelmetallhändler für fast 470.000 Euro verkauft zu haben. Leugnen wäre auch wenig glaubhaft gewesen: Der Staatsanwalt hatte in der Anklageschrift exakt 148 Verkäufe von Platin-Rhodium-Legierungen in der Zeit von Juni 2014 bis Oktober 2017 aufgelistet. Bei jedem Deal hatte der junge Mann seine Ausweisdaten hinterlassen müssen.

Dabei waren auch die Aufkäufer in ein schlechtes Licht geraten - sie hatten nur den Platin-Preis bezahlt, obwohl das Material bis zu 20Prozent Rhodium enthielt, das je nach Marktlage deutlich teurer sein kann. Der Geschäftsführer der bestohlenen Firma hatte den Wert der Beute auf 650.000 Euro geschätzt. Er hatte zudem im Zeugenstand erklärt, dass Fachleute die Zusammensetzung des Materials genau ermitteln und daran erkennen könnten, dass es sich um Diebesgut handelte: "Die Legierungen werden nur in der Industrie verwendet und sind nicht in Schmuck oder ähnlichen Privatgegenständen zu finden."

Nach eigenen Angaben war der Angeklagte im Juni 2014 zunächst als Leiharbeiter in der Firma beschäftigt und ein Jahr später fest eingestellt worden. Er habe sich in unbeobachteten Situationen an Reststücken bedient, die wegen des hohen Materialwerts in einem vergitterten Bereich aufbewahrt wurden. Gelegenheit dazu hatte er, wie deutlich wurde, weil er wegen wiederholten Zuspätkommens gelegentlich länger arbeiten musste.

Die Probleme mit der Pünktlichkeit hatte der Angeklagte, der von seinen früheren Kollegen ansonsten vor Gericht als fachlich guter Arbeiter beschrieben worden war, mit seinem Crystalkonsum begründet. Die Droge, die ihn auch finanziell in die Bredouille gebracht habe, nehme er aber seit vier Jahren nicht mehr.

Die Diebstähle im Betrieb fielen offenbar erst auf, als sich der Angeklagte an Material bediente, das zwei Kollegen abgewogen zugeteilt worden war. So berichtete am Montag ein Zeuge, ihm sei eines Morgens im Juli 2017 aufgefallen, dass in seiner Schale zwei Streifen des teuren Materials fehlten. Das hätte ihn den Job kosten können, bejahte der heute 56-Jährige eine Frage des Gerichts; er sei erst im April 2017 als Leiharbeiter in die Firma gekommen. "Ich war dann Gott sei Dank aus dem Schneider", sagte der Mechaniker; er sei im Oktober 2017 in die Stammbelegschaft übernommen worden.

Der Angeklagte hatte auch seine Eltern in seine Straftaten hineingezogen. Auf deren Konto hatten die Edelmetall-Aufkäufer laut Anklage rund 35.000 Euro überwiesen. Das Konto des Sohnes sei zu dieser Zeit wegen Überziehung gesperrt gewesen, hieß es; zur Herkunft des Geldes habe er ihnen Märchen aufgetischt. Auch wenn die Mutter aussagte, sie habe mit dem Geld Schulden ihres einzigen Sohnes getilgt und ihm den Rest in bar gegeben, ist sie jetzt Einziehungsbeteiligte: Ein ihr gehörendes Grundstück wurde beschlagnahmt, um Rückzahlungsansprüche zu sichern.

"Was Sie Ihren Eltern angetan haben, können Sie nicht wieder gutmachen", schärfte der Vorsitzende dem Angeklagten ein. Auf die Frage nach seiner Vorstellung für ein Urteil hatte der Angeklagte geantwortet, dass diese Entscheidung bei der Kammer liege. "Die werden wir treffen", entgegnete der Vorsitzende, "darauf können Sie sich verlassen." Das Verfahren wird fortgesetzt.

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