Das Akkordeon und sein Weg vom Vogtland nach Nordamerika

Die Geschichte des Instruments in den USA behandelt ein Buch von Bruce Triggs. Die Lektüre liefert auch den Anreiz für weitere Nachforschungen im Musikwinkel.

Markneukirchen/Klingenthal.

1985 gewann mit Peter Soave erstmals ein US-Amerikaner den Klingenthaler Akkordeonwettbewerb und rückte damit das Augenmerk auch musikalisch auf die andere Seite des Atlantik. Drei Jahre später trat Frank Marocco erstmals in Klingenthal auf. Der Mann, der in über 300 Hollywood-Filmen für die Akkordeonmusik zuständig war, kam 2009 und 2011 erneut in die Stadt.

Frank Marocco ist auch eines der Themen im Buch "Accordion Revolution" von Bruce Triggs, der darin einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Instruments in den USA gibt. Und deren Spuren führen natürlich auch in den vogtländischen Musikwinkel.

Es war der Markneukirchner Historiker Erich Wild, der in den Unterlagen der Markneukirchner Handelsfirma F. T. Merz Belege für den ersten Akkordeonhandel mit den USA fand. Im Sommer 1834 kaufte Merz vom Leipziger Händler Christian Püttner "37 Accordions samt Notenbüchlein" und verkaufte sie weiter an Heinrich Schatz in Philadelphia. Geschickt wurden die Instrumente per Segelschiff von Bremen aus. "Das Wiener Akkordeon findet den Weg nach Amerika über die Leipziger Messe und die kleine vogtländische Musikstadt", schrieb der Markneukirchner Wild 1956 in einem Aufsatz für den "Kulturboten".

Diese Quelle war Triggs scheinbar nicht bekannt. Er geht davon aus, dass 1837 über Händler aus Albany (US-Bundesstaat New York) die ersten Akkordeons aus Europa importierten. Da bietet die Geschichte noch viel Platz für Forschungen. Denn auch über den 1864 von Carlsfeld nach Philadelphia ausgewanderten Bandoneon- und Konzertinabauer Carl Friedrich Zimmermann sowie dessen Bruder Rolando ist nur wenig bekannt.

Das Akkordeon war nach den Recherchen von Triggs in den Anfangsjahren vor allem das Instrument der afro-amerikanischen Bevölkerung, die mit Moddy Stanwood bereits 1838 das hatten, was man in der Musikszene heute einen Popstar nennen würde.

Dem Akkordeon zu Kultstatus in den USA verhalfen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem die Einwanderer aus Europa. Stars der Musikszene um 1900 waren beispielsweise die Deiro-Brüder Guido und Pietro, Immigranten aus Italien. Sie bezogen im Palace-Theater in New York Gagen von 600 US-Dollar pro Woche, was nach heutigem Stand etwa 15.000 Dollar wären. Allein von Pietro Deiro sind zudem 152 Plattenaufnahmen bekannt.

Bruce Triggs informiert sehr detailliert über die Vielfalt des Akkordeons in der US-amerikanischen Musikszene, zu deren Blüte auch tausende Instrumente aus dem Klingenthaler Raum beigetragen haben. Für den Handel unterhielten die USA nicht umsonst bis 1916 in Konsulat in Markneukirchen. Viele der frühen amerikanischen Musikstile sind allerdings in Europa kaum bekannt. Es gab kein Radio, und als Tonträger nur Schellackplatten.

Als 1985 Peter Soave in Klingenthal gewann, war die große Zeit des Akkordeons in den USA schon vorbei. Wurden in den 1960er Jahren noch jährlich an die 130.000 Instrumente verkauft, was in etwa die Jahresproduktion der Klingenthaler Harmonikawerke gewesen wäre, so waren es 1975 noch rund 13.000!

Über die große Zeit des Akkordeons in den USA, über die Bruce Triggs schreibt, ist auch im Musikwinkel wenig überliefert. Literarische Zeugnisse gibt es aber vom Zwotaer Max Schmerler. In seinem 1914 in Leipzig und Wien erschienenen Büchlein "Aus dem Musikwinkel" widmet er sich in mehreren Geschichten der Verbindung zwischen Klingenthal und den USA. Eine der Figuren, die er als Vorbild nahm, dürfte Rolando Zimmermann gewesen sein, der nach seiner Rückkehr aus Philadelphia in Brunndöbra niederließ, und als namhafter Bandoneonspieler überliefert ist.

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