Wenn die Stille unerträglich ist

Eltern, die ein Kind verloren haben, brauchen unendlich viel Kraft, um weiterzuleben. Wie sie das schafft, erzählt eine Mutter, deren Sohn bei einem Unfall starb. Der kommende Sonntag wird für sie ein besonderer Moment.

Freiberg.

Das eigene Kind ist gestorben, gegangen lange vor seiner Zeit. Herausgerissen nicht nur aus dem eigenen Leben, sondern auch aus dem seiner Freunde, seiner Familie. Das schwarzrissige Loch im Dasein, das urplötzlich entstanden ist, ohne eine Möglichkeit des Abschieds, ist wohl nirgendwo so groß wie im Herzen der Eltern. Die müssen nicht nur den Verlust erleben, sondern auch mit der unbeantwortbaren Frage weiterleben, warum das Kind, dessen Zeitspanne auf Erden eine spätere hätte sein sollen, vor ihnen gegangen ist. Niemand, dem dieses Schicksal, zurückbleibende Eltern sein zu müssen, erspart geblieben ist, kann die Wucht dieses Schicksalsschlages ermessen und die Kraft erahnen, die es braucht, um trotz allem weiter da zu sein.

Schmerz und Trauer sind zu Begleitern geworden, auch von Andrea Kießling. Im März 2017 erhielt sie die Nachricht vom Tod ihres geliebten Sohnes Sascha. Der damals 34-Jährige starb bei einem bis heute nicht vollständig aufgeklärten Autounfall, an dem er selbst keine Schuld hatte, in der Nähe von Regensburg. Dort lebte und arbeitete Sascha seit neun Jahren. "Er hatte begonnen, sich ein schönes Leben aufzubauen, hatte eine Freundin", sagt Andrea Kießling langsam. Man merkt ihr die Anstrengung an, die sie benötigt, um darüber zu sprechen. Doch sie will reden, sich nicht hinter einer stummen Trauer verstecken. "Er hatte seit einem Jahr eine neue Wohnung bezogen. Die mussten wir ausräumen." Das sei noch regelrecht unter Schock geschehen. Sie und ihr Mann hätten damals nur noch funktioniert. Das tiefe Loch kam nach der Beerdigung, als die Anspannung der Pflicht nachließ.

Wir sitzen im Haus von Angelika Johnigk in Freiberg. Sie ist Begleiterin in der Selbsthilfegruppe "Trauernde Eltern" der Freiberger Hospizgruppe des Diakonischen Werkes. An sie wandte sich Andrea Kießling, nachdem eine Psychologin es nicht schaffte, dass sie mit diesem neuen, ihr leer erscheinenden Leben zurechtkam. Seit März fährt sie nun regelmäßig vom heimatlichen Kleinopitz nach Freiberg.

An jedem ersten Mittwoch im Monat trifft sich die Gruppe in den Räumen der Diakonie an der Petersstraße. Inzwischen ist ihr die Gruppe zu einer Art zweiten Familie geworden. "Wichtig ist der Austausch, das sich gegenseitige Bestätigen", sagt Angelika Johnigk. "Alles im Leben ist durch das Geschehen mit einem Mal an eine andere Stelle gerückt." Jeder trauere anders, das müsse man akzeptieren. Doch gibt es viele Ähnlichkeiten, an denen man erkennen kann, dass man nicht alleine ist mit seinen Gefühlen, dass man diese zu teilen in der Lage ist.

Andrea Kießling gibt zu, dass es eine Zeit gab, in der sie nicht mehr habe leben wollen. Es sei unglaublich schwer gewesen, da durchzukommen. Ohne Hilfe wäre es wohl kaum zu schaffen gewesen. Inzwischen hat sie Wege gefunden, den Schmerz erträglicher zu machen, ihn zu kanalisieren. "Ich schreibe meinem Sohn jeden Tag, und seien es auch nur ein paar Zeilen", sagt sie. Auch besuche sie täglich sein Grab.

Schreiben, so Angelika Johnigk, sei eine besonders gute Art der Verarbeitung, werde man doch alle seine Gedanken los, nehme eine Art Kontakt auf. "Nicht wenige trauernde Eltern in der Gruppe tun das", erzählt sie. Briefe oder Gedichte, das sei jedem selbst überlassen. Einige solcher Texte werden am kommenden Sonntag vorgelesen. Dann findet ab 16 Uhr im Freiberger Dom St. Marien ein Gedenkgottesdienst für die verstorbenen Kinder statt. Eingerahmt von Musik, sprechen die Betroffenen von sich, ihrem Schmerz und dem Kind, das sie verloren.

Sowohl Eltern wie Andrea Kießling, als auch solche von Sternenkindern, also Babys, die vor, während oder im ersten Jahr nach der Geburt gestorben sind, werden dabei sein. In der Mitte des Gottesdienstes werden Kerzen in Gläsern, auf denen der Name des jeweiligen Kindes steht, nach vorne gebracht und entzündet. Ein sehr bewegender Moment, wie Angelika Johnigk sagt.

Andrea Kießling ist zum ersten Mal dabei und wird ebenfalls das Wort ergreifen. Es ist Teil eines Weges, für den sie die Kraft aufgebracht hat, und den sie weitergehen will, auch um anderen, die in einer vergleichbaren Situation sind, Mut zu machen.

Stille, sagt sie, sei ihr seit Saschas Tod unerträglich geworden. Die Nacht und mit ihr der Schlaf machen ihr Angst. Erst ganz spät, nach Mitternacht, gehe sie nun zu Bett. Zweimal nur habe sie seit dem Unfall von ihrem Sohn geträumt, erzählt sie. Einmal habe er mit ihr geredet, das andere Mal sei er stumm geblieben. Das ist schon eine Weile her. Und sie sagt mit leiser Stimme: "Mein einziger Wunsch ist, dass er mich im Traum wieder einmal besucht."

Kontakt Nähere Informationen und Hilfe bietet das Diakonische Werk Freiberg, Freiberger Hospizgruppe, Selbsthilfegruppe Trauernde Eltern, Petersstraße 46, 09599 Freiberg, Telefon 03731 482290, E-Mail hos-piz@diakonie-freiberg.de. Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder am Sonntag, 8.Dezember, 16 Uhr im Freiberger Dom. Betroffene Eltern sind willkommen.

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