Das Theater streckt seine Finger bis auf die Hauptstraße aus

Eine Reihe von Kostümen bringt derzeit Farbe und Formen an die Wände der Galerie der Freunde aktueller Kunst in Zwickau. Das fordert einen Disput heraus. Nicht nur über Kreativität.

Zwickau.

Ist das Kunst ...? Dieser Spruch hat, seitdem eine Putzfrau in den 80er Jahren in Joseph Beuys' Düsseldorfer Atelier eine Fettecke entfernte, zunehmend seine Unschuld verloren. Ist das Kunst - oder kann ich offen drüber schimpfen?

In diesen Tagen ist es nicht nur interessant, die Ausstellungsräume der Freunde aktueller Kunst am Ende der Zwickauer Hauptstraße zu besuchen. Es kann auch ziemlich unterhaltsam sein, das Geschehen von außen zu beobachten. Menschen, die kopfschüttelnd an der Scheibe stehen und zwei Kostüme anstarren, die mit kurzen Röckchen und ballonhaften Brüsten im Dekolletee zurückzwinkern. Skandalös! Und das in Zeiten von #metoo und dem noch immer mühsamen Kampf um so etwas wie Gleichberechtigung. Also bitte: Wie kann man da nur so etwas ausstellen?

Nun, wer nicht reingeht und guckt, erfährt die Antwort nicht. Und verpasst nebenbei die Gelegenheit zum Plausch. Oder zum Disput - je nach Temperament. Denn der Kunstverein, der sich mit seinem Ausstellungsprojekt "Fluid" durchs Jahr mäandert, hat eine Handvoll Kostüme aus dem Theaterfundus in seine Räume gespült. Nicht irgendwelche, sondern die Bekleidung, die dem Stück "La cage aux folles - Ein Käfig voller Narren" erst das richtige Bling verliehen hat. An den Wänden hängen dazu die von Kostümbildnerin Andrea Stölzl gezeichneten Entwürfe. Skizzen, die mehr sind als eine Handreichung für den Schneider. Die etwas über das Stück und dessen Charaktere aussagen. Skizzen, die zeigen, was Kostüme für ein Theaterstück bedeuten: eine Metaebene, eine eigene Aussage.

Und so stehen sie da, diese allzu weiblichen Hüllen, und selbst Tino Helbig, Fundusmeister am Theater in Zwickau, war beim Einrichten der Schau aufgefallen, dass es da doch ein Ungleichgewicht gibt zwischen Rock und Hose, zwischen überbordendem und flachem Dekolletee. Dass diese Kostüme vor allem ein Frauenbild zeichnen, das einige Optimisten und Optimistinnen schon überwunden glaubten. Kleidung, die ungeniert und obendrein noch laut und fröhlich die menschliche Sexualität zur Schau stellt. Dann aber haben sich Tino Helbig und Andrea Stölzl angeschaut und noch einmal überlegt, worum es im Käfig voller Narren eigentlich geht: um einen Club, in dem Männer als Frauen verkleidet auf die Bühne steigen. Ein bisschen wie in der griechischen Tragödie, nur schriller und mit weniger Verlusten.

Wenn man so drüber nachdenkt, muss man feststellen, dass überhaupt keine Damenkostüme ausgestellt sind. Alles eine Übersexualisierung der Männer. So, und nun kann der Disput über Kunst und Rollenspiele endlich beginnen. Im Idealfall wird er mit einer Prise Humor geführt. Vielleicht lockt die Schau auch Menschen ins Theater. Die sehen wollen, wie Kleider aus Darstellern Leute machen.

Das Ausstellungsprojekt ist vor allem auch dazu gedacht, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen und sich über die Frage austauschen, was Kunst denn nun wirklich ist. Dabei ist eingerechnet, dass nicht jedes der in ungewöhnlich schneller Folge unterbreiteten Angebote auch jedem gefällt. Manchmal geht es auch ums Aushalten und Respektieren. Und wem die Kostümschau tatsächlich zu bunt ist, der findet nebenan eine sehr ruhige Installation von Henrike Pilz: Zeichnungen hinter Schleiern, die unantastbar erscheinen, obwohl man nur die Hand ausstrecken müsste, um sie zu berühren.

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