Auszeit: Verein holt Familien aus Alltag

Ein besonderes Erlebnis hatte die Hospizgruppe "Nächstenliebe" in der Plauener Falknerei Herrmann. Familien aus dem Vogtland haben mit ihren schwerkranken Kindern Spannendes aus der Welt der Vögel erfahren.

Auerbach/Plauen.

Gut gelaunt sitzt Leonie in ihrem Rollstuhl. Ihre zwei Minuten später geborene Zwillingsschwester wuselt putzmunter um sie herum. Am Samstag erlebten die Geschwister aus Bad Brambach eine quirlige Show in der Plauener Falknerei Herrmann.

Die beiden siebenjährigen Mädchen gehören zu einer Besuchergruppe des Auerbacher Hospiz- und Beratungsdienstes "Nächstenliebe". Während die faszinierenden Greifvögel über die Köpfe des Publikums flogen, pirschte sich Gudrun Kaune mit Leonie in die erste Reihe vor. Die ehrenamtliche Betreuerin aus Zwota unterstützt die Familie schon über zwei Jahre. Jeden Mittwoch unternimmt sie mit dem schwerkranken Mädchen, das nicht laufen und kaum sprechen kann, kleine Ausflüge in die Umgebung. "In dieser Zeit kann ich mit Nelly zum Tanztraining gehen", verriet Mutter Claudia. Die Unterstützung der ehrenamtlichen Hospizhelferin schätzt die junge Frau aus dem oberen Vogtland sehr. "Gudrun ist unsere adoptierte Oma." Ohne das Hilfsangebot vom Hospizverein wäre vieles nicht möglich. Sie selbst habe eine ganze Weile gebraucht, um mit der Situation fertig zu werden. "Ich musste mein Leben noch einmal neu starten, blickte sie auf die vergangenen Jahre zurück. "Es ein langer Trauerprozess, den man durchlebt." Ihr ist bewusst, dass viele Eltern daran zerbrechen können. Sie habe sich dafür entschieden stark zu sein, um ihren Mädchen das Leben so schön und normal wie möglich zu gestalten. Der Ausflug in die Falknerei machte ihr großen Spaß. "Das ist eine schöne Auszeit vom Alltag."

Begeistert schauten auch Karina und Jörg Rogler den erhabenen Vögeln bei ihren Flugmanövern zu. Die Eheleute aus Bad Elster sind Eltern von insgesamt sieben Kindern. Mit seinen acht Jahren ist Sohn Luis der jüngste Spross. Ein angeborener Gendefekt macht ihm das Leben nicht gerade einfach. Der Junge braucht Rundumbetreuung mit Intensivpflege zu Hause. Zu den Ehrenamtlichen vom Hospizdienst haben die Roglers ein enges Verhältnis. In schwierigen Situationen oder Krisenzeiten sei immer jemand da für sie. "Die Ehrenamtlichen sind nicht mit Geld zu bezahlen. Wenn's darauf ankommt, kann man sich auf sie verlassen." Beim gemeinsamen Fototermin mit einem Falke steuerte Luis mit seinen kleinen Händen den elektrischen Rolli mit viel Gefühl sicher über die Wiese.

Insgesamt sieben Familien aus dem gesamten Vogtland waren an diesem Nachmittag mit ihren kranken Kindern in einer der größten Falknereien Ostdeutschlands am Reißiger Gewerbering dabei. Falkner Hans-Peter Herrmann nahm sie mit auf eine Reise durch mehrere Kontinente. Aus nächster Nähe erlebten sie wie Falken, Geier, Adler, Eulen und Eisvögel im freien Flug ihre Beute schlagen. Nach der Vorführung lud der Falknerei-Chef die Gruppe noch zu einem gemeinsamen Foto-Termin mit den Tieren ein. "Wir sind froh, dass wir diesen Kindern und ihren Eltern ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnten."

Petra Zehe hatte im Vorfeld alles organisiert. Sie zieht die Strippen im Verein. "Ich bin froh, dass alles so gut geklappt hat." In die betroffenen Familien hat die in Trieb wohnende Koordinatorin viele Einblicke. "Sie wollen so wie sie sind akzeptiert und integriert werden."

Die Ehrenamtler sind im Pflegenetzwerk des Vogtlandkreises verankert. Kontakte gibt es unter anderem zu Pflegeheimen, Palliativstationen und dem stationären Hospizdienst. "Derzeit begleiten wir 142 erwachsene Patienten und acht schwerkranke Kinder", verriet Zehe. Jährlich werden in Auerbach und in Klingenthal - dort ist der Sitz des Kinderhospizdienstes - Interessierte zu Hospizhelfern ausgebildet.

KontaktAuerbach (Telefon 03744 365 25 77) Nicolaistraße 35 / Dienstag 15 bis 18 Uhr und Donnerstag 9 bis 12 Uhr.

KontaktKlingenthal: Auerbacher Straße 78/ Dienstag von 9 bis 12 und Donnerstag von 15 bis 18 Uhr. Mobil: 0163 614 90 65

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