Einer, der weiß, warum man aus Scham lieber schweigt

Ehrensache! Engagiert in Westsachsen. Heute: Roberto Rühlemann hilft im Wohnungslosentreff in Zwickau mit.

Zwickau.

Der torgroße Holzrahmen ist schon fertig, Roberto Rühlemann klopft im Hinterhof des Wohnungslosentreffs der Stadtmission am vergangenen Mittwoch noch die Haken rein. Um den Stoff kümmern sich Jugendliche aus dem Lutherkeller. Es geht um ein Projekt, an dem auch Mondstaubtheater und "Alter Gasometer" beteiligt sind. Rühlemann baut die Mauer, die beim Wendegedenken (Seite 9) eingerissen werden soll. "Ich helfe gern dabei", sagt der 57-jährige Zwickauer.

Seit drei Monaten ist er einer von fünf Ehrenamtlern im Wohnungslosentreff der Stadtmission an der Römerstraße 11. Dass es so etwas in Zwickau gibt, hat er erst im April erfahren - an der eigenen Haut. Rühlemann wurde wohnungslos. "Naja, ich hab einen Bock geschossen, die Geldstrafe nicht bezahlt und musste die dann absitzen." Dadurch ist seine Beziehung kaputt gegangen, seine Lebensgefährtin setzte ihn vor die Tür. Er hat bei Kumpels geschlafen, bis ihm ein Polizist auf dem Zwickauer Bahnhof von der Wohnungsnotfallhilfe erzählte. Dort erfuhr er von der Obdachlosenunterkunft und bekam Hilfe bei allem Behördenkram. Noch heute findet er dort offene Ohren, obgleich sich eines seiner großen Probleme jetzt zu lösen scheint. Rühlemann zieht heute in eine eigene Wohnung ein.

Ist er glücklich? "Was ist Glück?" fragt er zurück. Ein richtiger Job gehört für ihn dazu. Doch der Maurer und Putzer weiß, dass man mit 57 nicht so einfach einen Job bekommt. "Ich war lange im Gleisbau tätig, da hat der Rücken was abgekriegt. Und von Montage habe ich auch die Nase voll, ich war zu lange weg." Im Wohnungslosentreff ist er täglich und hat auch immer irgendetwas zu tun. Es komme immer mal jemand, der fragt: Kannste nicht mal...? "Na, da mach ich halt mal."

Sozialpädagoge Rene Leifer lacht. "Das kann ich nur bestätigen", sagt er. Rühlemann springt sofort an, wenn es etwas zu erledigen gibt: Er hat eine Mauer im Hinterhof geputzt, beim Bau einer Hollywood-Schaukel geholfen, beim Zaunbau im Historischen Dorf mit angepackt, er hilft in der Küche aus und schiebt am Wochenende Dienste im Treff. "Da kommen so zehn bis 20Leute. Mal kochen wir zusammen, spielen Karten, manchmal reden wir auch nur", sagt Rühlemann. Ob Nudeln, Klöße, Fleisch, Suppe oder auch Leber - worauf die Leute Appetit haben, wird gekocht, sagt der Ehrenamtler, der gern in der Küche steht. Und das offenbar auch draufhat. "Es hat sich zumindest noch niemand beschwert", sagt Roberto Rühlemann. Irgendetwas gebe es immer zu tun. "Am Ende des Tages weiß man: Man hat etwas geschafft", so der 57-Jährige.

Manchen, weiß er, fehlt jegliches Selbstwertgefühl. Die rücken nicht von allein mit der Sprache raus. Sie schämen sich für Sachen, für die sie eigentlich nichts können. Er sucht das Gespräch und zeigt Verständnis für Dinge, die ihm selbst widerfahren sind. Für manche hat er gleich einen Tipp parat. "Ob er angenommen wird oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden."

Petro Richter, Abteilungsleiter Wohnungsnotfall- und Straffälligenhilfe der Zwickauer Stadtmission, lobt Rühlemanns Engagement. Und nicht nur seins: "Wir freuen uns über jeden, der trotz seiner schwierigen Lebenssituation eine Aufgabe findet und über diese Aufgabe den Mut, sich zurück ins normale Leben zu kämpfen."

Zum normalen Leben gehört für Rühlemann auch eine Familie. Die fehlt ihm noch. "Aber hier habe ich wenigstens eine kleine Familie gefunden", sagt er lächelnd.

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