Der rote Christoph macht den Abflug

Zu seinem - symbolisch -letzten Einsatz ist der Rettungshubschrauber der DRF am Mittwoch gestartet. Der Neue nimmt den Dienst am 1. Januar auf.

Zwickau.

Einen kreisrunden, grasgrünen Fleck hinterlässt Christoph 46 auf der von Raureif überzogenen Wiese hinter der Zwickauer Rettungswache. Der rot-weiße Hubschrauber ist gerade abgehoben, er wurde zu einem medizinischen Notfall nach Limbach-Oberfrohna gerufen. Eine Handvoll Männer senkt die Smartphones. Sie haben den Abschied auf Video festgehalten. Es ist ein Abschied für immer.

Keine Stunde zuvor ist der Hubschrauber auf dem Sportplatz bei der Zwickauer Berufsfeuerwehr gelandet. Die Kameraden hatten zu Kaffee und Torte eingeladen, zu letzten Gesprächen unter Kollegen, die 27 Jahre lang gemeinsam geholfen haben, Menschen das Leben zu retten oder sie aus einer schwierigen Lage zu befreien. Nun geht diese Ära zu Ende. Keiner möchte es öffentlich sagen, aber im Grunde sind sich Luftretter und Feuerwehrleute einig: Dass so eine Aufgabe wie die Luftrettung alle acht Jahre neu ausgeschrieben wird, ist nicht gut. Einen alten Baum versetzt man nicht, heißt es. Und einen Hubschrauber samt Besatzung parkt man nicht um wie ein Auto.

"Der logistische Aufwand ist Wahnsinn", sagt Petra Schlupp. Die gelernte Krankenschwester und Rettungsassistentin ist seit 27 Jahren mit Christoph 46 unterwegs. Von Anfang an. Sie kann sich noch daran erinnern, wie sie anfangs mit Blaulicht zum Flugplatz fahren mussten, wenn ein Einsatz anstand. Der große Mi-2 hat ja nirgendwo anders hingepasst. Damit konnte man auch nicht überall landen. Das kann man zwar heute auch noch nicht, aber die modernen Helikopter sind deutlich flexibler. Trotzdem: Pilot Jörg Winkel, der sein Team zum Kaffeetrinken zur Feuerwehr bringt, fliegt immer auf Sicht. "An einem Tag ist der Platz der Völkerfreundschaft gut zum Landen, am nächsten steht ein Zirkus drauf. Ich muss immer die Augen offenhalten", sagt er. Und weiß, dass er das in Zukunft noch viel mehr beherzigen muss.

Der Pilot, der 14 Jahre lang von Zwickau aus zu Unfällen und Notfällen im Radius von rund 50 Kilometern geflogen ist, wird nun für die DRF-Luftrettung als Springer arbeiten -also nicht an einem festen Ort stationiert sein. Damit weiß er schon mehr als Rettungsassistentin Petra Schlupp. Sie kennt ihren künftigen Einsatzort noch nicht. Ein bisschen beneidet sie Dietmar Spar, mit dem sie die Station für Christoph 46 gemeinsam aufgebaut hat: Spar ist seit kurzer Zeit Rentner -aber noch immer ein gern gesehener Gast. Vor allem an diesem Tag, an dem Wehmut und Galgenhumor den Ton angeben.

Die Arbeit in der Luft, die anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe, schweißt zusammen. Auch mit den Menschen am Boden, wie eben der Berufsfeuerwehr. Sie werden sich an ein neues Team gewöhnen müssen. Am 31. Dezember, abends, wird der Staffelstab übergeben. "Wir hatten schon die ersten Besprechungen mit dem ADAC", sagt Feuerwehrchef Heinrich Günnel. Er ist zuversichtlich: "Das wird ein fließender Übergang." Daran glaubt auch Heiko Roth: "Die Jungs und Mädels, die herkommen, sind hochprofessionell." Sie kennen nur noch nicht jeden Winkel. Notfallsanitäter Roth war aus Reinsdorf zur Luftrettung gekommen, arbeitet inzwischen in Dresden und hätte Dietmar Spar im Team nachfolgen sollen. Wieder schiebt sich etwas Wehmut ins Gespräch. Da werden die Luftretter von der Kaffeetafel zum Einsatz gerufen. Es geht hinaus auf den Sportplatz, Jörg Winkel startet die Maschine. Christoph 46 hebt ab und verschwindet. Der nächste Christoph, der hier landet, ist gelb.


Die DRF in Zwickau

Am 1. August 1990 begann die Zeit der modernen Luftrettung in Zwickau. Hier wurde der erste Standort in den neuen Bundesländern eingerichtet. Anfangs war die Luftrettung ein Projekt der Björn-Steiger-Stiftung. Der Hubschrauber -ein russischer Mi-2 - war auf dem Flugplatz stationiert. Inzwischen geht ein EC 135 von Airbus in Westsachsen in die Luft, stationiert ist er am Heinrich-Braun-Klinikum. Träger ist die DRF-Luftrettung. DRF hieß früher Deutsche Rettungsflugwacht.

Nach der erneuten Ausschreibung der Leistungen wird der Träger mit Beginn des neuen Jahres wechseln. Der ADAC übernimmt das Gebiet um Zwickau, während die DRF-Luftrettung sich um den bisherigen ADAC-Standort Bautzen kümmern wird. Dabei bleibt die Bezeichnung Chris- toph46 für Zwickau erhalten, ebenso der Standort.

In Sachsen wird die Konzession jeweils für acht Jahre vergeben, die Leistungen werden europaweit ausgeschrieben. Über die jeweilige Zeitdauer zwischen zwei Ausschreibungen entscheiden die Bundesländer selbst. In Sachsen-Anhalt hat eine Konzession sogar nur sechs Jahre Bestand. (sth)

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