"Goodbye Deutschland"-Auswanderer suchen nun in Ortmannsdorf ihr Glück

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Die Ortmanns sind nach Ortmannsdorf gekommen, um die in der Coronakrise geschlossene Gaststätte zu übernehmen. Eigentlich wollten die "Goodbye Deutschland"-Auswanderer bei der Rückkehr nach Berlin oder München.

Ortmannsdorf.

Voriges Jahr um diese Zeit hat Siegmar Ortmann, den alle Siggi nennen, noch als Siglinde, Cindy aus Marzahn oder russische Zarin Touristen und Einheimische in der Travestie-Bar "La Cucaracha" auf Gran Canaria begeistert. Jetzt steht der gebürtige Angermünder mit Mundschutz im Gasthof "Zur Schmiede" im Mülsener Ortsteil Ortmannsdorf an der Theke und übergibt den Gästen die gut verpackten, bestellten Essen, die Ehemann Karl, genannt Kalle, frisch zubereitet hat. "Dass wir einmal einen Dorfgasthof übernehmen, hätten wir uns vor einem Jahr nicht träumen lassen", gibt der gelernte Koch und Elektriker Kalle zu, der aus Niederbayern stammt.

Das Ehepaar, das 13 Jahre lang auf Gran Canaria lebte und arbeitete, ist durch den privaten Fernsehsender Vox als "Goodbye Deutschland"-Auswanderer bekannt geworden. "Der Beitrag über uns war schon 2018 gedreht worden. Damals wollten wir noch die 15 Jahre auf der Insel voll machen. Doch er wurde erst vorigen September ausgestrahlt. Da stand für uns schon fest, dass wir zurück nach Deutschland gehen. Corona war nur einer von vielen Gründen dafür", sagt Siggi und berichtet, dass sie im Sommer 2020 mit einer Travestieshow quer durch Deutschland gereist sind. "Da haben wir die Lage in der Gastronomie sondiert. Eigentlich wollten wir gern nach Berlin oder München. Ein Restaurant hätten wir auch gefunden, aber keine bezahlbare Wohnung."

Auf Gran Canaria zurückgekehrt, suchte das Paar weiter. "Und dabei sind wir unabhängig voneinander zur gleichen Zeit bei Ebay-Kleinanzeigen auf die Gaststätte ,Zur Schmiede' in Ortmannsdorf gestoßen, die zu verpachten war", erinnert sich Kalle. "Obwohl wir beide eigentlich keinen Dorfgasthof wollten, hatten wir sofort ein gutes Gefühl. Und wie sich zeigt, hat es uns nicht getäuscht."

Tino Trültzsch, der in Ortmannsdorf eine Schmiede hat und für seine Gaststätte "Zur Schmiede" gegenüber der Firma neue Betreiber suchte, sagt: "Ich habe erst gedacht, dass es sich um einen Scherz handelt, als sich am Telefon ein gewisser Ortmann meldete und sagte, dass er die Gaststätte in Ortmannsdorf mit seinem Partner gemeinsam pachten will. Zumal es ja auch in Coronazeiten gar nicht so einfach ist, neue Gastronomen zu finden. Aber das Interesse war echt. Im Dezember im Lockdown hat das Paar seinen Abholservice gestartet."

Der läuft gut. Auf den wechselnden Wochenkarten gibt es Gerichte zwischen 4,50 und knapp 10 Euro. Das Sonntagsessen, diese Woche Tafelspitz, ist für 13.90 Euro zu haben. Koch Kalle betont, dass alles frisch zubereitet wird. Tim Wolf freut sich, dass die Gaststätte weiter betrieben wird und nutzt den Abholservice gern. Genau wie Tobias Pilz, Inhaber von Pilz Dentalkonzept gleich um die Ecke, der mit seinem Team zu den Stammkunden gehört. Auf seine Anregung, auch vegetarische Gerichte anzubieten, sagt Kalle: "Auf Wunsch tun wir das problemlos. Ich habe schon Kaiserschmarrn und Spaghetti mit gebratenem Gemüse gemacht." Marcel Kraus, der mit Tochter Felina Mittagessen abholt, ist begeistert von den XXL-Burgern. "Die müsst ihr jeden Monat mal anbieten", rät er.

Die Ortmanns haben gut zu tun. Dienstags bis sonntags kann mittags und abends vorbestelltes Essen abgeholt werden. "Wir sind positiv überrascht, wie das genutzt wird. Es gibt keine Berührungsängste. Das ist für ein schwules Paar nicht überall in Deutschland in einem Dorf selbstverständlich. Die Menschen hier machen es uns einfach, heimisch zu werden", sagt Siggi, der auch einige Koffer voll mit tollen Verkleidungen für Travestieshows von der Insel mitgebracht hat. "Wenn wir nach dem Lockdown wieder öffnen dürfen, werden wir weiter gute deutsche Küche anbieten. Kalle kocht und ich serviere und singe, will ab und an mit Travestie das Publikum begeistern. Aber wir werden auch zu Livemusik und bestimmt mal zu einem spanischen Abend mit Tapas einladen. Toll finden wir, dass uns Tino die Pacht so lange erlässt, bis wir die Gaststätte öffnen dürfen. Das hilft uns, im Lockdown zurechtzukommen."

Das Paar ist wieder angekommen in Deutschland. "Wir haben die Weihnachtszeit hier genossen", sagt Kalle. "Auch unser Papagei Coco gewöhnt sich ein. Er hat zum ersten mal Schnee gesehen und war ganz begeistert davon." Siggi war überrascht, als er zu seinem Geburtstag im Januar von Gästen beschenkt worden ist. "Wir haben keine Minute bereut, nach Ortmannsdorf und nicht nach Berlin oder München gegangen zu sein", sagt er.

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