Acht Augen sehen mehr als zwei

350.000 Euro haben die Verkehrsbetriebe Zwickau in die neue Sicherheitstechnik gesteckt. Ein Busfahrer atmet deutlich auf.

Zwickau.

Die "Hikvision" braucht keinen Bewegungsmelder, um zu filmen. Sie läuft ständig, schaltet sich erst ab, wenn die Bahn steht, und zeichnet 72 Stunden auf, bevor sie die Aufzeichung selbst überschreibt.

Nach und nach haben die Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ) alle 26 Busse, alle zwölf Niederflurbahnen und jene Tatrabahnen, die nicht durch neue Fahrzeuge ersetzt werden, mit solchen Kameras in den Einstiegsbereichen ausgerüstet. Seit dem Sommer fährt auch die letzte Bahn mit Videotechnik. Bis zu acht "Augen" ruhen nun auf allen, die ein SVZ-Fahrzeug betreten. Für Geschäftsführerin Anett Glöckner und Betriebsratsvorsitzenden Lutz Baumann ein voller Erfolg. "Wir haben nur positive Rückmeldungen", sagt Glöckner.

Anfang 2018 hatten sich die Attacken gegen SVZ-Mitarbeiter gehäuft: Am 11. Februar wurde ein Busfahrer in Rottmannsdorf attackiert, am 16. Februar ein Straßenbahnfahrer in Planitz. Dem Betriebsratsvorsitzenden Lutz Baumann zufolge waren das schon damals keine Einzelfälle mehr. Fahrer wurden regelmäßig beworfen, bespuckt, beleidigt, beschimpft. Mit dem Einbau der Kameras sind solche Taten deutlich zurückgegangen. "Es gab nicht eine einzige negative Stimme unter den Fahrern", so Baumann. Im Gegenteil: Das Sicherheitsgefühl ist gewachsen. Von den 210 SVZ-Mitarbeitern sitzen immerhin 115 am Steuer.

350.000 Euro haben sich die SVZ den Einbau der Technik kosten lassen, mit 235.000 Euro wurde der gefördert. Dazu gehören in vielen Bussen auch Schutzscheiben an der Fahrerkabine. Sehr zufrieden sind die SVZ zudem mit der neuen Sicherheitsfirma, die die Fahrscheine kontrolliert. Weil da auch Mitarbeiter mit nichtdeutschen Wurzeln beschäftigt sind, gab es anfangs zwar Kritik von einigen Fahrgästen. "Das haben wir aber ausgesessen. Die können mit ihren Landsleuten schließlich ganz anders kommunizieren", weiß Glöckner.

Nach ihren Angaben schaut sich niemand im Unternehmen die Aufzeichnungen der Kameras an: "Wir gehen nicht auf Ermittlungstour. Dazu haben wir weder die Zeit noch die Lust oder die Erlaubnis." Im Vorfeld wurden Vereinbarungen mit dem Datenschutzbeauftragten und dem Betriebsrat zur Verwendung des Materials getroffen. Bei Vorfällen gehen die Daten sofort an die Polizei, die auch selbst regelmäßig Anfragen stellt.

Wie Polizeisprecher Oliver Wurdak erklärt, haben die Ordnungshüter dafür extra aufgerüstet: "Seit zwei Monaten besitzt die Polizeidirektion Zwickau eigene Technik, um die Daten der Kameras auszulesen." Das betreffe nur Ermittlungen in Strafverfahren, bei denen die Bilder als Beweismittel dienen könnten. Mitte Dezember 2018 gab es beispielsweise in Oberplanitz eine gefährliche Körperverletzung. Ein 52-Jähriger wurde geschlagen und verletzt. Verdächtig: eine Gruppe Jugendlicher. Die mutmaßlichen Täter verließen den Tatort mit einem Bus der SVZ. Die entsprechenden Bilder wurden ausgelesen und dem Opfer vorgelegt, um die potenziellen Täter identifizieren zu können, so Wurdak. Das Verfahren läuft aber noch, sodass er nicht sagen könne, ob die Bilder hilfreich waren. Nach Angaben von Betriebsratschef Baumann sind die Ermittler jedoch recht zufrieden mit den Bildern. Die Filme seien sehr gut auswertbar, die Leute gut zu erkennen.

Zufrieden reagieren auch die Fahrgäste. Peter Pauker vom Fahrgastbeirat der SVZ hat ausschließlich positive Rückmeldungen bekommen. Zum Tag der offenen Tür der Straßenbahn im Mai hatte der Beirat in einer Zwölf-Fragen-Umfrage explizit die neue Kameratechnik angesprochen. Die Gäste bewerteten die überwiegend als sehr gut und gut. "Das Sicherheitsgefühl ist schon dadurch verbessert worden, weil die Kameras abschrecken", sagte er.

Marcel Kurth, der seit sieben Jahren am Steuer von Straßenbahnen und Bussen der SVZ sitzt, geben die Kameras mehr Sicherheit. "Es gibt weniger Streit, Keilereien und Müll in der Bahn." Zudem muss er nun nicht mehr dauernd in den Spiegel schauen, was hinten gerade wieder für verrückte Sachen ablaufen. "Wir können uns dadurch besser auf den Verkehr konzentrieren", sagt er. Der 42-Jährige ist selbst noch nicht attackiert worden, hat aber schon genug Schlägereien im Fahrgastraum gesehen. "Die sollen sich draußen prügeln, aber nicht im Fahrzeug", sagt der Fahrer, der auch an die Sicherheit der übrigen Passagiere denken muss.

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