Jugendliche besuchen Auschwitz

Eine Bildungsreise des Zwickauer Fanprojekts hat 15 junge Leute nach Polen geführt. Die Jugendlichen kritisieren, dass der Gedenkort Auschwitz zu einem Touristenmagneten geworden ist.

Zwickau.

Kein Geplapper mehr, manchen standen die Tränen in den Augen. "Auschwitz ist schon krass. In dem Konzentrationslager ist so viel authentisch, dass in einem die Furcht aufsteigt, es könnte morgen wieder losgehen", sagt Frank Biel, Sozialarbeiter im Fanprojekt Zwickau. Er war mit 15 Jugendlichen aus Zwickau und Dresden auf einer fünftägigen Bildungsreise in Polen. Auf der 1500-Kilometer-Tour gab es jede Menge Geschichte und Kultur, aber auch Fußball zu erleben.

Seit 2011 bietet das Fanprojekt Bildungsfahrten an. Biel zufolge ist der Fußball Mittel zum Zweck. Erst versuchen die Projektbetreuer, an Karten für die Fußballspiele heranzukommen. Dann wird ein Ausflugspaket geschnürt. "Wenn da manch einer das erste Mal in Krakau oder Breslau auf dem Markt steht und sieht, wie dort das Leben pulsiert, wie viel gebaut wird, dann rückt das viele Vorurteile über Polen gerade", sagt Biel.


Diese Reise fand erstmals gemeinsam mit dem Dresdner Fanprojekt stattfand. Unter Zwickauer und Dresdner Fans besteht seit Jahren eine Fanfreundschaft. Acht Zwickauer im Alter von 16 bis 25 Jahren, darunter zwei Mädchen, besuchten die Krakauer Burg, das jüdische Viertel in Kazimierz, Oskar Schindlers Fabrik und die Überbleibsel des Senders Gleiwitz - der angebliche Überfall auf die Station durch polnische Freischärler war von Nazideutschland als Vorwand für den Einmarsch in das Land genutzt worden. In Wirklichkeit handelte es sich um eine von der SS fingierte Aktion.

Zwei Fußballspiele der U-20-WM konnten die Jugendlichen miterleben: Südkorea gegen Argentinien und Nigeria gegen Ukraine. Biel zufolge staubte eine Zwickauerin dabei von einem Spieler aus Nigeria ein Trikot und einen Schal ab. Duroldt ergänzte, dass alle zudem eine neue Erfahrung machten: Schals muss man nicht ziehen, die bekommt man manchmal auch, wenn man einfach nur fragt.

Die KZ-Gedenkstätten Auschwitz und Birkenau bildeten den Abschluss der Reise. Die Jugendlichen gingen an den Mauern des Todes vorbei, wo Menschen erschossen wurden, vorbei an einem riesigen Berg von Schuhen, durch eine Baracke, in die Kinder gepfercht wurden, entlang einer Galerie von Porträtfotos, die sich alle ähnelten - wegen der Sträflingskleidung, der kahlgeschorenen Köpfe, der leeren Augen. Die Zwickauer sahen die Weite des Außenlagers von einem Turm aus und bekamen so ein Gefühl für die Dimension dieses Massenmordes. Die Stimmung danach war sehr bedrückt, erinnern sich Duroldt und Biel. Einige Jugendliche kritisierten aber, dass sie sich bei der Führung gehetzt fühlten. Die Jugendlichen schildern ihre Eindrücke anonym auf der Facebook-Seite des Fanprojekts. Dort schreibt jemand: "Da sehr viele Touristen unterwegs waren, rannten wir von Raum zu Raum, und man hatte nie die Möglichkeit einen Moment der Ruhe zu erleben und nachzudenken, was wir hier gerade sahen. Ich würde mir wünschen, dass die Organisatoren der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau die Führungen nicht als Geldmagnet wie den Eiffelturm in Paris sehen, sondern als einen Ort der Ruhe und der Gedanken."

Das Fanprojekt Zwickau ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und hat 210 Mitglieder. Der Verein finanziert sich aus Geld des DFB, Mitteln der Kommune, des Landkreises und des Freistaats. Hauptzielgruppe sind 14- bis 27-Jährige. Das Fanprojekt begleitet die Anhänger bei allen FSV-Spielen, vermittelt bei drohenden Konflikten, organisiert Veranstaltungen und Bildungsreisen. Bundesweit existieren 62 sozialpädagogische Fanprojekte, die mit 68 Fanszenen arbeiten.

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