"Morgen fahren wir zum Intershop"

30 Jahre Wende: Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Darüber wollen wir in einer neuen Serie berichten - gefragt sind auch Ihre Erinnerungen an jene Monate, die alles veränderten.

Zwickau/Hohenstein-Ernstthal.

Blasenkaugummis, Kinderschokolade, Levi Strauß & Co., Nescafé, Metaxa. Der Schritt über die Schwelle eines Intershops kam einem ein klein wenig vor wie ein Schritt in das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland. Manche DDR-Bürger fühlten sich hier wie in einer kleinen westdeutschen Enklave. Aber der Traum platzte irgendwann; sie bekamen mit, dass die Verkäuferinnen in vielen Intershops auch nur Sächsisch sprachen. Da war klar: Wir sind in Zwickau!

Im heutigen Landkreis gab es bis zum Mauerfall vor 30 Jahren fünf Intershops, also Geschäfte, in denen es ausschließlich Westprodukte gab und in denen nicht mit der schlappen DDR-Mark, sondern nur in harter Währung oder mit Forumschecks - eine der vielen aberwitzigen Blüten des Sozialismus - bezahlt werden durfte. In Zwickau waren es zwei, in Glauchau, Crimmitschau und Hohenstein-Ernstthal je einer. Sie waren ein klassisches Produkt der DDR. Die heutige Aktenlage zur Geschichte dieser Verkaufsstellen in den meisten Archiven ist dünn. Aber im Stadtarchiv von Hohenstein-Ernstthal befindet sich ein Schreiben aus dem Jahre 1987, das Bände spricht und vom Direktor des Volkseigenen Handelsbetriebes HO aufgesetzt wurde.


Es handelt sich um einen "Vorschlag zur Schaffung einer Intershop-Verkaufseinrichtung in der Kreisstadt Hohenstein-Ernstthal". Hochtrabend ist die Rede von einer "Aufgabenstellung der SED-Bezirksleitung zur Entwicklung des Intershop-Handelsnetzes im Bezirk Karl-Marx-Stadt, im Kreis Hohenstein-Ernstthal eine solche Verkaufseinrichtung zu schaffen." Sie sollte "noch 1987 versorgungswirksam werden, das vorhandene Handelsnetz in der Bezirksstadt und Zwickau entlasten und die vorhandenen Zahlungsmittel mit hoher Valutarentabilität realisieren."

Man kann es auch anders ausdrücken: Den DDR-Bürgern, die von ihrer Westverwandtschaft ein paar Mark zugesteckt bekommen hatten, sollte die harte Währung aus der Tasche gezogen werden. Dabei waren Staat und Partei durchaus in der Zwickmühle: Auf der einen Seite benötigten sie dringend Valuta, immerhin erzielten sie mit ihren Intershop-Geschäften 70 Prozent Rendite. Auf der anderen Seite wollten sie aber auch nicht, dass ihren Bürgern jeden Tag vor die Nase gehalten wird, dass es den Menschen in der Bundesrepublik unter Umständen besser geht. So gab es bei der Errichtung des Intershops in Hohenstein-Ernstthal an der Schulstraße durchaus einige Dinge zu beachten. Aus dem Schreiben des HO-Direktors geht hervor: "Die Verkaufsstelle darf nicht in der Haupteinkaufsstraße des Zentrums liegen. Sollte aber zentral erreichbar sein." Was wie ein Witz klingt: "Es dürfen keine Schaufenster vorhanden sein." Dazu mussten die Intershops für damalige Verhältnisse hohen Sicherheitsanforderungen entsprechen (doppelte Verschließbarkeit, Alarmanlage, Vergitterung der Fenster).

Einen Haken hatte der Standort: Gegenüber befand sich das heutige Lessinggymnasium. "Wenn Lieferung kam und der Transporter mit den Westwaren ausgeladen wurde, da drückten sich die Schüler an den Fenstern die Nasen platt", erinnert sich Gabriele Dreyer, heute Lehrerin in der Schule. Erinnern kann sie sich an den typischen Intershop-Geruch: "Er war leicht süßlich, ohne aber aufdringlich zu sein." Witzigerweise rochen alle Intershops in der DDR gleich, und viele dachten, so riecht der Westen. Gleich kurz nach dem Mauerfall stellten aber die meisten fest, dass kein einziges Geschäft in der Bundesrepublik so roch. Gabriele Dreyer: "Irgendwie steckt bis heute ein Rätsel in dem Intershop-Geruch."

Ab 1979 mussten die DDR-Bürger ihr Westgeld auf der Staatsbank gegen Forumschecks eintauschen. Die sahen aus wie Spielgeld. Nur die Westverwandtschaft durfte noch mit der harten D-Mark bezahlen. Oft führte sie ihre ostdeutschen Gastgeber in die Intershops aus, so wie Harald Bergner seinen Bruder Friedrich. Sie waren immer im Intershop an der Bahnhofstraße in Zwickau einkaufen, der zweite befand sich direkt im Bahnhofsgebäude.

Harald Bergner, heute 79 Jahre alt, hatte Zwickau 1957 verlassen und lebt inzwischen in Gronau an der holländischen Grenze. Seit Anfang der 70er-Jahre besuchte er mit seiner Frau regelmäßig seine Heimatstadt und natürlich seinen Bruder. "Damals bin ich noch mit dem Interzonenzug gefahren", sagte er. "Da konnten wir natürlich nicht so viel an Geschenken mitnehmen." Der Intershop löste das Problem. Bergner erinnert sich an die lange Schlange, in die er sich immer einreihen musste, denn im Intershop gab es keine Selbstbedienung. "Ich hatte immer das Gefühl, abgeschätzt und als BRD-Bürger eingestuft zu werden", sagt Bergner. Er wusste damals noch nicht, dass die Intershop-Läden von der Stasi überwacht wurden.

Bergner kaufte Jeans für die Kinder des Bruders, Schallplatten, eine Kaffeemaschine samt Kaffee, Apfelsinen, Kaugummi, Seife und Strumpfhosen für die Schwägerin, Schokolade und regelmäßig einen guten Cognac. Er sagt: "Ich weiß nicht mehr, wie viel Geld ich in all den Jahren im Intershop gelassen habe". Den Laden hat er als eng und nicht besonders kundenfreundlich in Erinnerung. Bergner: "Es war ein beklemmendes Gefühl, wenn man bedenkt, dass der normale DDR-Bürger dort so gut wie gar nichts einkaufen konnte". Daher waren die Einkaufstaschen immer vollgepackt, wenn die Brüder wieder auf die Bahnhofstraße traten.

Dem älteren Bruder Friedrich war das alles peinlich: "Ich habe mich nie mit in die Schlange gestellt, blieb etwas abseits. Es sah immer so aus, als wären wir von Harald und seinem Westgeld abhängig". Trotzdem war seine Familie froh über alles, was aus dem Intershop kam. Half es doch auch über die DDR-Mangelwirtschaft hinweg. "Schon die Verpackungen waren ganz anders", so Friedrich Bergner. "Selbst die Schachtel der Seife haben wir nicht gern weggeworfen."

Mittlerweile schmunzelt er darüber. Aber nie hat Friedrich seinen Bruder um etwas gebeten. Er wusste ja, dass Harald auch für sein Geld arbeiten musste. Heute treffen sich die beiden regelmäßig, mal in Gronau und mal im Erzgebirge, wo Friedrich inzwischen wohnt. Es ist längst ein immer wiederkehrender Gag geworden: "Morgen fahren wir zum Intershop". Einmal haben sie es getan und sind losgefahren. Da waren sie enttäuscht, als sie vor zwei Jahren das verfallene Haus gesehen haben. Dennoch sind sie froh, dass sie den Intershop nicht mehr brauchen.

Wie war Ihr 1989? Schreiben Sie uns, damit wir Geschichte(n) erzählen können. Am besten per E-Mail an red.zwickau@freiepresse.de. Betreff: Wendejubiläum.

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