Silberflauschig durch die Stadt

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Freiberg sucht nicht nur Nachwuchs in den Unternehmen. Stadtführer sind gefragt!

Was waren das noch für Zeiten! Selbst die nicht ganz Älteren werden sich daran erinnern, als sie als Schulabgänger von Firmentür zu Firmentür wetzten, nur um sich eine freundliche Absage nach der anderen einzuhandeln. Vorbei! So schnell wendet sich das Blatt. Heute wird den Jungspunden fast das Unternehmen hinterhergetragen, damit sie es bitte eines Blickes würdigen. Wer das nicht glaubt, sollte sich jenen Jahrmarkt der Angebote ansehen, auf denen sich Arbeitgeber um Nachwuchs bemühen.

Am heutigen Sonnabend macht die Ausbildungsmesse "Schule macht Betrieb" Station in Freiberg. Im Deutschen Brennstoff Institut stehen sie dann dicht an dicht, die Unternehmen und Institutionen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als tatsächlich interessierte junge Menschen, die nicht nur nach irgendeinem Job oder irgendwas mit Medien schauen. Und was es da nicht alles an Karrieren gibt. Von kraftvollem Handwerk bis zu sensibler Verwaltung, von robustem Bau bis verständnisvoller Pflege. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Und dennoch sucht man wohl eine Berufsgruppe dort vergebens. Was nicht daran liegt, dass sie langweilig oder uninteressant wäre. Schon gar nicht, weil sie nicht nachgefragt ist. Es geht um das vielfach unterschätzte Aufgabengebiet eines Stadtführers. Nach solchen Leuten hält nämlich derzeit die Freiberger Stadtverwaltung Ausschau, ruft in diesen Tagen sogar dazu auf, sich als solcher in den Dienst der touristischen Sache zu stellen.

Gut, zugegeben, steinreich wird man mit dem Job wohl nicht und auch die Aufstiegsmöglichkeiten sind, abgesehen von einem Besuch auf diversen Kirchtürmen, eher weniger attraktiv. Dafür aber erhält vor allem die Kreativität reichlich Auslauf. Denn mit der Bierführung durch den Braumeister Michael, der Silbermann-Exkursion an der Seite von Frau Poltermann und der Wanderung auf den Spuren der Ebertschen Hebammen-Romane gibt es zwar schon drei Erlebnisführungen durch die Stadt, und mit Silberschmaus, Laternen-Wanderung und den Brunnengeschichten kommen weitere hinzu, doch kann das doch noch nicht alles sein. Den Bewerbern um die Stadtführer-Posten stehen unzählige Möglichkeiten offen, und wer sind wir, dass wir nicht dazu auch den einen oder anderen Vorschlag zu machen hätten? Hier ein paar unverbindliche Anregungen:

Irgendwie fehlt noch etwas für die ganze Familie, sowas wie Wohlfühlfaktor gepaart mit haptischen Erlebnissen und so. Sie wissen eventuell, was gemeint ist. Wie wäre es deshalb, eine Führung anzubieten, bei der es von Spielplatz zu Spielplatz geht, wahlweise auch durch den Tierpark? Der Stadtführer selbst ist eingepackt in ein Kostüm aus silbern glänzendem Plüsch, als Kuschelkugel zum lieb haben, mit der vor allem die Kinder knuddeln können. Und das Ganze nennt sich dann "Silberflausch-Wanderung". Dagegen spricht lediglich ein Hitzesommer wie der vergangene, denn das kann man selbst dem engagiertesten Stadtführer nicht zumuten.

Gut kommt auch immer der Griff in die Historienkiste, die im Falle von Freiberg ja prall genug gefüllt ist. Eigentümlich, dass noch niemand auf die Idee kam, die "Kunz-von-Kauffungen-Abenteuertour" ins Leben zu rufen. Vielleicht, weil damit doch ein gewisses Risiko verbunden ist, immerhin nahm jener Schurken-Ritter seinerzeit ein recht abruptes Ende auf dem Obermarkt. Für einen Stadtführer, der zwangsläufig als Kunz auftreten müsste, gebietet sich deshalb ein gewisses Maß an Zurückhaltung, denn wenn er zu sehr mit seiner Rolle verschmilzt, könnte das schnell das Problem einer neuerlichen Vakanz auf diesem Posten aufwerfen.

Ohne Bergbau geht natürlich nix. Um den Erlebnisfaktor hochzuhalten, wäre es unerlässlich, die derzeit auf dem Untermarkt aufgetauchten Stolln, die bislang unbekannt waren, nicht wieder lieblos zu verfüllen, sondern offen zu lassen und so den Touristen die Möglichkeit zu geben, selbst einmal nach Erzen zu schürfen. Nach dem Motto "Buddeln unterm Untermarkt". Wer weiß, was dabei so alles ans Tageslicht gefördert wird: Silber, Gebeine oder vielleicht sogar die Kiste mit dem Bürgerhaushalt von 1799 mit zahlreichen tollen Anregungen? Und für jene archäologisch wie montanwissenschaftlich wertvolle Arbeit bezahlen die Führungsteilnehmer auch noch. Ein echter Geniestreich, wie?

Sie merken schon: Das Thema ist unerschöpflich. Und auch wenn nicht alles davon bierernst gemeint ist, so ist es doch immer noch besser, es fällt einem zu viel in Bezug auf eine Stadt ein als gar nichts.

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