Unentdeckte Orte: Erkunden Sie die Spinnmühle in Wolkenburg

Die Fabrik im Herrenhaus ist eines der interessantesten Industriedenkmale in Sachsen. Was aus ihm werden soll, steht in den Sternen. Jetzt macht das Haus erst mal Filmkarriere. Gehen Sie mit uns auf Video-Entdeckertour.

Wolkenburg.

Das soll das älteste noch erhaltene Fabrikgebäude Sachsens sein? Das mag man kaum glauben, wenn man vor dem dreistöckigen Gebäude in Wolkenburg steht. Zwar sieht man dem Haus mittlerweile durchaus sein Alter von über 200 Jahren an. Das liegt aber eher daran, dass es seit rund 20 Jahren leer steht. Einige Fenster sind zugemauert, an vielen Stellen bröckelt der Putz. Davon abgesehen erinnert das Gebäude an der Herrnsdorfer Straße dennoch eher an ein Herrenhaus als an eine Fabrik.

"Errichtet wurde die Spinnmühle etwa 1795 bis 1799", sagt Reinhold Kaminsky, Wolkenburger Gästeführer. Es entstand also ganz am Anfang der Industrialisierung in Sachsen - ziemlich gleichzeitig mit zwei Spinnereien in Chemnitz, die heute aber nicht mehr stehen. Damals wusste man schlicht nicht, welche Architektur für eine Spinnerei am besten funktioniert. Also orientierte man sich an Bekanntem. In England waren das massiv gebaute Arbeitssäle mit flachem Walmdach. In den schneereichen Tälern des Erzgebirgsvorlandes erwiesen sich die Flachdächer jedoch als ungeeignet. Und so experimentierte man mit Fachwerkbau oder eben mit dem Herrenhausstil.

Bauherr der Wolkenburger Spinnmühle war Detlev Carl Graf von Einsiedel - sächsischer Konferenzminister und Unternehmensgründer. Er interessierte sich aber auch für Landwirtschaft, hatte unter anderem Merinoschafe aus Spanien nach Sachsen geholt - und wollte in Wolkenburg deren Wolle verarbeiten. Also beauftragte er Johann-August Giesel mit dem Bau der Spinnmühle - und damit eben jenen Architekten und Hofbaumeister, der ein Vertreter des französischen Klassizismus war und seit 1794 die Neue Kirche in Wolkenburg errichtete. Im gleichen Stil entstand dann auch die Spinnmühle.

Durchgesetzt hat sich dieser Baustil für Fabrikgebäude nicht. "Für unseren Ort ist das aber durchaus ein Glücksfall", sagt Gästeführer Kaminsky. Er kann seinen Besuchern nämlich heute auf kleinster Fläche ein ganzes Ensemble klassizistischer Baukunst vorstellen - angefangen vom Schloss, das unter Detlev Carl von Einsiedel wesentlich baulich verändert wurde, über den Schlosspark, in dem Eisenkunstguss von überregionaler Bedeutung zu bewundern ist, bis hin zur Neuen Kirche, die als stilreinste klassizistische Kirche Sachsens gilt, und eben auch die Spinnmühle. "Unsere Gäste sind immer ganz begeistert", sagt Reinhold Kaminsky.

Gern würde er sie auch in die Spinnmühle hineinführen, denn deren Geschichte ist spannend. Erst wurde - unter neuen Besitzern - die Produktion von Schaf- auf Baumwolle umgestellt. Im Laufe der Zeit löste eine Dampfmaschine das anfangs genutzte Wasserrad ab. Mit der industriellen Entwicklung wurde im großen Maßstab angebaut. Bis 1944. Da legten die Nazis die Spinnerei still und machten das Objekt zu einem Außenlager des KZ Flossenbürg. Nach dem Krieg kehrten die Webstühle zurück - bis 1963 die gesamte Produktion dann auf Malimo umgestellt wurde. Die Weberinnen und Weber erlernten das neue Näh-Wirk-Verfahren. 200 Frauen und Männer haben zu DDR-Zeiten hier im Drei-Schicht-System gearbeitet. Zu der Zeit wurde auch das Ursprungshaus mit Werkswohnungen belegt. 2008 kam der nächste Einschnitt: Der Großteil der alten Spinnerei/Weberei wurde abgerissen. Nur das klassizistische Ursprungshaus konnte dank der Intervention des Wolkenburger Heimatvereins gerettet werden. Heute steht es unter Denkmalschutz. Wer das Glück hat, in das Haus schauen zu dürfen, der kann noch sehen, wie die Menschen zu DDR-Zeiten hier wohnten. In vielen Räumen stehen alte Öfen, Blümchentapete hängt an den Wänden, in einem Zimmer steht noch eine Badewanne samt elektrischem Heizkessel. Es gibt aber auch noch das originale Treppengeländer und klassizistische Türen mit den typischen Muschelsymbolen. Für Denkmalschützer ein Eldorado.

Doch dieses Eldorado ist bedroht: "Wenn hier keine Nutzung reinkommt, ist das Haus nicht zu halten", sagt Reinhold Kaminsky. Ideen, wie das Gebäude zu nutzen wäre, gibt es durchaus, sagt Ortsvorsteherin Annett Groh. Im Erdgeschoss wäre eine Tagespflegeeinrichtung denkbar. Im ersten Obergeschoss könnten ein kleines Informationszentrum und der Gemeindeversammlungsraum Platz finden. In das zweite Obergeschoss würden gern Vereine einziehen und im 3. Obergeschoss wären kleine Wohneinheiten denkbar - für Radtouristen oder Pilger. Schließlich führen der Muldenradweg und der Lutherweg durch Wolkenburg.

Doch die Stadt Limbach-Oberfrohna, zu der Wolkenburg gehört und die Eigentümerin des Hauses ist, hebt die Hände: Der Sanierungsbedarf ist zu groß, heißt es aus dem Rathaus. Deshalb sei man seit längerem auf der Suche nach einem privaten Investor. Bisher leider vergeblich. "Da wir in dem Gebäude und seiner historischen Bedeutung für die industrielle Entwicklung der Region durchaus Potenzial sehen, gehört es zu den Projekten, die wir erst vor wenigen Wochen für die Kulturhauptstadt-Bewerbung der Stadt Chemnitz eingereicht haben", sagt Oberbürgermeister Jesko Vogel.

Ortsvorsteherin Annett Groh hat sich Erhalt und sinnvolle Nutzung des Hauses jedenfalls auf die Fahnen geschrieben: "Deshalb habe ich das Haus auch als unentdeckten Ort empfohlen." In diesem Jahr gibt es coronabedingt keine Vor-Ort-Begehungen. Dafür hat ein Filmteam ein spannendes Video gedreht. Und Annett Groh hofft, dass damit das Industriedenkmal ins Bewusstsein der Leute rückt. Und vielleicht gibt es ja irgendwo einen Retter.


Virtueller Rundgang 

In diesem Jahr präsentiert die "Freie Presse" Ihnen wieder interessante "Unentdeckte Orte" - coronabedingt jedoch nur virtuell. Gehen Sie ab heute mit uns online auf eine Tour durch die Spinnmühle in Wolkenburg. Durch die Räume führen Ortsvorsteherin Annett Groh und Gästeführer Reinhold Kaminsky.

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22 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    GertRehn
    03.08.2020

    Frau Klamroth sagte: "Das mag man kaum glauben..."-sie hat es nicht selbstverständlich bejaht.-Mit Altersangaben soll man schon achtsam sein, wenn man nicht Alles kennt.
    Das Gebäude durfte ich vor zwei Jahren besichtigen und es wurde eine Art Gutachterfilm gemacht, dann noch ein Aufmaß und eine Nutzungskonzeption mit Exposé, die vorliegen. Da die Stadt L.-O. das Gebäude sicher nicht sanieren kann, sollte es zum Verkauf ausgeschrieben werden. Der neue Käufer könnte es vermieten an die Tagespflege, den Heimatverein und Ortsvorsteher sowie ev.eine Wohnung.

  • 1
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    gelöschter Nutzer
    01.08.2020

    Frau Klameth stellt die vermeintlich rhetorische Frage: "Das soll das älteste noch erhaltene Fabrikgebäude Sachsens sein?" - und bejaht sie ganz selbstverständlich. Immerhin wurde der Bau von 1795 bis 1799 errichtet. Da kann es ja fast nichts Älteres geben - oder vielleicht doch?
    Ein kurzer Blick in die Wikipedia hätte genügt:

    "Der erste Gebäudeteil wurde 1776/77 im Auftrag des Kattundruckers Johann August Neumeister im Stil des fränkischen Barock ausgeführt. Ermöglicht wurde der Bau, da Neumeister von einer Sozietät namhafter (…) Baumwollwarenhändler sowie dem Rat der Stadt unterstützt wurde. Der schlossähnliche Fabrikbau spiegelt das Selbstbewusstsein der (…) Baumwollverleger jener Jahre wider. Auf Grund persönlicher Kontakte zu Johann Heinrich Schüle dürfte Neumeister die Schülesche Kattunfabrik in Augsburg als Vorbild für sein Manufakturgebäude gedient haben. Wegen der günstigen Geschäftsentwicklung der Kattundruckerei wurde bereits 1779/80 ein zweiter Gebäudeteil, der östliche Risalit, geplant und gebaut."

    Worum es hier geht? Bleiben Sie schön neugierig!